Die Idee der Kunstsynthese, die für den Avantgarde Anfang des 20. Jahrhunderts entscheidend war, hat Marc Chagall ein einzigartiges, tief persönliches Ausmaß erhalten. Ein Ausländer aus dem multikulturellen Witebsk, wo Jiddisch, Russisch und Weißrussisch gesprochen wurde, wo das Leben des jüdischen Dorfes mit den Symbolen orthodoxer Kirchen verschmolz, er sah die Welt ursprünglich als ein Ganzes, obwohl paradox, polymorphes Raum. Sein Streben nach Synthese ist nicht ein formaler Experiment, sondern eine existentielle und fast mystische Versuch, das Unergründliche auszudrücken: die innere Wahrheit, die Erinnerung, die Liebe, das geistige Erleuchtung, für die ein Leinwand oder Farben nicht ausreichend sind. Die Synthese für ihn ist ein Weg, um die maximale Ausdrucksfähigkeit zu erreichen, indem ein "Gesamtkunstwerk" geschaffen wird, das den Betrachter von allen Seiten umschließt.
Die Entwicklung der Konzeption fand unter dem Einfluss mehrerer Quellen:
Sein eigener kultureller hybrider Erfahrung. Folkloristische Bildlichkeit, die Musikalität des Jiddischen, die Farben der Schilder und Malereien der Witebsker Geschäfte, das religiöse Verbot der Bildgebung im Judentum, das er durch poetische Metaphern überwindete — alles dies bildete die natürliche Basis für das synkratische Denken.
Der russische Symbolismus und die Ideen der "Mysterie". In Petersburg fand er sich in einer Umgebung wieder, die von einem neuen synthetischen Theater träumte, das die antike Mysterie wiederbeleben sollte. Die Ideen von Wjatscheslaw Ivanow und Alexander Skrjabin über das sakrale Kunstwerk, das alle Sinne einbezieht, beeinflussten ihn.
Die Pariser Umgebung und die "Russischen Saison". In Paris sah er den Triumph der Synthese in den Balletten der "Russischen Saison" Diaghilews, wo Musik, Tanz und Malerei (einschließlich seines Landsmannes Leon Bakst) in ein Ganzes verschmolzen.
1. Theater: Von der "Theaterrevolution" zu Gogol
In dem Theater realisierte Schagall den Synthese am vollständigsten, indem er es als Analogon des Volksfestes sah.
Der jüdische Kammertheater (Moskau, 1920-21). Seine berühmten Wandbilder für den Saal des GosET sind nicht nur Dekorationen, sondern eine "ausgekleidete Kiste", die eine immersive-Umgebung schafft. Der Zuschauer tauchte in eine farbige Symphonie aus Blau, Grün, Rot ein, wo Figuren flogen und tanzten, die Grenze zwischen Bühne und Saal verwischten. Dies war eine Synthese von Malerei und architektonischem Raum.
Ballett "Alekо" (1942) und "Feenflamme" (1945). Bei der Arbeit an den Kostümen und Dekorationen betrachtete er sie als Fortsetzung der Malerei in Bewegung. Die Entwürfe der Kostüme für "Feenflamme" sind selbstständige graphische Werke, wo Farbe und Form die Pластиk des Tänzers bestimmen. Er kontrollierte persönlich, dass die farbigen Flecken auf der Bühne eine lebendige, dynamische Bildersymphonie bilden, die der Musik (Tschaikowski, Strawinski) entspricht.
2. Monumentalkunst: Fenster, Mosaik, Keramik
Nach dem Krieg erhielt die Synthese bei Schagall einen öffentlichen, oft sakralen Charakter.
Fenster: Seine Fenster für die Kirchen in Metz, Reims, die Kirchen in Zürich, die Synagoge des Medical Center Hadassah in Jerusalem sind ein klassisches Beispiel für die Synthese von Licht, Farbe und Architektur. Schagall verwendete Glas als Material zur "Bemalung" des Raumes mit Licht. Jedes Fenster (z.B. der Zyklus "Die zwölf Stämme Israels") ist eine farbige Partitur, die sich während des Tages ändert und eine Meditationsatmosphäre schafft. Er arbeitete eng mit dem Meister Charles Marc zusammen, um eine einzigartige Technik der Gravur und des Überlegens von Farben zu entwickeln, um dramatische Effekte zu erzielen.
Mosaik und Keramik: Das Mosaik "Die Flucht" im Museum Marc Chagall in Nizza oder das Mosaik "Die vier Jahreszeiten" in Chicago ist die Übersetzung seines malerischen Sprachgebrauchs in einen ewigen, monumentalen Material. Er brachte Smalt und Keramik in die Architektur ein, machte das Kunstwerk Teil der städtischen Umgebung.
3. Buchgraphik: Synthese von Wort und Bild
Bei der Illustration von Büchern ("Die Toten Seelen" Gogols, "Fabeln" La Fontaines, die Bibel) schuf Schagall nicht begleitende Bilder, sondern visuelle Gedichte. Die Gravuren und die Eindrücke treten in den Dialog mit dem Text, ergänzen ihn durch eigene, oft autobiografische, Assoziationen. Hier fand die Synthese auf der Ebene des Sinns statt: das Bild wurde zu einem literarischen Kommentar, und der Text zum Schlüssel zu den visuellen Bildern.
Der Gipfel der Idee der Synthese war das Nationale Museum Marc Chagall in Nizza (eröffnet 1973). Der Künstler selbst beteiligte sich am Entwurf, schuf nicht einfach ein Ausstellungsort, sondern eine totale Umgebung. Hier unterliegt alles einem einheitlichen Plan:
Malerei: 17 Bilder des Zyklus "Biblische Botschaft".
Architektur: Das Gebäude, das mit natürlichem Licht gefüllt ist, speziell berechnet für die Wahrnehmung seiner Bilder.
Fenster: Ein monumentales Fenster-Rosa im Konzertsaal zum Thema der Schöpfung der Welt.
Mosaik: Die äußere Mosaik "Der Prophet Ilja" und der mosaische Pool "Die Propheten" im Garten.
Musik: Ein Konzertsaal, wo Musik (Mozart, Bach) gespielt wird, die der geistigen Atmosphäre entspricht. Schagall malte den Dachboden des Saales, verband die Malerei mit dem akustischen Raum.
Dieser Museum ist die materialisierte Philosophie Schagalls: Kunst sollte den Menschen umgeben, ihn in seinen eigenen Raum durch alle Kanäle der Wahrnehmung einbinden.
Der Schlüssel zum Verständnis der schagallschen Synthese ist die Musikalität. Er verglich oft die Malerei mit der Musik, seine Kompositionen sind auf farbigen Akkorden und rhythmischen Wiederholungen von Formen aufgebaut. "Wenn ich nicht Jude wäre… ich wäre kein Künstler, — sagte er, — oder wäre ein anderer Künstler". Seine Verbindung mit der Musik wurzelt in der Melodik des Jiddischen und der Hasidischen Gesänge. Die Synthese bei Schagall war oft ein Versuch, die Malerei "zu vertonen" — daher seine Liebe zu der Darstellung von Musikern, Geigern und seiner Arbeit an theater- und scenografischen Projekten, wo die Musik den Ton setzte.
Für Marc Chagall war die Kunstsynthese nicht ein formaler Trick oder eine utopische Programm. Dies war ein organischer Weg des künstlerischen Denkens und Seins, der aus seiner Persönlichkeit, seinen Wurzeln und seinem Glauben an das Wunder hervorging. Er verschwamm nicht die Grenzen zwischen den Künsten, sondern ließ sie einen intensiven Dialog führen, verstärkte die Ausdrucksfähigkeit jedes. Vom Witebsker Wandbild bis zum nißauer Museum schuf Schagall ganze künstlerische Welten, wo Farbe, Linie, Licht, Klang, Bewegung und der poetische Bild werden in ein einheitliches geistiges Erlebnis verschmolzen. Sein Erbe beweist, dass die Synthese nicht nur eine Technik der Vergangenheit ist, sondern ein lebender Weg zur Schaffung eines totalen, umfassenden Kunstwerks, das sich an die tiefsten Schichten der menschlichen Seele und Erinnerung wendet.
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