Berge, als einer der grundlegenden Elemente des physischen Landschafts, sind auch mächtige kulturelle Konstrukte. Sie funktionieren in mythologischen, religiösen, künstlerischen und philosophischen Systemen nicht als passiver Hintergrund, sondern als aktive semantische Akteure. Die kulturelle Eroberung der Berge ist ein Prozess ihrer Semantisierung, der ihnen Bedeutungen verleiht, die von sakraler Furcht bis zu ästhetischem Ekstas, von unüberwindbarem Barrier bis zum Symbol des geistigen Aufstiegs variieren. Die Untersuchung des Interesses von Kultur und Bergen liegt in dem Bereich der kulturellen Geographie, der Ikonologie (Wissenschaft der Bilder) und der Ökokritik.
Seit der Antike haben Berge als axis mundi (Achse der Welt) gedient, als verbindendes Element zwischen Himmel, Erde und Unterwelt.
Der Olymp in der antiken Griechenland — die Heimat der Götter, unzugänglich für Sterbliche.
Sion in der jüdischen und dann christlichen Tradition — Symbol des göttlichen Präsenz und der Erlösung.
Meru/Sumer in der indischen, buddhistischen und jainistischen Kosmologie — die kosmische Berg in der Mitte der Welt.
Fudschijama im Shintoismus — heilige Berg, Inkarnation des Gottes, Pilgerziel.
Diese heiligen Berge mussten nicht unbedingt die höchsten sein, aber sie wurden Zentren der kulturellen Welt, die sich um sie herum ein Bedeutungsfeld organisierten.
Philosophische und ästhetische Revolution: Von der Furcht zum Erhabenen
Ein kardinaler Wandel in der Wahrnehmung der Berge in der westlichen Kultur fand am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts im Rahmen der Ästhetik des Erhabenen (sublime) statt, entwickelt von Edmund Burke und Immanuel Kant. Wenn Berge zuvor als «unerwünschte Wucherungen» auf dem Körper der Erde (in der Ausdrucksweise des Philosophen Thomas Hobbes) angesehen wurden, so wurden sie nun als Maßstab des Erhabenen — eines Erlebnisses, das Furcht und Ekstas vor der Größe und Macht der Natur, die den Menschen übersteigt, kombiniert. Dies hatte direkt Einfluss auf den Romantismus:
Malerei: Caspar David Friedrich («Der Wanderer über dem Nebelmeer») und Künstler der Hudson River School in den USA (Albert Bierstadt, Thomas Cole) zeigten Berge als Ort eines mystischen Offenbarung und des Treffens des Menschen mit dem Unendlichen.
Literatur: Gedichte von Lord Byron («Manfred»), Werke von Samuel Taylor Coleridge und William Wordsworth (der einen Zyklus von Sonetten dem Thema der Berge widmete) machten den Berglandschaft zu einem Raum innerer Reflexion, Melancholie und geistiger Suche.
Im Zeitalter der Entstehung der Nationenstaaten wurden Berge mächtige nationale Symbole, die Grenzen markieren und Identität bilden.
Die Alpen als Symbol der Schweiz, das die Ideen der Freiheit, Reinheit und Beständigkeit verkörpert.
Die Tatra in der polnischen und slowakischen Kultur, romantisiert als Festung des nationalen Geistes.
Die Himalaya als «Schutzwall» und geistige Wiege Indiens.
Der Kaukasus in der russischen Kultur des 19. Jahrhunderts — ein Raum der Exotik, Freiheit und des individuellen Aufstands (Dichtungen von A.S. Puschkin und M.J. Lermontov).
Berge werden auch zu Orten der Erinnerung (lieu de mémoire): Orte der Schlachten (der Suvorov-Pass in den schweizerischen Alpen), Tragödien (der Hügel auf dem Dятлов-Pass im Ural) oder heldenhafter Taten (das erste Besteigen des Mount Everest im Jahr 1953 als Symbol des Wiederaufbaus Großbritanniens nach dem Krieg).
Völker, die seit Jahrhunderten in Bergregionen leben, haben einzigartige kulturelle Komplexe entwickelt:
Anden-Kulturen (Inka): Sakralisierung der Berge (apu — Geister der Berge), Terrassenbau, Architektur, die sich ideal in den Landschaft einfügt (Machu Picchu).
Himalaya-Kulturen: Buddhistische und hinduistische Symbolik, Pilgerpraxis (kora) um heilige Gipfel (Kailas), anpassungsfähige Architektur.
Kaukasische Kulturen: Kultur der Gastfreundschaft und des Kriegs Ehre, die sich in isolierten Schluchten und der ständigen Notwendigkeit der Verteidigung entwickelt hat; epische Dichtung (nartischer Epos).
Diese Kulturen zeigen nicht ein passives Anpassen, sondern eine aktive kreative Aneignung der Berglandschaft, die ihre Einschränkungen in Ressourcen für die Bildung einzigartiger sozialer Normen, Ästhetik und Glaubenssysteme umwandelt.
Im 20. und 21. Jahrhundert entwickelt sich das Bild der Berge weiter:
Kinematografie: Von epischen Filmen («Der Grenzbereich») bis zu philosophischen Fabeln («Die Tal der Ahnen», «Auf deinen Höhen»). Berge treten als Metapher für inneres Erlebnis, Reinheit oder, umgekehrt, der unerbittlichen Natur als Herausforderung. Dieser Bild wird in der Werbung kommerzialisiert, symbolisiert Freiheit, Extrem und Erfolg.
Spiele und Lebensstil: Der Aufstieg des Bergsteigens, des Skisports, des Freerides hat eine ganze Subkultur geschaffen, in der der Berg ein «Spielplatz» und eine Herausforderung ist. Dieser Bild wird in der Werbung kommerzialisiert, symbolisiert Freiheit, Extrem und Erfolg.
Ökologischer Diskurs: Berge, insbesondere die schmelzenden Gletscher, wurden zur Ikone des Klimakrisis. Ihr Bild verändert sich von ewig und unveränderlich in brüchig und verletzlich, was neue kulturelle Narrativen des Schutzes und der Verantwortung hervorruft.
Berg als Bibliothek: In den buddhistischen Traditionen Tibets und Mongolien werden heilige Texte oft in Stupas oder Nischen in den Bergen vergraben, den gesamten Landschaft in ein Lagerhaus des sakralen Wissens zu verwandeln.
「Everest-Fluch」: Der Aufstieg auf den höchsten Berg der Welt hat eine eigene Mythologie hervorgebracht — Geschichten über «grüne Schuhe», Gespenster, ethischen Dilemmata am Rande des Lebens und Todes, die Teil des modernen Volksmärchens geworden sind.
Musa-Dag — Berg Moses: Im Verlauf des Völkermords der Armenier 1915 organisierten die Bewohner mehrerer Dörfer auf dem Musa-Dag (heute in der Türkei) eine Verteidigung und hielten stand. Diese Geschichte, beschrieben von Franz Werfel, hat den konkreten Berg zum Symbol des Widerstands und der Überlebensfähigkeit eines ganzen Volkes gemacht.
Land-Art: Werke von Künstlern wie dem britischen Bildhauer Andy Goldsworthy, die direkt in den Bergen aus Handwerkmaterialien (Schnee, Steine, Eis) erstellt werden, sind eine Versuch, einen Dialog mit dem Berglandschaft auf der Sprache der modernen Kunst zu führen.
Kultur spiegelt nicht nur die Berge wider — sie konstituiert sie. Eine und dieselbe geologische Formation kann als Gefängnis der Dämonen, göttlicher Thron, nationaler Symbol, Sportausrüstung oder Aufruf zur ökologischen Mobilisierung verstanden werden. Berge dienen als kulturelle Bildschirme, auf die Gesellschaften ihre Ängste, Ideale, geistigen Suchen und politischen Ambitionen projizieren.
Das Interesses von Kultur und Bergen ist ein Dialog, in dem die physische Realität Einschränkungen (Höhe, Kälte, Schwierigkeit des Zugangs) auferlegt, und Kultur darauf antwortet, indem sie Bedeutungen schafft, die diese Einschränkungen in eine Quelle der Kraft, Schönheit und Identität umwandeln. Vom sakralen Bild der alten Kosmologien bis zu den digitalen Tracks auf dem GPS-Navigator des modernen Bergsteigers — der Mensch schreibt und überarbeitet kontinuierlich den Text über die Berge. Und dieser Text, diese «Semeiosphäre der Vertikale», bleibt eines der tiefsten und vielschichtigen Erzählungen über das menschliche Wesen, über sein Verhältnis zur Natur, zum Transzendenten und zu seinen eigenen Grenzen. Das Verständnis der Berge als kulturellen Phänomenes ermöglicht es, sie nicht nur als Element des Landschafts zu sehen, sondern als Schlüsselknoten im Netz der menschlichen Bedeutungen.
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