Der slawische Kalender ist voller Geheimnisse. Unter den vielen vergessenen Festen gibt es eines, das noch immer in der Volkserinnerung lebt, obwohl es offiziell fast nicht mehr gefeiert wird. Das ist der Tag der Burgenfrau — ein Fest, an dem unsere Vorfahren die grosse Göttin-Verteidigerin, Mutter aller Geister und irdischen Reichtümer, verehrten. Und heute, nach Jahrhunderten, am 15. Juli, können wir diese alte Tradition wieder aufleben lassen und erfahren, welche Kraft sie in sich birgt.
In der alten slawischen Mythologie ist die Burgenfrau eine der geheimnisvollsten und am meisten verehrten Göttinnen. Ihr Name leitet sich vom Wort «bewahren» ab und bestimmt ihre Essenz. Sie ist die Verteidigerin vor dem Bösen, den Unheilen, Krankheiten und der unheiligen Macht. Aber nicht nur das. Die Burgenfrau ist die Mutter alles Lebendigen, die Schirmherrin der Familie, des häuslichen Herdes, der Ernte und der Fruchtbarkeit. Sie verbindet die menschlichen Schicksale, hilft, Liebe zu finden und Harmonie im Geschlecht zu bewahren. Man glaubte, dass die Burgenfrau alles Leben auf der Erde hervorgebracht hat und ihre Kraft durch jeden Winkel der Welt hindurchströmt.
In den volkstümlichen Vorstellungen trat die Burgenfrau oft in Gestalt einer weissen Birke auf — eines heiligen Baumes, das als Symbol des Lebens, der Reinheit und der weiblichen Weisheit galt. Manchmal wurde sie auch als eine schöne, blonde Frau mit einem guten Gesicht dargestellt, die über die Wiesen und Felder geht und alles Leben schützt. In einigen Sagen trat sie auch in Gestalt einer Meerjungfrau auf, die den Fischern behilflich war.
Den Tag der Burgenfrau feierte man jährlich am 15. Juli (nach altem Stil — 2. Juli). Dieses Fest war einer der bedeutendsten im sommerlichen Kalender der Slawen, da es auf die Mitte des Sommers fällt — eine Zeit, in der die Natur ihren Höhepunkt erreicht und die Ernte besonderem Schutz bedarf. Genau an diesem Tag wandten sich unsere Vorfahren an die Göttin mit Gebeten um Glück und baten sie, die Ernte zu bewahren und das Haus vor Unheilen zu schützen. Man glaubte, dass an diesem Tag die Burgenfrau jeden hört, der sich an sie mit einer ehrlichen Bitte wendet.
Die Traditionen dieses Tages waren eng mit der Birke — dem Symbol der Göttin — verbunden. Schon am frühen Morgen gingen Frauen und Mädchen in den Wald, um der weissen, schönen Birke zu huldigen. Sie umarmten die Bäume und baten um Gesundheit, Glück und Liebe. Man glaubte, dass an diesem Tag die Birke eine besondere Kraft hat und ihre schützenden Eigenschaften dem Menschen übertragen kann. Daher war es Tradition, morgens die Birke umarmen und mental um ihre Hilfe zu bitten. Nach der Rückkehr aus dem Wald führten die Mädchen Rituale durch, die mit der Liebesmagie in Verbindung standen.
Der Tag der Burgenfrau galt als besonders günstig für Mädchen-Zauber und Verliebte. Man glaubte, dass die Göttin an diesem Tag hilft, Herzen zu verbinden. Mädchen, die heiraten wollten, zerrissen heimlich eine Birkenzweige und legten sie auf die Türschwelle des Hauses des Geliebten. Wenn der Junge über sie hinwegschritt, nahm man die Zweige und vergrub sie in einem verhüllten Ort, während man einen speziellen Fluch sprach: «Wie dieser Stab trocknet, so soll auch er (Name) von der Liebe zu mir trocknen». Dieser alte Ritus galt als starker Liebes-Zauber, der helfen sollte, den Liebhaber anzuziehen und die gegenseitigen Gefühle zu stärken.
Auch glaubte man, dass, wenn Verliebte an diesem Tag ihre Gefühle zueinander bekennen, ihr Bund ewig sein wird. Der Tag der Burgenfrau war besonders gut für eine Hochzeit: eine Ehe, die am 15. Juli geschlossen wurde, versprach Eheleuten eine lange und glückliche gemeinsame Lebenszeit, voller Liebe und Verständnis.
Den Tag der Burgenfrau feierte man nicht nur durch die Verehrung der Bäume, sondern auch durch besondere kulinarische Traditionen. Die Haushälterinnen bereiteten zum Abendessen Blätterteig mit Kirschen zu — ein Gericht, das Fruchtbarkeit und eine süße Lebensweise symbolisierte. Man glaubte, dass diese Speise Wohlstand und Freude in das Haus bringen würde.
Zusätzlich fanden an diesem Tag Rituale für eine gute Ernte statt. Drei Frauen mit neuen Leinenhandtüchern in den Händen gingen auf das Feld. Sie bewirkten nacheinander, beginnend mit der ältesten, mit den Handtüchern und sprachen heilige Worte, um eine reiche Ernte zu beschwören. Nachdem sie nach Hause zurückgekehrt waren, legten sie den festlichen Tisch, dankten der Göttin für ihre Fürsorge und hofften auf üppige Ernte.
Am Tag der Burgenfrau gab es strenge Verbote, die Verletzung derer Böses bringen konnte. Der Hauptverbot betraf die Birke: an diesem Tag war es ausdrücklich verboten, Birken zu schneiden, Äste zu brechen oder Blätter abzubrechen. Man glaubte, dass dies die Göttin beleidigen und Krankheiten, Unheil und Vertreibung bringen würde.
Frauen durften nicht viel reden: «Der Mund wird austrocknen», sagten die Menschen den neugierigen Mädchen. Auch war es verboten, faul zu sein — man glaubte, dass dies das Glück vertreiben könnte. Es wurde nicht empfohlen, große Einkäufe und Umzüge durchzuführen, da dies zu finanziellen Schwierigkeiten führen könnte. Schwangeren Frauen war es verboten, an diesem Tag Wasser zu kaufen, um gesundheitliche Probleme des zukünftigen Kindes zu vermeiden.
Am 15. Juli wurde großen Bedeutung getragen, dass man Träume hat. Man glaubte, dass Träume in dieser Nacht die Zukunft voraussagen können, insbesondere in den Liebe. Wenn der geliebte Mensch geträumt wurde, bedeutete dies, dass bald bessere Veränderungen bevorstehen.
Es gab auch Wetterzeichen: wenn an diesem Tag regnete und die Erde schnell trocknete, wurde mit mehreren Tagen anhaltenden Regenfällen gerechnet. Und wenn am Morgen auf den Gewässern Nebel lag, versprach das Wetter warm zu werden.
Nach der Annahme des Christentums in Russland verschwand das alte Bild der Burgenfrau nicht, sondern integrierte sich in die christliche Tradition. Am 15. Juli feiert die orthodoxe Kirche die Aufnahme der heiligen Gewänder der heiligen Gottesmutter in die Hl. Eucharistie in Vлахерне — ein Fest, das mit der Übertragung eines Teils der Gewänder der Gottesmutter nach Konstantinopel im 5. Jahrhundert verbunden ist. Das volkstümliche Bewusstsein verband diese beiden Bilder und der Tag wurde zum Tag der Verehrung sowohl der Burgenfrau als auch der Gottesmutter als Hüterin und Schirmherrin.
So erhielt die slawische Schutzgöttin, die das Haus und die Familie schützte, eine neue Bedeutung in Gestalt der Gottesmutter. Und heute, am 15. Juli, erinnert dieser Tag uns daran, dass die weibliche Kraft, Weisheit und Verteidigung ewig sind, unabhängig davon, unter welchem Namen wir sie verehren.
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