Name Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) ist jedem gebildeten Menschen als Name eines großen Dichters, Dramatikers und Schöpfers des ewigen "Faust" bekannt. Allerdings hielt Goethe seine naturwissenschaftlichen Arbeiten für nicht minder bedeutend als seine literarischen. Goethes Philosophie ist nicht abstraktes Theoretisieren, sondern ein lebendiges Weltbild, das aus seiner künstlerischen Praxis und seinen jahrzehntelangen Studien in Botanik, Optik, Anatomie und Mineralogie erwuchs.
Die zentrale Kategorie der philosophischen Konzeption Goethes ist das "lebendige Ganzes". Er dachte die Natur nicht als mechanischen Aggregat, dem physikalischen Gesetzen unterworfen, sondern als einen riesigen lebenden Organismus, durch ein inneres Einheit durchzogen. Sie teilt ihr Werk nicht, sie zersplittert ihr Werk nicht; sie wirft es einmal in vollständiger Verbindung heraus. Jedes ihrer Werke hat seine eigene Substanz, jedes ihrer Erscheinungen ein abgegrenztes Konzept, und doch alles zusammen.
Ein solches Verständnis der Natur bedeutete den Verzicht auf den in der Wissenschaft des 18. Jahrhunderts dominierenden Mechanizismus. Goethe war überzeugt, dass mechanische Gesetze die Geheimnisse des Lebens nicht erklären können: Es ist einfacher, die Entstehung aller Himmelskörper zu verstehen, als die Entstehung einer einzigen Moosblättchens oder einer Raupen auf der Grundlage der Mechanik genau zu bestimmen. Organische Formen besitzen eine innere Zweckmäßigkeit im Gegensatz zu nichtorganischen: In einem lebendigen Organismus bestimmen alle Teile einander gegenseitig und dienen dem Ganzen. Diese Intuition brachte Goethe näher an Kant, der in der "Kritik der Urteilskraft" genau diesen Aspekt des Lebendigen analysierte.
Der Höhepunkt der wissenschaftlichen Studien Goethes wurde seine Morphologie von Pflanzen und Tieren. Er suchte das Gemeinsame, das hinter dem unendlichen Vielfalt organischer Formen verborgen ist. So kam er in der Botanik zur Idee des "prarasten" (Urpflanze) — eines inneren Prototyps, nach dem die Natur das gesamte Vielfalt konkreter Pflanzen schafft. Blätter, Blütenblätter, Staubfäden — das sind nach dem Denken Goethes nicht ursprünglich verschiedene Organe, sondern das Ergebnis der Metamorphose (Verwandlung) eines und desselben basalen Organs — des Blattes.
In der Anatomie entdeckte er das Intermaxillare bei dem Menschen (und zeigte so sein Verwandtschaftsverhältnis zu den Tieren) und formulierte die Idee des Wirbelsäulenkranzes — eine Theorie, nach der die Knochen des Schädels durch das Zusammenwachsen und die Umwandlung von Wirbeln entstehen. Diese Idee ging seiner Zeit voraus und wurde ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung der evolutionären Morphologie.
Goethe entwickelte einen besonderen Methoden der Erkenntnis, den er selbst "zarte Empirie" (zarte Empirie) nannte. Ihr Wesen liegt darin, so tief in die Untersuchung eines konkreten Erscheinungsbildes einzutauchen, so gründlich alle seine Manifestationen zu sammeln und zu vergleichen, dass man am Ende innerlich das erzeugende Gesetz kennt. Höchstes wäre, zu verstehen, dass alles Faktenhafte bereits Theorie ist. Suche nichts hinter den Phänomenen; sie sind selbst Lehre.
Der umstrittenste und monumentale wissenschaftliche Aufsatz Goethes wurde sein "Lehre vom Farben" (Zur Farbenlehre, 1810), das er sein Hauptwerk nannte. In ihm trat Goethe in die Polemik mit der Newtonschen Optik. Während Newton den Farbentrieb als das Ergebnis der Zersetzung des weißen Lichts erklärte, ging Goethe von der Primärität des Farbengefühls des menschlichen Auges aus.
Er bestimmte drei Hauptfarben — gelb, blau und rot — und analysierte Farbkontraste und Harmonien aus psychologischer und ästhetischer Perspektive. Goethe führte das Konzept des "praphänomena" (Urphänomen) in die Optik ein — es wurde die Entstehung der Farbe an der Grenze von Licht und Dunkelheit. Obwohl die Physik Theorie Goethes als unissenschaftlich ablehnte, fand sie lebhaften Widerhall bei Künstlern und Philosophen. Schopenhauer nannte "Lehre vom Farben" das wichtigste Werk, das je über die Malerei geschrieben wurde; die Arbeiten Goethes über Farbe wurden von den großen Physikern des 20. Jahrhunderts Werner Heisenberg und Max Planck hoch geschätzt.
Um eine weltanschauliche Grundlage zu finden, wandte sich Goethe der Philosophie von Benedict Spinoza zu. Bei ihm nahm er die Idee des Pantheismus an — die Identifikation Gottes mit der Natur. Goethe konnte den christlichen transzendenten Gott nicht akzeptieren; ihm war die Idee näher, dass das Göttliche immanent in jedem natürlichen Erscheinungsbild präsent ist. Sein Pantheismus war jedoch nicht statisch, sondern dynamisch — er vervollständigte Spinoza mit der Idee der Entwicklung.
Goethe bemerkte, dass das Leben aller Erscheinungen dem Interaktionsprozess von zwei gegensätzlichen Prinzipien unterliegt. Diese Prinzipien nannte er "Steigerung" (Steigerung) und "Polarität" (Polarität). Polarität ist das Streben nach Trennung und Gegenstellung (der Pol des Magneten, das positive und negative Elektrizität). Steigerung ist das ständige Streben von Einfachem zu Komplexem, von niedrigeren Formen zu höheren. Das Interaktionsverhältnis dieser beiden Kräfte erzeugt ein kontinuierliches Wachstum und eine ständige Erneuerung der Welt. Leben, nach Goethe, ist ein ewiger Streit und ewiger Synthese der Gegensätze.
Die Evolution der philosophischen Ansichten Goethes spiegelt sich in seinem Werk wider. Der frühezeitige "Sturm und Drang" (Sturm und Drang) — ist eine Apologie des Gefühls, der genialen Persönlichkeit, des Rechts des Künstlers, gegen die allgemeinen Normen zu rebellieren. "Die Leiden des jungen Werthers" (1774) — ist das Manifest dieses Zeitraums, in dem der Held, von einer hypertrophierten Empfindlichkeit angetrieben, nicht in der Lage ist, das Streben mit der Wirklichkeit auszuhalten.
Aber die Reise nach Italien (1786–1788) markierte einen tiefgreifenden Umbruch in seinem Weltbild. Er kommt zu dem sogenannten "Weimarer Klassizismus". Jetzt wird für ihn das abstrakte Aufstand nicht die höchste Wertigkeit, sondern das harmonische Gleichgewicht von Gefühl und Pflicht, Freiheit und Notwendigkeit. Für Goethe ist der Künstler nicht nur ein Ausdrucksorgan subjektiver Leidenschaften, sondern ein Schöpfer, der in dem Chaos der Erscheinungen ewige, objektive Formen der Schönheit herauszufinden imstande ist.
Diese reife Philosophie fand ihr vollständiges Ausdruck in der Tragödie "Faust" — dem Hauptwerk seines Lebens. Der Weg Fausts ist der Weg vom fruchtlosen Buchwissen zur lebendigen Praxis, vom egoistischen Genuss zur gesellschaftlich nützlichen Tätigkeit. Nur der, der jeden Tag für das Leben und die Freiheit kämpft, ist würdig, — proklamiert der Schlussmonolog Fausts, den Schluss der Suche nach dem menschlichen Sinn.
Die Philosophie Goethes hat einen riesigen Einfluss auf die europäische Geisteswelt des 19. und 20. Jahrhunderts gehabt. Seine Ideen über Morphologie und Metamorphose legten den Grundstein für biologische Konzepte und bereiteten den Boden für Darwinismus vor. Seine Lehre vom Farben erlebte einen Renaissance in der Kunst und Psychologie. Und seine poetischen Werke, sein eigenes Dasein als universeller Genie, wurden zum Symbol der Synthese von Wissenschaft und Kunst, die moderne Kultur so sehr anstrebt.
Die Philosophie Goethes ist eine Brücke zwischen Romantik und klassischem Rationalismus, zwischen künstlerischer Intuition und wissenschaftlicher Forschung. Sie lehrt, den Welt als Ganzes zu sehen, jedes Erscheinungsbild als Teil eines großen lebendigen Prozesses zu verstehen und im Zentrum der Realität das geistige Prinzip zu finden.
Zusammenfassung: Goethe, der Philosoph, schuf ein einzigartiges Weltbild, das auf der Idee des lebendigen Ganzen, des dynamischen Wandels und der Einheit von Subjekt und Objekt basiert. Seine "zarte Empirie" dient bis heute als Beispiel für einen ganzheitlichen Ansatz zur Erkenntnis der Natur.
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