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Übernahmen aus dem Französischen im Russischen nach dem Krieg von 1812: Paradox des kulturellen Einflusses


Einleitung: Von Antagonismus zur Anpassung

Der Krieg von 1812, als national-erlösender und patriotischer wahrgenommen, schuf einen starken ideologischen Trend, alles Französische als feindlich abzulehnen. Dennoch zeigten die linguistischen Prozesse einen Paradoxon: Trotz der offiziellen und öffentlichen Franzophobie verschwanden die französische Sprache und ihr lexicografischer Einfluss nicht nur nicht, sondern adaptierten sich, tief in die russische sprachliche Textur eingegangen. Der Nachkriegszeitraum wurde zur Zeit nicht der Einstellung der Übernahmen, sondern ihrer qualitativen Transformation: von der Sphäre des weltlichen Etiketts in die Bereiche des Alltags, der Kunst, der Politik und der gesellschaftlichen Gedanken, oft ihren offenbar «gallischen» Charakter verlierend und den Status der neutralen oder sogar hohen Lexik erwerbend.

1. Historischer Kontext: Wechsel der kulturellen Paradigmen

Bis 1812 war Französisch die Sprache der Aristokratie, eine Art «Latein» des höheren Lichts. Der Vaterländische Krieg veränderte seinen Status drastisch: Die öffentliche Nutzung wurde ein Zeichen schlechten Geschmacks, ja manchmal auch Unpatriotismus. Allerdings zu den 1820er Jahren, mit der Öffnung der Grenzen nach den Auslandzügen der russischen Armee, stieß das Adel (insbesondere das Offizierskorps) wieder auf die französische Kultur, aber nicht mehr als auf ein Vorbild, sondern als auf ein Objekt der kritischen Reflexion. Dies verursachte ein zwiespältiges Verhältnis: Sprachliches Abweisung in der Öffentlichkeit und fortlaufende alltägliche und intellektuelle Assimilation in der privaten Sphäre und der Literatur.

2. Hauptthemen der postkrieglichen Übernahmen

Die Übernahmen gingen weniger aus dem Salonjargon als aus den Sphären, die für die postkriegliche und vorderdeutsche Gesellschaft relevant waren.

A) Militär und Verwaltung:
Russland, zur führenden europäischen Macht geworden, übernahm Begriffe, die mit der neuen militärischen und zivilen Realität verbunden waren. Zum Beispiel:

«Echelon» (fr. échelon — Abstufung, Stufe) — ursprünglich ein militärischer Begriff für die Aufstellung von Truppen, später für den Eisenbahnzug.

«Sapeur» (fr. sapeur), «Mine» (fr. mine) — Begriffe der Ingenieurtruppen, die nach dem Krieg besondere Aktualität erlangten.

«Régime» (fr. régime) — im Sinne des staatlichen Systems oder des festgelegten Ordnungs.

B) Politik und soziale Gedanken:
Genau in dieser Zeit beginnt die aktive Assimilation der Lexik, die mit revolutionären und liberalen Ideen verbunden ist, die ihren Höhepunkt in der Mitte des Jahrhunderts erreichen wird.

«Parlament» (fr. parlement), «Bourgeoisie» (fr. bourgeoisie), «Proletariat» (fr. prolétariat — durch die französische sozialistische Literatur).

«Intelligenzija» — obwohl das Wort lateinische Wurzeln hat, kam es in die russische Sprache durch polnisch, das, seinerseits, es aus dem Französischen übernahm (intelligentsia).

«Kommuнизm» (fr. communisme), «Sotsializm» (fr. socialisme).

В) Literatur, Kunst und Mode:
Frankreich blieb die Gesetzgeberin der Geschmäcker. Neue Begriffe beschrieben Realitäten des kulturellen Lebens:

«Vodevil» (fr. vaudeville), «Répertoire» (fr. répertoire), «Pièce» (fr. pièce).

«Avant-garde» (fr. avant-garde) — ursprünglich ein militärischer Begriff, aber bereits im 19. Jahrhundert begann er in einem übertragenen Sinne verwendet zu werden.

«Boulevard» (fr. boulevard — breiter Boulevard auf dem Gebiet ehemaliger Festungen), «Trottoir» (fr. trottoir).

«Modèle» (fr. modèle), «Mannequin» (fr. mannequin), «Corset» (fr. corset).

Г) Alltagslexik und Gastronomie:
Diese Wörter wurden schnell russifiziert, und sie wurden nicht mehr als fremd wahrgenommen.

«Marmelade» (fr. marmelade), «Mayonnaise» (fr. mayonnaise), «Omelette» (fr. omelette), «Bouillon» (fr. bouillon).

«Möbel» (fr. meuble), «Garderobe» (fr. garde-robe), «Toilette» (fr. toilette — ursprünglich «Wäsche», «Anordnung»).

3. Linguistische Schicksale der Übernahmen: Assimilation und semantische Verschiebungen

Nach 1812 durchliefen die Übernahmen einen strengeren Filter des nationalen Bewusstseins.

Semantische Anpassung: Wörter erhielten oft ein neues, spezifisch russisches Bedeutung. Zum Beispiel, «sharomijnik» — von dem französischen Anrede «cher ami» (lieber Freund), mit dem man von den sich zurückziehenden aus Russland abziehenden französischen Soldaten um Essen bat. Das Wort erhielt einen verunglimpfenden Akzent «Bettler».

Phonetische und morphologische Russifizierung: Wörter unterworfenen sich aktiv den Regeln der russischen Grammatik: «Restoran» (fr. restaurant) erhielt das russische Kasus, «kofe» (fr. café) — männlicher Genus, im Widerspruch zur ursprünglichen Neutrum.

Funktionelle Veränderung: Wenn Gallicismen vor dem Krieg ein Marker des sozialen Status waren, dann wurden sie nach dem Krieg häufiger Nominalnotwendigkeit, um Lücken für neue Begriffe zu füllen.

Interessanter Fakt: Das Wort «gallicisme» (fr. gallicisme) — Bezeichnung für ein französisches Lehnwort — hat sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Zeit der aktiven Reflexion dieses sprachlichen Phänomens, fest in den russischen wissenschaftlichen Betrieb eingeschlichen.

4. Rolle der Literatur: Von Karmazin bis Gogol

Russische Schriftsteller spielten eine Schlüsselrolle im Schicksal der französischen Wörter. Wenn N.M. Karamzin am Ende des 18. Jahrhunderts bewusst aus dem Französischen entlehnte (trogatel'nyj von touchant, promysl'nost' von industrie), dann wurde das Verhältnis nach dem Krieg kritischer. A.S. Griboedov in «Gore ot umma» (1824) hat die Mischung aus «französischem und nizhegorodskem» verspottet. Allerdings enthält die Sprache der Komödie viele fest etablierte Übernahmen («restauracija», «publica», «kalambur»). W.G. Belinskiy in den 1840er Jahren aktiv verwendete und propagierte die neue gesellschaftlich-politische Lexik französischen Ursprungs, sah in ihr ein Instrument zur Ausdrucksweise fortschrittlicher Ideen.

Schluss: Ergebnis der nicht-imperialistischen Ära

Der Krieg von 1812 hat den Prozess der Übernahme nicht gestoppt, sondern seinen Charakter und die ideologische Farbe radikal verändert. Aus der Sprache des Symbols einer fremden, wenn auch geschätzten, Kultur wurde Französisch zu einem der Schlüsselkanäle für den Einzug moderner europäischer politischer, sozialer und wissenschaftlicher Konzepte in Russland. Die meisten Übernahmen dieses Zeitalters waren keine oberflächliche Mode; sie bedeuteten Realitäten, für die es im Russischen keine Äquivalente gab, und wurden daher fest verwurzelt, wurden zur unverzichtbaren Teil des russischen Lexikons.

So hat die Nachkriegszeit gezeigt, dass sprachliche Prozesse eine erhebliche Inertie besitzen und der Logik der kulturell-intellektuellen Notwendigkeit folgen, die sich den aktuellen politischen Trends widersetzen kann. Die französischen Übernahmen nach 1812 sind ein bemerkenswerter Beispiel der kulturellen Resilienz und der Fähigkeit der Sprache, sich zu bereichern, selbst bei einem «Besiegten» im ideologischen Gegensatz zum Quelle.


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