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Tanz im Judentum: Von rituellem Freude zum mystischen Ekstase

Einführung: Tanz als religiöse Gebot und Ausdruck der Seele

Im Gegensatz zu einigen christlichen Traditionen nimmt der Tanz im Judentum historisch einen festen und bedeutenden Platz ein, als legaler und oft vorgeschriebener Ausdruck religiöser Ausdrucksweise. Er wird nicht als weltliches Vergnügen, sondern als Instrument des Dienstes (Avoda) verstanden, um Freude vor Gott auszudrücken, die Gemeinschaft zu vereinen und spirituelle Höhen zu erreichen. Seine Rolle und Formen variieren je nach Kontext: von obligatorischen Riten auf der Hochzeit bis zu spontanen Manifestationen mystischen Ekstases.

Biblische und talmudische Grundlagen

Im Tanach (Alten Testament) wird der Tanz oft als Bestandteil öffentlicher Feierlichkeiten und Dankbarkeit erwähnt.

Sieg und Befreiung: Nach dem Übergang über das Rote Meer nahm die Prophetin Mirjam (Mariam) den Trommelstock in die Hand, und alle Frauen gingen ihr mit Freude und Tanz nach (Exodus 15:20). Der Tanz hier ist der kollektive Antwort auf das Wunder der Rettung.

Religiöse Freude: Der König David «hopschte und tanzte» vor dem Schrein des Bundes, als er ihn nach Jerusalem einbrachte (II Könige 6:14-16). Dieses Ereignis wurde archetypisch: Tanz als Form eines äußerst ehrlichen, unbeschränkten Dienstes an Gott, ungeachtet der Konventionen (wofür ihn seine Frau Michal tadelte).

Laufende und rituelle Kontexte: Im Buch der Richter (21:21) werden die Tänze der Mädchen auf dem Fest in Shilo beschrieben, das später im Kontext der Verlobung interpretiert wurde. In den Psalmen gibt es Aufrufe, «mit Pauken und Liedern [Tänzen] ihn zu preisen» (Ps. 150:4).

Talmud und spätere rabbinische Literatur festigen die Tänze als unverzichtbaren Bestandteil der Hochzeitszeremonie und schicken, die Bräutigam und Braut zu unterhalten.

Ritueller Tanz: Hauptkontexte

1. Hochzeits-Tänze.
Dies ist das zentrale und am weitesten entwickelte Manifestation des Tanztraditions. Die Tänze auf der jüdischen Hochzeit (Hupah) haben klare Funktionen:

Mizwa-Tanz: Die Pflicht der Gäste, den Bräutigam und die Braut zu unterhalten. Tanzen alle, unabhängig vom Alter und Status.

Gender-Segregation: In orthodoxen Gemeinden tanzen Männer und Frauen getrennt, oft mit physischer Trennung (Mehitza). Manchmal können Männer vor der Braut tanzen, und Frauen vor dem Bräutigam, um sie zu erfreuen.

Spezifische Formen:

«Metsze Nush» (Tanz mit Tuch): In der aschkenasischen Tradition ein Tanz, bei dem Männer, die die Enden eines Tuchs oder Gürtels halten, mit dem Bräutigam tanzen und ihn im Kreis führen.

Chora (Runde Tänze): Besonders charakteristisch für die Juden Osteuropas und der Balkan. Ein schneller, energischer Tanz im Kreis, der das Einheit der Gemeinschaft symbolisiert.

Tänze mit Akrobatik und Humor: Um das Paar zu erfreuen, können Gäste komische, scherzhafte Tänze aufführen.

2. Feste-Tänze (Simchat Torah, Purim, Lag ba-Omer).

Simchat Torah («Freude der Thora»): Der Höhepunkt des tanzenden Ausdrucks im Judentum. Nach Abschluss des jährlichen Zyklus der Thora werden die Rollen feierlich herausgebracht und die gesamte Gemeinschaft (Männer) tanzt mit ihnen in der Synagoge mehrere Stunden hintereinander. Der Tanz hier ist ein körperliches Ausdruck der Liebe zur Thora, der Einheit mit ihrer Weisheit. Man tanzt, die Rollen in der Hand haltend, was den Tanz in einen tiefen intimen Akt mit der Heiligkeit verwandelt.

Purim: Bei diesem Fest der Rettung von der Vernichtung wird gefeiert, einschließlich Tanzen, oft in Karnevalskostümen.

Lag ba-Omer: An diesem Tag, der mit dem Rabbi Schimon bar Jochai verbunden ist, wird empfohlen, Lagerfeuer zu entzünden und um sie herum zu tanzen, insbesondere unter religiösen Zionisten und Chassidim.

Chassidischer Tanz: Tanz als Gebet und mystisches Instrument
Der Chassidismus (entstanden im 18. Jahrhundert) vollzog eine Revolution in Bezug auf den Tanz, verlieh ihm ein zentrales mystisches und theologisches Bedeutung.

Theologie: Die Chassiden glauben, dass das göttliche Präsenz (Schchina) in der Freude ist. Der Tanz ist ein Weg, «die Freude von unten zu erwecken», um einen göttlichen Echo von oben zu erzeugen. Das Körper durch den Tanz wird zum Instrument des Dienstes gleichwertig mit dem Verstand.

«Dvekut» (Anhaften an Gott): Der ekstatische Tanz wird als Mittel zur Erreichung des Zustands des Dvekut — eines mystischen Einvernehmens mit dem Schöpfer, des Ausstiegs über das eigene «Ich» — betrachtet.

Rebbe als Zentrum: Während der chassidischen «Tisch» (Treffen mit dem Rebbe) symbolisieren die Tänze um den Rebbe die Einheit der Gemeinschaft und ihre Verbindung mit dem Tzadik (heiligen Führer).

Spezielle Tänze: Einige chassidische Hofe haben ihre eigenen einzigartigen Tänze, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, oft mit tiefem symbolischem Bedeutung (z.B. ein langsamer, konzentrierter Tanz der Karlin-Stolin Chassiden).

Israelische Volks-Tänze: profane Neubewertung

Im 20. Jahrhundert, mit dem Aufkommen des Zionismus und der Gründung des Staates Israel, entstand das Phänomen des israelischen Volks-Tanzes (Rikudei Am). Dies ist eine säkulare, aber tief nationalische Form, die Elemente der chassidischen Chora, jemenischen, arabischen, balkanischen und europäischen Choreografie einbezieht. Der Tanz «Chora» wurde zum Symbol des zionistischen Kollektivismus und des Aufbaus einer neuen Lebens. Diese Tänze werden auf säkularen Festen, Festivals und sind ein wichtiger Bestandteil der israelischen kulturellen Identität.

Gender-Aspekte

Im orthodoxen Judentum sind tanzpraktiken streng nach geschlechtlichen Merkmalen getrennt aufgrund der Gesetze der Tzniut (Bescheidenheit). Mischungen sind verboten. Dies führte zur Entwicklung reicher, aber paralleler männlicher und weiblicher Tanztraditionen. In konservativen, reformistischen und säkularen jüdischen Gemeinden werden diese Beschränkungen aufgehoben.

Tanz in der modernen jüdischen Kultur

Heute existiert der Tanz im Judentum in einem breiten Spektrum:

Erhaltung traditioneller Formen in orthodoxen und chassidischen Gemeinden.

Tanzvorstellungen zu jüdischen Themen im Rahmen der modernen Kunst.

Therapeutische Nutzung (z.B. in jüdischen Gemeinschaftszentren).

Studium und Rekonstruktion jüdischer Tänze der Diaspora.

Symbolische Bedeutungen

Kreis (Chora): Symbol des Einheits der Gemeinschaft, der Zyklicalität der Zeit, der Gleichheit vor Gott.

Erhebung: Die Bewegung nach oben im Tanz kann einen spirituellen Aufstieg symbolisieren.

Freude (Simcha): Das Ausdruck der Gebot, Gott in Freude zu dienen.

Sieg über Trauer und Böse: Besonders im Kontext von Purim.

Schluss: die verklärte Freude des Gebots

Der Tanz im Judentum ist nicht ein marginal oder fragwürdiges Handeln, sondern eine vollwertige und wichtige Bestandteil des religiösen und gemeinchaftlichen Lebens. Vom biblischen Zeitalter bis heute dient er als Kanal für die Ausdruck der tiefsten Gefühle: Dankbarkeit für die Rettung, Liebe zur Thora, Hochzeitsfreude, mystisches Streben nach Gott und nationaler Einheit.

Seine Stabilität zeigt den holistischen Ansatz des Judentums zum menschlichen Wesen, wo Körper, Seele und Geist unauflöslich in der Dienst sind. Die chassidische Maxime «Alle Knochen meiner sagen: Herr, wer ist dir gleich!» (Ps. 35:10) spiegelt diese Idee perfekt wider: Im Tanz beteiligt sich das gesamte Wesen, jede seiner Teile preist den Schöpfer. Somit ist der jüdische Tanz nicht nur Bewegung, sondern Philosophie, verkörpert in Pластиk und Gebet, das das gesamte Körper ausdrückt.
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