Hassrede (hate speech) ist nicht nur beleidigende Lexik, sondern systematisches diskursives Gewalt, das darauf abzielt, das Bild des «Fremden» als feindliche, niedrigere oder gefährliche Gruppe zu konstruieren. Sein Ziel ist weniger, die Emotionen des Sprechers auszudrücken, als den Objekt der Hassliebe zu entmenschlichen, Diskriminierung oder Gewalt zu rechtfertigen und «seine» Gruppe zu mobilisieren. Aus wissenschaftlicher Sicht ist dies ein komplexes Phänomen, das an der Schnittstelle der Soziolinguistik (Sprache als soziales Handeln), der politischen Psychologie (Mechanismen der Vorurteilsbildung) und der rechtlichen Wissenschaften (Ausgewogenheit von Redefreiheit und Schutz der Würde) liegt.
Die Hassrede wird durch eine Reihe von linguistischen und rhetorischen Strategien realisiert:
Essenzialisierung und Generalisierung: Der Zuschreibung der gesamten Gruppe negativer, unveränderlicher und biologisch/kulturell bedingter Merkmale («Alle [Mitglieder der Gruppe X] sind von Natur aus aggressiv/lazy/betrügerisch»). Dies ist der Verzicht auf Individualität, die den Menschen auf das Etikett der Gruppe reduziert.
Entmenschlichende Metaphern und Zoomorphismen: Das Vergleich von Menschen mit Parasiten («Kakerlaken», «Mücken»), Krankheiten («Virus», «Krebsgeschwür»), Tieren («Herde», «Schaufeln»). Diese Metaphern, wie der Historiker des Diskurses Victor Klemperer in der Analyse der Sprache der Nationalsozialisten («LTI») gezeigt hat, bereiten das öffentliche Bewusstsein auf die Rechtfertigung von Gewalt vor, da Parasiten ausgerottet und Krankheiten radikal behandelt werden.
Conspirologischer Narrativ: Der Aufbau eines Myths über einen geheimen, allmächtigen und böswilligen Komplott einer Gruppe («Weltkuppel», «globaler Komplott»). Dies schafft das Bild des Feindes, der gleichzeitig schwach (wie ein «Parasit») und übermächtig ist, was übertriebene Maßnahmen zur «Schutz» rechtfertigt.
Apelle an den «natürlichen» Orden und die Reinheit: Rhetorik zur Verteidigung «traditioneller Werte», «Blut und Boden», «Reinheit der Nation/Territorium/Sprache» vor «Verunreinigung» oder «Verwestlichung». Diese Strategie, die auf der Konzeption des soziobiologischen Verunreinigungs (Mary Douglas) basiert, mobilisiert tief verwurzelte Instinkte des Abstoßens und der Angst.
Interessanter Fakt: Der Projekt «Die Alltäglichkeit des Rassismus» (The Banality of Racism), der den Diskurs in den sozialen Medien analysiert, hat gezeigt, dass die moderne Hassrede selten offene rassistische Epitheta verwendet. Stattdessen wird «Hundeschrei» (dog-whistle politics) angewendet — kodierte Botschaften, die für «seine» verständlich sind, aber für den externen Beobachter neutral erscheinen (z.B. «Recht und Ordnung», «Schutz der traditionellen Familie» in einem bestimmten Kontext können als Euphemismen für die fremdenfeindliche Agenda dienen).
Die Hassrede wirkt auf drei Ebenen:
Am Objekt der Hassliebe: Ruft Stress, Angst, das Gefühl der Unsicherheit hervor, führt zur Selbstisolation, psychosomatischen Erkrankungen und kann als Auslöser für reales Gewalt werden (Effekt der «freigegebenen Hände» — Licence effect).
Bei der Zielgruppe «seiner»: Stärkt die gruppenbezogene Identität durch das Gegeneinander, vereinfacht die Weltanschauung, bietet einfache Erklärungen für komplexe Probleme («Sündenbock»), und senkt die empathischen Barrieren für Gewalt.
Bei der Gesellschaft im Allgemeinen: Erosion des sozialen Vertrauens, Normalisierung von Intoleranz, Polarisierung und Schaffung einer Atmosphäre der Angst, die die Bürgeraktivität unterdrückt.
Beispiel einer erfolgreichen Kampagne: Die norwegische Kampagne «Hier und Jetzt» (Folk mot mobbing) zur Bekämpfung von Mobbing und Hassrede in Schulen und im Internet. Sie kombiniert staatliche Unterstützung, die Arbeit mit Lehrern, die Einbindung der Eltern und die Schaffung einfacher, verständlicher Werkzeuge für Kinder und Jugendliche, wie sie Aggressionen widerstehen und die Opfer unterstützen können. Das Ergebnis war ein erheblicher Rückgang des Cybermobbing.
Die Bekämpfung der Hassrede ist nicht nur die rechtliche Verfolgung oder das Entfernen von Inhalten. Es ist eine komplexe ökosystemische Aufgabe, die Maßnahmen auf allen Ebenen erfordert: vom Gesetz bis zum persönlichen Kontakt. Der effektivste Weg zur Bekämpfung ist die Schaffung einer nachhaltigen Alternative: einer Kultur der öffentlichen Diskussion, die auf Empathie, Tatsachen und Respekt vor der menschlichen Würde basiert.
Es ist notwendig, den Fokus von der Reaktion auf die Konsequenzen (Entfernung von Beiträgen, Strafen) auf die Prävention zu verlagern: Bildung, den Aufbau inklusiver Institutionen und die Entwicklung einer digitalen Umgebung, die nicht Konflikt, sondern konstruktiven Dialog fördert. Die Hassrede wächst auf dem Boden sozialer Angst, Unbestimmtheit und Ungleichheit. Daher hängt ihre endgültige Überwindung weniger von der Kontrolle über Worte ab, als von der Schaffung einer Gesellschaft, in der Hass sozial unvorteilhaft und psychologisch unmöglich wird — einer Gesellschaft, in der Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Ressource wahrgenommen wird.
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