Die Interaktion von Menschen mit Entwicklungsauffälligkeiten (einschließlich geistiger Behinderungen, Autismus-Spektrum-Störungen — ASS, Down-Syndrom und anderen) mit der Berglandschaft ist ein komplexes und vielschichtiges Phänomen. Es balanciert zwischen zwei Extremen: einerseits werden Berge traditionell als Risikogebiet und anspruchsvoll wahrgenommen, das zusätzliche Barrieren schafft; andererseits verfügen sie über ein einzigartiges therapeutisches und entwickelndes Potenzial, das als Raum für persönliches Wachstum, soziale Integration und Erweiterung der Möglichkeiten dienen kann. Der wissenschaftliche Analyse dieses Interakionsprozesses liegt das Gebiet der adaptiven körperlichen Kultur, Eco- und Tiertherapie, Psychologie der Umwelt und sozialer Inklusion zugrunde.
Die Besonderheit des Berglandschafts kann strukturierend und harmonisierend wirken.
Sensorische Integration und Regulierung: Für viele Menschen mit ASS und anderen Entwicklungsauffälligkeiten sind Schwierigkeiten bei der sensorischen Verarbeitung charakteristisch. Die Berglandschaft bietet, wenn sie angemessen dosiert wird:
Programmierbare sensorische Belastung: Klarere physische Empfindungen (Kühlheit des Windes, Textur des Steins, Duft des Tannens) können vorhersehbarer und «reiner» als die chaotische sensorische Umgebung der Stadt sein. Dies fördert die sensorische Integration.
Deep Propriozeptive und vestibuläre Stimulation: Dosierte körperliche Aktivität (Gehen auf dem Pfad, einfache Besteigungen) gibt eine starke propriozeptive Belastung (Empfinden des Körpers im Raum), die beruhigend und organisierend für das Nervensystem wirkt.
«Weiche Faszination» (soft fascination): Das Betrachten majestätischer, aber nicht aggressiv verändernder Landschaften (Berggipfel, Panoramen) ermöglicht die Verringerung von Angst und psychischem Ermüdung, die für viele Menschen mit Entwicklungsauffälligkeiten typisch sind, indem das Aufmerksamkeit auf unaufdringliche Weise gelenkt wird.
Entwicklung von Kommunikation und sozialen Fähigkeiten in einer informellen Umgebung: Gemeinsame Wanderungen oder das Aufenthalt in einem Berglager schaffen eine natürliche Situation für Zusammenarbeit, gegenseitige Hilfe und nichtverbalen Kommunikation. Eine gemeinsame Zielsetzung (erreichen eines Wasserfalls, Aufbau eines Zeltes) strukturiert das Interagieren, reduziert soziale Angst.
Steigerung des Selbstbewusstseins und die Entwicklung von Selbstwirksamkeit: Das erfolgreiche Überwinden von machbaren Hindernissen (Aufstieg, Überquerung eines Baches) wird ein mächtiges Erlebnis des Erreichens, besonders bedeutend für Menschen, die oft mit Einschränkungen und Überopferung konfrontiert sind. Dies ist ein direkter Weg zur Stärkung der Selbstwirksamkeit — Glaube an seine eigenen Kräfte.
Die Berglandschaft stellt auch besondere Anforderungen, die berücksichtigt werden müssen:
Störung der Routine und Unvorhersehbarkeit: Für Menschen mit ASS und geistigen Behinderungen sind Vorhersehbarkeit und Rituale oft entscheidend wichtig. Wetteränderungen, die Notwendigkeit der Improvisation, Änderungen des Routes können Quellen starken Stresses und Désadaptation sein.
Sensorische Überlastung: Starker Wind, der Lärm des Bergflusses, helles Sonnenlicht, das auf Schnee reflektiert, kann im Gegenteil sensorische Überlastung und einen meltdown (Zusammenbruch) verursachen.
Probleme mit abstrakter Denkfähigkeit und Risikoeinschätzung: Schwierigkeiten bei der Verständigung von Ursache und Wirkung und der Bewertung potenzieller Gefahren (Kante des Abgrunds, Wetteränderungen) erfordern ständige, unaufdringliche, aber wachsamere Begleitung.
Physiologische Besonderheiten: Zum Beispiel können Menschen mit Down-Syndrom häufig begleitende Erkrankungen (Herzfehler, Hypotonie) haben, die besondere Aufmerksamkeit bei Höhenbelastungen erfordern.
Um Risiken zu minimieren und das Potenzial zu entfalten, sind sorgfältige Anpassungen erforderlich:
Vorbereitung und Visualisierung: Die Verwendung sozialer Geschichten (social stories), Fotos, Videoclips, Karten des Routenverlaufs, um den am besten vorhersehbaren Szenario zu schaffen.
Strukturierung von Raum und Zeit: Ein klarer, visuell dargestellter Tagesablauf im Trekking oder im Lager. Der Aufteilung des Routes in kurze, verständliche Abschnitte mit klaren Zielen («Jetzt gehen wir bis zum großen Stein, dort wird es eine Pause geben»).
Adaptives Ausrüstung: Die Verwendung von Trekkingstöcken für Stabilität, spezielle Rucksäcke, Zelte mit einfacher Aufbausystem. Für Menschen mit motorischen Behinderungen gibt es Bergrollstühle (all-terrain wheelchairs) mit Ketten- oder Schrittlaufantrieb und Mittel für den barrierefreien Tourismus wie Trikes.
Vorbereitung der Begleiter (Führer, Freiwillige, Verwandte): Schulung in den Grundlagen des Verständnisses von Besonderheiten, Fähigkeiten zur Deeskalation von Verhalten, Unterstützung der Kommunikation (einschließlich alternativer und zusätzlicher — AAC).
Projekt «Adaptiver Bergsteig» in den USA und Europa: Organisationen wie Paradox Sports (USA) oder Kletterfreunde (Deutschland) führen Kletter- und Bergsteigprogramme für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen durch, die ein System der Sicherung und Unterstützung verwenden, bei dem der Teilnehmer einen machbaren Teil der Arbeit erledigt. Ein positiver Einfluss auf das psychische Wohlbefinden wurde nachgewiesen.
Kanistherapie (Hundetherapie) in den Bergen: Gemeinsame Wanderungen mit speziell ausgebildeten Hundekompanien. Ein Hund kann Funktionen als Motivator, Quelle des taktilen Kontakts und der Verringerung von Angst sowie zur Navigation für Menschen mit Sehbehinderungen oder ASS übernehmen.
Ippotherapie in der Berglandschaft: Reiten und das Aufenthalt mit Pferden in den Vorbergen und Alpenwiesen, die sensorische Integration, die Entwicklung motorischer Fähigkeiten und den emotionalen Kontakt mit dem Tier im natürlichen Landschaftsraum kombinieren.
Erlebnis von spezialisierten Lagern: Zum Beispiel Lager für Jugendliche mit ASS in den Karpaten oder auf dem Altai, wo das Programm um ökologische Wege, die Beobachtung der Natur, einfache Handwerk mit klarer Struktur und visuellem Zeitplan gebaut wird.
Es ist wichtig, zwei Extreme zu vermeiden: das populistische «Überwinden unter allen Umständen», wenn das Risiko nicht der Fähigkeiten des Menschen entspricht, und das paternalistische Verweigern, das den Menschen vollständig aus dem Erlebnis der Interaktion mit den Bergen aufgrund von Überlegungen ausschließt.
Prinzip «Nichts für uns ohne uns»: Die Einbeziehung selbstständiger Menschen mit Entwicklungsauffälligkeiten (sofern möglich) und ihrer Familien in die Planung der Programme.
Auf den Prozess konzentrieren, nicht auf das Ergebnis: Der Wert liegt im eigenen Erlebnis des Aufenthalts, der Kommunikation, den neuen Empfindungen, nicht im «Besteigen der Spitze» als Symbol.
Erhöhung der Sichtbarkeit und Normalisierung: Die Teilnahme von Menschen mit Entwicklungsauffälligkeiten an Bergaktivitäten trägt zur Veränderung des öffentlichen Verständnisses bei, indem sie Stereotypen über ihre Passivität und Einschränkungen brechen.
Berge für Menschen mit Entwicklungsauffälligkeiten sind nicht eindeutig feindlich oder, umgekehrt, idealisiert heilend. Es ist ein potenzielles Raum für die Erweiterung der Grenzen des Möglichen, das sorgfältige, individuelle und respektvolle Anpassung erfordert.
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