Die Angst des Kindes vor den Konflikten der Eltern ist nicht einfach ein Kindermut oder eine emotionale Schwäche. Es ist ein tief verwurzeltes evolutionäres Mechanismus mit einer klaren neurobiologischen Grundlage. Für das Gehirn des Kindes, insbesondere im Alter von bis zu 10-12 Jahren, sind die Eltern eine absolute Garantie für Sicherheit und Überleben. Ihr Konflikt signalisiert eine Bedrohung dieser grundlegenden Schutzsystem, aktiviert die Reaktion «Kampfe, flüchte, stehe still» im Mandelkern — dem Zentrum der Angst und der Emotionen.
Ein längerer oder intensiver Einfluss der elterlichen Streitigkeiten führt zu chronischem Stress. In diesem Fall wird ständig Cortisol — ein Stresshormon, das bei hohen Konzentrationen toxisch auf das sich entwickelnde Gehirn wirkt — produziert. Studien mit der fMRT (funktioneller Magnetresonanztomographie) zeigen, dass bei Kindern, die in einer Umgebung von chronischen Konflikten aufwachsen, folgende Beobachtungen gemacht werden:
Hyperaktivierung des Mandelkerns: Erhöhte Empfindlichkeit gegenüber jeder emotionalen Bedrohung, selbst geringfügigen.
Verminderte Aktivität der präfrontalen Kortex: Diese Region ist für die Kontrolle von Impulsen, emotionale Regulierung und Entscheidungsfindung verantwortlich. Ihr Unterdrückung führt zu Schwierigkeiten mit der Konzentration, Impulsivität und Problemen im Lernen.
Veränderungen im Hippocampus: Eine Struktur, die für das Gedächtnis und das Lernen entscheidend ist. Dies kann zu einer Verschlechterung der akademischen Leistung führen.
Interessanter Fakt: Studien des Psychologen John Gottman haben gezeigt, dass Kinder im Alter von 3 Jahren leicht vorhersehen können, welche Paare verheiratet sind und welche nicht, und genau die «konfliktierenden» Paare bestimmen können, basierend auf den kleinsten nichtverbalen Signalen. Dies spricht für die Hyperakuität der Kinder gegenüber der Atmosphäre zwischen den Eltern.
Das Kind sagt selten: «Ich habe Angst, wenn ihr euch streitet». Die Angst äußert sich indirekt, oft in Formen, die die Eltern als «schlechtes Benehmen» interpretieren:
Regression: Rückkehr zu Verhalten, das für ein jüngeres Alter charakteristisch ist (Zahnknirschen, Enuresis, «kindliche» Sprache).
Somatische Symptome: Häufige «unbegreifliche» Schmerzen im Bauch, Kopfschmerzen, Übelkeit, insbesondere vor Ereignissen, die Spannungen in der Familie auslösen können (Abend, Wochenende). Dies ist keine Simulation, sondern eine psychosomatische Reaktion, bei der emotionale Schmerzen in physische umgewandelt werden.
Störungen des Schlafes: Alpträume, Schwierigkeiten mit dem Einschlafen, Angst, alleine zu schlafen. Die Nacht ist für das Kind eine Zeit der Verletzlichkeit, und die Angst wird im Stillen verstärkt.
Hyperkontrolle oder «Parentifikation»: Das Kind versucht, «ideal» zu sein, die Wünsche der Eltern vorherzusagen, sie zu versöhnen oder im Gegenteil, sich durch schlechtes Benehmen auf sich selbst zu lenken, um den Konflikt auf sich zu lenken. Dies ist eine äußerst destruktive Rolle, die zu Erschöpfung und dem Verlust der Kindheit führt.
Emotionale Verletzlichkeit: Erhöhte Tränenflüssigkeit, Ausbrüche von Aggression, Rückzug.
Beispiel aus der klinischen Praxis: Ein 8-jähriger Junge klagte über wiederkehrende Angina pectoris. Eine medizinische Ursache wurde nicht gefunden. Während der Therapie wurde herausgefunden, dass die Krankheit nach heftigen Streitigkeiten der Eltern verschlimmert wurde, die ihm einen «berechtigten» Grund gaben, zu Hause zu bleiben, im Mittelpunkt der Sorge zu sein und vor allem, den Eltern einen Anlass zu geben, gemeinsam zu handeln (zu einem Arzt zu gehen, am Bett zu sitzen), die Konflikte vorübergehend zu beenden.
Die Überwindung der Angst ist nicht ein einzelnes Gespräch, sondern die Schaffung eines Sicherheitsnetzes. Die Hauptaufgabe der Eltern ist es, den faktischen Konflikt (der unvermeidlich ist) von seiner destruktiven, traumatischen Form zu trennen.
«Regeln für den Streit»: Die Eltern können vereinbaren, nicht vor dem Kind über bestimmte, für ihn am schlimmsten Themen zu streiten (die ihn selbst betreffen, Fragen zur Scheidung). Wichtig ist, zu zeigen, dass Konflikte auf friedliche Weise gelöst werden können.
Zeige die Versöhnung: Das Kind wird oft Zeuge eines Streits, aber nicht der Versöhnung. Es ist äußerst wichtig, dass es sieht, wie die Eltern sich versöhnen: Umarmungen, ruhige Gespräche, gemeinsamer Lachen. Dies gibt das entscheidende Signal: «Der Konflikt ist beendet, die Verbindung ist wiederhergestellt, der Frieden ist stabil».
Wiedergewinnung der Sicherheit: Nach dem Konflikt (nach der Versöhnung) muss man dem Kind direkt versichern: «Wir haben mit Mama/Papa gestritten, das passiert manchmal. Wir haben alles besprochen und uns versöhnt. Das ist nicht deine Schuld. Wir lieben dich sehr, und unsere Familie ist in Sicherheit». Dies beseitigt den Lasten der Schuld, den sich die Kinder fast automatisch auf sich nehmen.
Validierung der Gefühle: Frage: «Du hast wahrscheinlich Angst? Das ist normal. Lassen wir darüber sprechen». Das Verbot von Gefühlen («Mach dir keine Sorgen, alles ist in Ordnung») treibt die Angst nur tiefer.
Stabilität von Ritualen: Gemeinsame Abendessen, Lesen vor dem Schlafengehen, Spaziergänge am Wochenende schaffen «Sicherheitsinseln», Vorhersehbarkeit, die der Angst entgegenstehen.
Entwicklung des emotionalen Intelligenz: Das Kind beizubringen, seine Gefühle zu nennen, zu erzählen, dass alle Menschen manchmal wütend oder traurig sind, aber es gibt sichere Wege, dies auszudrücken (Malen, Sport, Worte).
«Erwachsen werden» des Konflikts: Mit Kindern schulischer Altersstufe kann man anhand des eigenen Beispiels diskutieren, wie man sich einigen kann, Kompromisse einzugehen, sich zu entschuldigen. Dies verwandelt den traumatischen Erfahrung in Lehrmaterial für das Leben.
Wichtiger wissenschaftlicher Fakt: Eine von der Universität Cambridge durchgeführte Studie hat gezeigt, dass destruktive Konflikte nicht die Konflikte selbst sind, sondern ihre Merkmale: das Fehlen einer Lösung, Aggression (Beleidigungen, Schreien), die Einbeziehung des Kindes in den Konflikt als Verbündeter gegen den anderen Elternteil. Konstruktive Konflikte, bei denen die Eltern Respekt zeigen, sich gegenseitig zuhören und eine Lösung finden, können das Kind gesunde Kommunikationsfähigkeiten lehren.
Die Angst des Kindes vor den Streitigkeiten der Eltern ist ein schwerwiegender psychischer Risikofaktor, der das Gehirn des Kindes und die Persönlichkeitsentwicklung beeinflusst. Allerdings verfügen die Eltern über ein mächtiges Werkzeug, um die Folgen zu mildern. Der Übergang von destruktiven Konflikten zu konstruktiven, die obligatorische Demonstration der Versöhnung und die offene Diskussion der Gefühle mit dem Kind nicht nur senken die Angst, sondern verwandeln familiäre Schwierigkeiten in Lektionen der Empathie, Resilienz und gesunder Beziehungen. Die Sicherheit des Kindes liegt nicht in einem illusionären Welt ohne Konflikte, sondern in der Sicherheit, dass Liebe und Verbindung stärker sind als jeder Konflikt.
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