Im orthodoxen Kalender sind die Ereignisse der Beschneidung des Herrn (14. Januar) und der Taufe des Herrn (Epiphanie, 19. Januar) nur wenige Tage voneinander getrennt. Diese liturgische Nähe ist nicht zufällig: Sie spiegelt eine tiefe theologische und narrativische Symmetrie wider, die vom Evangelisten Lukas aufgebaut und durch das heilige Vaterschaft entwickelt wurde. Diese beiden Ereignisse bilden eine einheitliche «Initiations-Sinfonie», die den Sinn der Verkündigung von zwei ergänzenden Seiten enthüllt: der Eintritt in den alten Bund und der Beginn des Dienstes im neuen Bund.
Beide Feste stehen am Ende des Weihnachtszyklus (von der Geburt bis zur Taufe). Die Beschneidung beendet den Zyklus der Weihnachtsfeste, indem sie die Ereignisse des Kindheitstages Christi abschließt. Die Taufe öffnet den Zyklus der Erscheinung im Weltall (Epiphanie), indem sie das Beginn der öffentlichen Predigt zeugt. Somit dienen sie als liturgische Klammern, innerhalb derer das Geheimnis der Erscheinung Gottes in Fleisch enthüllt wird: von einem verborgenen, untergesetzlichen Zustand bis zu einem offenen, öffentlichen Zeugnis.
Beschneidung: Achte Tag nach der Geburt. Erster Akt der Unterwerfung unter das Gesetz, erstes Blutvergießen, Namensbestimmung als Jesus. Das Ereignis findet in der häuslichen/rituellen Sphäre bei Zeugen der Familie statt. Es zeugt vom Eintritt in die menschliche Familie und den spezifischen religiösen Körper (Judentum).
Taufe: Um das 30. Lebensjahr herum. Erster Akt des öffentlichen Dienstes, die Erscheinung als Messias, symbolisches Eintauchen in das Wasser des Todes und der Sünde. Das Ereignis findet öffentlich am Jordanfluss statt, bei einer großen Menschenmenge und dem Zeugnis Johannes des Täufers und des Gesangs aus dem Himmel. Es zeugt vom Beginn der erlösenden Mission und der Erscheinung der Dreifaltigkeit der Welt.
Beide Ereignisse sind «erste» in ihren Zyklen (Kindszeit und Dienst), beide verbunden mit dem Namen «Jesus» und beide umfassen den Aspekt des Zeugnisses (Gesetz/Propheten in der Person des Vollziehenden – Johannes der Täufer).
Die Verbindung der beiden Ereignisse wird nach dem Prinzip der Vorstellung – Erfüllung, Schatten – Leib, Zeichen – Realität aufgebaut.
«Beschneidung Christi» als Vorstellung der Taufe. Der Apostel Paulus schreibt direkt: «In ihm sind ihr durch die Beschneidung des unverletzlichen Schnitts, durch Entkleidung des sündlichen Fleisches, durch die Beschneidung Christi, begraben mit ihm in der Taufe» (Kol. 2:11-12). Hier vollzieht Paulus einen theologischen Synthese:
Altes Testament Beschneidung (Zeichen des Bundes) → «Beschneidung Christi» (geistige Realität, vollbracht durch Christus) → Taufe (tainätische Beteiligung des Gläubigen an dieser Realität).
Physische Blut des Bundes → Erlösende Blut Christi → Taufwasser als Symbol der Reinigung und des Todes mit Christus.
Dadurch wird die Taufe als «geistige Beschneidung» verstanden, die Erfüllung und Überwindung des alten Vorbildes. Die Beschneidung des Herrn ist das erste sakramentelle Handeln Christi als Mensch, das auf das Hauptchristliche Tauftaufe hinweist.
Die beiden Bundes in der Gestalt Christi. In der Beschneidung nimmt Christus die entire Last des Alten Bundes auf sich, indem er sich freiwillig seinen Bestimmungen unterwirft. In der Taufe gründet Er den Neuen Bund, heiligt die wasserartige Natur und öffnet den Weg zur Wiedergeburt «durch Wasser und Geist». Er ist Der, Der im Zentrum beider Bundes steht, sowohl der Vollzieher des Gesetzes als auch der Verfueger der Gnade.
Interessanterweise wird in der byzantinischen und alten russischen Hymnologie (Stichiren der Feste) eine direkte Parallelität zwischen dem Blut der Beschneidung und dem Taufwasser gezogen. In den Gesängen zur Beschneidung wird gesagt, dass Christus «durch die körperliche Beschneidung den alten Bund vollbringt und das neue, seelische Beschneidung der neuen Gnade zeigt» (russ. «…zeigte das geistige Beschneidung der neuen Gnade»). Und im Troper der Taufe wird gesungen: «…erscheine, Christe Gott… und die Welt erleuchte, Ehre Dir». Das Licht der Erleuchtung (der Taufe) wird mit der Offenbarung in Verbindung gebracht, die mit dem Akt der Demut (der Beschneidung) begann.
Beide Ereignisse betreffen das Heilen und die Verwandlung der menschlichen Natur, aber auf verschiedenen Ebenen:
Bei der Beschneidung nimmt Christus, obwohl er ohne Sünde ist, das Zeichen an, das mit dem Vergeben des ersten Sündens in der jüdischen Tradition verbunden ist (Beschneidung als «Siegel des Bundes», das den Sünde bedeckt). Auf diese Weise nimmt Er solidarisch mit der Menschheit die Konsequenzen des Sündens auf sich und beginnt mit dem Heilen der Natur «von innen» durch Gehorsam.
Bei der Taufe taucht Er in die Wasser ein, die die Sünde und den Tod symbolisieren, um die wasserartige Natur zu heiligen und sie zum Werkzeug des neuen Erwachens zu machen. Wenn die Beschneidung der Anfang des Heilens im Kontext des Gesetzes ist, dann ist die Taufe die Etablierung eines neuen ontologischen Existenzmodus (des Lebens in Christus) für die gesamte Menschheit.
Somit sind dies zwei Etappen einer einzigen erlösenden Handlung: der Eintritt in die verletzende Natur (Beschneidung) und die Verleihung eines neuen Lebensmodus (Taufe).
In der Ikonomie beider Ereignisse ist eine Schlüsselfigur, die das Ereignis an Christus vollzieht, präsent:
Bei der Ikone der Beschneidung – ein alttestamentlicher Priester (oder der alte Mann Simon) mit dem Messer.
Bei der Ikone der Taufe – Johannes der Täufer, der letzte Prophet des Alten Bundes, der seine Hand auf Christus legt.
Beide Bilder betonen die Verbindung der Zeiten: Christus nimmt das Dienst von den Vertretern des Alten Bundes an, um ihn zu erfüllen und zu verändern. Kompositionell werden beide Szenen oft vertikal aufgebaut, mit der Gestalt Christi in der Mitte und der segnenden Hand Gottes Vaters oben (offenbar in der Taufe, impliziert in der Beschneidung).
Für den Christen hat diese Verbindung direkte praktische Bedeutung:
Die Taufe ist für ihn, was die Beschneidung für Christus war: der Eintritt in den Bund (aber bereits den neuen), das Erhalten des christlichen Namens, der erste Akt des Gehorsams dem Glauben.
Beide Ereignisse sprechen von der Notwendigkeit der Symbiose (Synergie): Christus nimmt freiwillig die Beschneidung und die Taufe an; der Mensch muss freiwillig und bewusst die Taufe annehmen und gemäß ihr leben.
Sie weisen auf den Weg der Demut als einzigen Weg zur Erleuchtung hin: Christus erniedrigt sich, indem Er die Beschneidung und die Taufe annimmt, um die Menschheit zu erhöhen.
Die Verbindung der Beschneidung und der Taufe des Herrn ist nicht nur chronologische Nähe, sondern eine tief durchdachte theologische Struktur. Diese Ereignisse bilden einen Dipychus der Offenbarung über die Mission Christi.
Die Beschneidung ist das kenyotische (verachtende) Maß der Verkündigung: Gott wird unter das Gesetz gestellt.
Die Taufe ist das manifestatorische (erscheinende) Maß der Verkündigung: Gott erscheint als Retter.
Insgesamt zeigen sie, dass die Rettung nicht über die menschliche Natur und Geschichte erfolgt, sondern durch ihre vollständige Annahme und Verwandlung. Christus hebt den Alten Bund nicht rücksichtslos auf, sondern geht ihn bis zum Ende durch (Beschneidung), um am Ende des Neuen zu erscheinen (Taufe). Daher die Feier der Beschneidung vor der Taufe – ist ein liturgisches Gedenken daran, dass die Tür in das Himmelreich nicht durch Machtwillen, sondern durch das demütige Gehorsam des Gottmensches geöffnet wurde, das mit dem ersten Bund mit Abraham begann und im Wasser des Jordan endete. Das ist eine einheitliche Geheimnis der «Herabkunft und Erscheinung», wo jedes Ereignis das andere beleuchtet und vertieft.
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