Die Wahrnehmung des Berglandschafts durch den Menschen ist ein komplexer psychophysiologischer und kulturell bedingter Prozess. Dies ist keine passive „Lesung“ visueller Informationen, sondern ein aktiver Dialog, an dem alte neuronale Ketten beteiligt sind, die für die Bewertung von Bedrohung und Sicherheit, ästhetische Gefühle, geformt durch die Geschichte der Kunst, und persönliches Erlebnis verantwortlich sind. Die wissenschaftliche Untersuchung dieses Phänomens liegt am Übergang zwischen kognitiver Psychologie, Neuroästhetik, ökologischer Psychologie und Kulturwissenschaft, die erklären, warum Berge gleichzeitig beunruhigen und anziehen, unterdrücken und erheben.
Der menschliche Gehirn hat sich in der afrikanischen Savanne entwickelt und seine grundlegenden Wahrnehmungssysteme sind auf bestimmte Landschaftsmodelle eingestellt, die das Überleben sichern (Theorie der Biophilie von E.O. Wilson). Berge jedoch stellen einen „Überreizung“ dar, die verstärkte Reaktionen hervorruft:
Reaktion auf Perspektive und Refugium: Die visuelle Struktur des Berglandschafts enthält oft:
Perspektive (prospect) — offene Panoramaansichten von Erhebungen, die einen strategischen Überblick über das Gebiet ermöglichen, was die Systeme zur Suche nach Ressourcen und Bewertung der Möglichkeiten aktiviert.
Refugium (refuge) — geschützte, sichere Orte (Höhlen, Waldhänge, Täler), die unbewusst als sichere Zufluchten wahrgenommen werden.
Die Kombination von Perspektive und Refugium, die für Berge typisch ist, schafft eine ideale Umgebung für das alte Gehirn, die sowohl ein Gefühl der Aufregung als auch der Sicherheit hervorruft.
Aktivierung des Mandelkörpers und Gefühl des Erhabenen: Die Grandiosität, Vertikalität und potenzielle Gefahr der Berge (Abgründe, Lawinen) können die Mandarine aktivieren — den Gehirnzentrum, das für die Verarbeitung von Angst und emotionalem Erregung verantwortlich ist. Allerdings interpretiert das Gehirn dieses Erregung nicht als reinen Schreck, sondern als ein erhabenes (sublime) Erlebnis — eine Mischung aus Schaudern, Ehrfurcht und Freude am Anschauen überlegener Kraft. Dies ist mit der Arbeit des Belohnungssystems (vorderen Cortex und nucleus accumbens) verbunden.
Wahrnehmung von Fraktalität und Komplexität: Natürliche Landschaften, einschließlich der Berge, besitzen eine fraktale Struktur (Selbstähnlichkeit von Formen verschiedener Größen). Studien zeigen, dass das menschliche Gehirn eine mittlere Komplexität (charakteristisch für die Natur) bevorzugt, was ein Zustand der leichten Fascination (soft fascination) hervorruft, der zur Wiederherstellung der Aufmerksamkeit und zur Verringerung des Stress levels beiträgt.
Erholungseffekt (Attention Restoration Theory): Der Berglandschaft, insbesondere der, der weit von der urbanen Umgebung entfernt ist, erfordert „ungerichtete Aufmerksamkeit“. Das Betrachten desselben ermöglicht es der erschöpften Funktion des „direkten gerichteten Aufmerksamkeits“, die für die Arbeit in der Stadt erforderlich ist, sich zu erholen. Dies führt zu einer Verringerung des Stress levels, mentaler Erschöpfung und einer Verbesserung der kognitiven Funktionen.
Erlebnis des Schauderns (awe): Berge sind ein klassischer Stimulus für das Erlebnis des Schauderns — einer Emotion, die bei der Begegnung mit etwas Unendlichem auftritt, das die mentalen Schemata in Frage stellt. Studien von Dacher Keltner zeigen, dass Schaudern das Gefühl der eigenen Wichtigkeit (Ego) verringert, prosoziales Verhalten stärkt und ein Gefühl der Verbindung mit etwas Größerem hervorruft.
Ausforderung und Selbstwirksamkeit: Das aktive Interagieren mit den Bergen (Besteigung, Trekking) ist mit dem Überwinden von Schwierigkeiten verbunden. Das erfolgreiche Abschließen eines Routens führt zur Freisetzung von Dopamin und zur Erhöhung der Selbstwirksamkeit — dem Glauben an seine eigenen Kräfte, was auf andere Bereiche des Lebens übertragen wird.
Die Wahrnehmung wird tief durch die Kultur vermittelt. Das, was eine Epoche als hässlich und gefährlich ansah, sah eine andere als schön und spirituell.
Präklassische und klassische Perspektive: In der Antike und im Mittelalter wurden Berge oft als „Landflecken“ betrachtet, nutzlose oder gefährliche Lebensräume von Wildlingen und Geistern (in der griechischen Mythologie — Titanen).
Die Renaissance und der Romantik: Maler (Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer) begannen, Berge als natürliche Phänomene zu studieren. Später machten die Romantiker (Caspar David Friedrich) den Berg zu einem meditativen Objekt und Symbol des spirituellen Strebens. Die Kultur hat die Menschen gelehrt, in den Bergen nicht Chaos, sondern einen erhabenen Ordnung zu sehen.
Der moderne touristische Blick: Durch Fotografie, Film und soziale Netzwerke hat sich ein erkennbares „ikonografisches“ Bild der Berge (z.B. die Aussicht auf den Matterhorn vom See Riffelalp) entwickelt, das die Menschen suchen und reproduzieren, um ihren ästhetischen und sozialen Erlebnis zu bestätigen.
Die Wahrnehmung variiert abhängig von:
Personlichem Erlebnis und Know-how: Ein Alpinist sieht in einem Hang eine technische Aufgabe und einen möglichen Weg, ein Geologe die Geschichte tektonischer Verschiebungen, ein lokaler Bewohner ein Weidegebiet oder eine Gefahr.
Psychologischem Typ: Menschen mit hoher Bedürfnis nach Empfindungen (sensation seekers) suchen in den Bergen nach intensiven Erfahrungen, während andere das meditative Frieden der Täler bevorzugen.
Der Effekt des „Pik-Endes“: Das Erlebnis eines Bergsteigens kann durch seinen Höhepunkt (Blick von der Spitze) und das Ende bestimmt werden, nicht durch die mittleren Schwierigkeiten. Dieses Entdeckung des Psychologen Daniel Kahneman erklärt, warum schwierige Besteigungen später als glückliche in Erinnerung bleiben.
„Stendhal-Syndrom“ in den Bergen: Es wurden Fälle beschrieben, in denen Menschen in den Bergen Schwindel, Tachykardie und sogar Halluzinationen nicht aufgrund der Höhe, sondern aufgrund des Überflusses an unerwarteter Schönheit erleben, was einem neurologischen Phänomen nahe kommt, das in Museen beobachtet wird.
Experiment mit virtueller Realität: Studien, bei denen Menschen durch VR-Brillen auf eine virtuelle Berge „aufsteigen“ konnten, zeigten, dass selbst ein simuliertes Aufsteigen physiologische Reaktionen (Veränderung des Herzschlags) und eine Erhöhung des prosozialen Verhaltens nach dem „Aufstieg“ hervorruft.
Phänomen des „Berg Wahnsinns“ (Ikari): Bei japanischen Alpinisten gibt es das Konzept des „Ikari“ — ein Zustand von Euphorie und Verlust der Vorsicht auf großer Höhe, der zu tödlichen Fehlern führen kann. Dies ist ein Beispiel dafür, wie verändertes Bewusstsein direkt das Verhalten beeinflusst.
Die Wahrnehmung des Berglandschafts ist nicht ein Abbild der objektiven Realität, sondern eine komplexe Konstruktion, die auf dem Übergang von neuronalen Impulsen, kulturellen Codes und persönlicher Geschichte aufgebaut wird. Berge stellen unsere sensorischen und motorischen Systeme, unser emotionales Repertoire und unsere kognitiven Schemata vor eine Herausforderung, die das Gehirn in einem besonderen Modus arbeiten lässt, der zwischen Angst und Ekstase balanciert.
Dieses Erlebnis hat ein tiefes adaptatives und therapeutisches Bedeutung: Es kann die Psyche durch eine leichte Fascination und Schaudern heilen, ein Gefühl des Sinns durch das Überwinden und als Brücke zwischen individuellem Bewusstsein und universellen, fast archetypischen Erfahrungen von Größe und Geheimnis bieten. Schließlich sieht der Mensch, wenn er auf die Berge schaut, nicht nur Felsen und Schnee, sondern auch eine Projektion seiner eigenen Möglichkeiten, Ängste und Bestrebungen nach dem Transzendenten. Das Verständnis dieses Mechanismus ermöglicht es nicht nur, den Magnetismus der Berge zu erklären, sondern auch den Kontakt mit ihnen bewusst als mächtiges Werkzeug für psychische Erholung, persönliches Wachstum und kulturellen Dialog zu nutzen. Der Berg wird zu einem Spiegel, in dem das Tiefste in der menschlichen Natur widergespiegelt wird.
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