Das Konzept des «Tanzalgoritmus» hat sich im 21. Jahrhundert von einer Metapher (strenge Abfolge von Pausen im klassischen Ballett) bis zur tatsächlichen Nutzung computergestützter Algorithmen zur Erstellung, Analyse und Aufführung von Choreografien entwickelt. Dies hat eine neue interdisziplinäre Disziplin an der Schnittstelle von Performance, Mathematik und künstlicher Intelligenz hervorgebracht, wo der Code nicht nur ein Werkzeug, sondern auch ein Mitautor und das Körper des Tänzers ein Interface zwischen dem digitalen und physischen wird.
Moderna Choreografen nutzen algorithmische Systeme, um kreativen Stillstand zu überwinden, nicht offensichtliche Muster zu finden und ihr kompositorisches Sprachrepertoire zu erweitern.
Generative Choreografie: Choreografen, wie Wayne McGregor (Firma Random Dance), nutzen Software (z.B. DanceForms oder benutzerdefinierte Algorithmen), in die Parameter des Körpers, grundlegende Bewegungen und Regeln ihrer Kombination eingefügt werden. Der Algorithmus generiert Tausende von Varianten, aus denen der Choreograf die interessantesten auswählt. Dies verschiebt seine Rolle von «Erfinder» zu «Kurator», der mit einem Massiv von Daten arbeitet, die von der Maschine erstellt wurden.
Stochastische und fraktale Modelle: Algorithmen, die auf der Chaos-Theorie, natürlichen Prozessen (Wachstum von Pflanzen, Schwarmverhalten) oder mathematischen Fraktalen basieren, erstellen komplexe, selbstorganisierte Kompositionen. Die Inszenierung «Agentur einsamer Herzen» von Troika Rumpf verwendet Algorithmen, die das Verhalten der Menge simulieren, wo jeder Tänzer nach einfachen lokalen Regeln handelt, was zu einem globalen, unvorhersehbaren Ordnung führt.
Beispiel: Projekt «Living Archive» von Akram Khan. Hier analysieren Algorithmen des maschinellen Lernens archivische Aufzeichnungen von Auftritten legendärer Tänzer (wie Michael Jackson oder Sylvie Guillem) und schlagen neue Bewegungen vor, die vom Stil inspiriert sind, und schaffen so einen Dialog zwischen Erbe und Zukunft.
Hier reagiert der Algorithmus in Echtzeit auf die Bewegungen des Tänzers und erstellt eine immersive Umgebung oder verwaltet andere Medien.
Reaktive Visualisierung und Sound: In den Performances von Adam Benjamin oder Claudia Huez werden durch den Körper (Akcelerometer, Gyroskope) oder Systeme wie Kinect Parameter der Bewegung (Geschwindigkeit, Amplitude, Impuls) gelesen. Algorithmen wandeln diese Daten in generative Grafik oder eine musikalische Partitur um. Der Tanz zeichnet buchstäblich einen visuellen Reihe und erstellt einen Saundskape. Das Körper wird zum Werkzeug der Programmierung.
Digitale Zwillinge und erweiterte Realität: Technologien wie Motion Capture (wie in Projekten von Gideon Obarzanek) ermöglichen die Erstellung eines präzisen digitalen Avatars des Tänzers. Der Algorithmus kann dann diesen Avatar transformieren, indem er seine Bewegungen den Gesetzen der Physik anderer Welten (Fließen, Fliegen, Zerfall) unterwirft, was für ein lebendes Körper unmöglich ist. In AR-Inszenierungen sehen die Zuschauer durch Brillen neben den lebenden Ausführenden ihre algorithmisch generierten «Doubles» oder fantastische Kreaturen.
Interessanter Fakt: Im Jahr 2009 schuf der Choreograf Frederic Vanhove den Performance «Gráinne», wo die Tänzerin in einem Dialog mit einem virtuellen Agenten, dessen Verhalten von einer Neuronetzwerk, das auf ihren vorherigen Proben trainiert wurde, gesteuert wurde, bewegte. Dies war einer der ersten Fälle, in denen KI ein vollwertiger Partner auf der Bühne wurde.
Algorithmen werden für eine objektive Analyse des Tanzes eingesetzt, was Ansätze zur Bildung, Kritik und Konservierung verändert.
Laboranalyse des Bewegens: Systeme wie Laban Movement Analysis (LMA), digitalisiert und durch Algorithmen der ComputerVision (OpenPose, DeepLabCut) verstärkt, ermöglichen einen Mikroanalyse der Darbietungstechnik, die einzigartige motorische «Fingerabdrücke» erkennen und sogar Verletzungsrisiken diagnostizieren. Dies verwandelt das intuitive Kunstwerk in eine empirische Wissenschaft.
Digitale Archive und semantischer Suchen: Das Projekt «WhoLoDancE» (EU) verwendet Algorithmen zur Erstellung von 3D-Bibliotheken von Bewegungen. Der Benutzer kann im Archiv nicht nach Namen, sondern nach Beschreibung («Drehen mit Sprung») oder nach einem handschriftlichen Silhouette suchen. Der Algorithmus findet alle ähnlichen Fragmente in verschiedenen Aufzeichnungen. Dies revolutioniert das Studium der Geschichte des Tanzes.
Algorithmische Kritik: Pilotprojekte wie der «Choreographic Language Agent» von der Gruppe Forking Room versuchen, einen KI zu erstellen, der nicht nur Bewegungen generiert, sondern auch eine kritische Bewertung gibt, die Struktur kommentiert und Klischees erkennt. Dies stellt die Frage nach der Natur des künstlerischen Urteils.
Die Einführung von Algorithmen wirft tiefgreifende Fragen auf:
Autorrecht: Wenn Choreografie von KI auf Basis von Daten von Tausenden von Ausführenden generiert wird, wem gehört das Recht? Dem Tänzer, der die Daten bereitgestellt hat? Dem Programmierer? Dem Kurator-Choreografen?
«Dekvalifizierung» des Körpers: Führt die Optimierung der Bewegung durch den Algorithmus nicht zur Verlust der einzigartigen menschlichen Fühlbarkeit, Fehler, emotionalen Ausbruch? Entsteht ein neues, posthumanes Körper?Biopolitik und Kontrolle: Können Algorithmen zur Analyse der Bewegung, die für die Verbesserung eingesetzt werden, auch zur Normalisierung und Kontrolle (z.B. im Sport oder in der Produktion) verwendet werden, indem sie den «idealen», effizienten und daher unterwürfigen Körper existierens vorschreiben?
Wissenschaftlicher Kontext: Die französische Philosophin Katrin Mallabou führt das Konzept der «Plastizität» ein, als Fähigkeit der Form zur Transformation. Der algorithmische Tanz führt diese Plastizität zum absoluten, transformiert das Körper in ein endlos wiedergewinnbares Material. Allerdings tritt ein Paradox auf: Die absolute Freiheit der Variationen, die durch den Code vorgeschrieben werden, kann in eine neue Unfreiheit umkehren — eine Diktatur der ausgeschöpften kombinatorischen Möglichkeiten, die den unvorhersehbaren «Schrei der Hoffnung» ausschließt, der, nach der Meinung des Philosophen Georges Bataille, die Essenz des Kunstwerks ist.
Der Algorithmus im Tanz des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr nur ein Metronom oder eine Aufzeichnung. Er ist ein Mitautor, eine Umgebung, ein Analytiker und eine Herausforderung. Er verschwimmt die Grenzen zwischen Organischem und Synthetischem, Intuitivem und Berechnungsmäßigem, Kunst und Wissenschaft. Die vielversprechendsten Praktiken sehen in ihm nicht die Ersetzung des menschlichen Schaffens, sondern ein «intelligentes Spiegelbild», das uns die Muster unserer eigenen Körpersubstanz wider spiegelt und uns neue Perspektiven bietet. Die Zukunft liegt wahrscheinlich nicht in der Gegensetzung des «lebenden» Tanzes und des «toten» Codes, sondern in ihrem Syntiose, wo der Algorithmus die Palette des Choreografen erweitert, und der Choreograf den Algorithmus lehrt, die Unvorhersehbarkeit, den Rauschen und jene «Menschlichkeit» zu schätzen, die bislang nicht auf reine Daten reduziert werden kann. Der Tanz wird zu einem Poligon für den Dialog zwischen biologischem und digitalem Intelligenz, wo das Körper bleibt der letzte und schwierigste Argument.
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