«Danke». Einfaches Wort. Für einige aber wird es schwerer als eine Hantel. Sie können es sich nicht ausdrücken. «Bitte» bleibt im Hals hängen. «Entschuldigung» erzeugt panische Kälte. Das ist keine Unhöflichkeit oder Unbildung. Das ist die Angst vor höflichen Worten. Eine wahre Phobie mit ihren Ursachen und Konsequenzen. Warum fürchten sich Menschen, zu danken, sich zu entschuldigen und zu grüßen? Und wie damit umgehen?
Dieses Phänomen hat keinen offiziellen medizinischen Namen, aber seine Symptome sind vielen bekannt: ein beschleunigtes Herzschlag vor dem Sagen von «Hallo» zu einem Fremden; die Angst, dass «Bitte» als aufdringlich klingt; das Gefühl, dass «Danke» einen verpflichtet. Die Person vermeidet Situationen, in denen Höflichkeit erforderlich ist: sie geht nicht in Geschäfte, wo sie dem Verkäufer danken müssen; sie ruft in Servicezentren nicht an; sie überspringt ihre Reihe in der Arztpraxis, nur um nicht «Entschuldigung» sagen zu müssen. Das ist keine Soziopathie, sondern eine hypertrophierte Empfindlichkeit gegenüber sozialen Ritualen.
Der erste Grund ist die Angst vor Abhängigkeit. «Danke» ist ein Geständnis, dass einem geholfen wurde. Für einen hyperautonomen Menschen ist das unträglich. Er denkt, dass er alles selbst tun muss, und fremde Hilfe ist ein Schlag für das Selbstbewusstsein. Der zweite Grund ist die Angst vor Ablehnung. Vielleicht wird auf «Bitte» eine Grobheit geantwortet? Vielleicht wird «Entschuldigung» nicht akzeptiert? Besser kein Risiko eingehen. Der dritte ist Perfektionismus. Die Person fürchtet, dass ihre Höflichkeit nicht genug aufrichtig, falsch intoniert sein wird und sie werden sich über sie lustig machen. Der vierte ist eine Kindheitstrauma: In der Familie wurden höfliche Worte als Manipulation verwendet («sag danke, sonst…») oder gehänselt («wie höflich du bist, direkt ein Lord»).
In einigen Kulturen wird Höflichkeit als Schwäche angesehen. Im postsowjetischen Raum hört man oft: «nicht diese Zeremonien brauchst du», «gehst du auf Kniee?». Höflichkeit wird mit Dienstbarkeit, mit «den Hut brechen» in Verbindung gebracht. Daher hat sich bei vielen ein Reflex entwickelt: höflich = heuchlerisch. Vor diesem Hintergrund wird die Angst vor höflichen Worten zu einem Weg, um sein Ansehen zu schützen. Die Person verwechselt Höflichkeit mit Erniedrigung. Ein ehrliches «Danke» ist für sie ein Geständnis, dass sie unter dem anderen steht.
Anzeichen: Die Person verwendet grobe oder neutrale Ausdrücke anstatt höflicher («gib» anstatt «bitte, übertrage»); sie lehnt den Blick ab, wenn sie «Hallo» sagen muss; sie flüstert schnell «Danke» und dreht sich sofort um; sie entschuldigt sich nur flüsternd; sie fühlt sich nach zwanghafter Höflichkeit erschöpft oder wütend. Solche Menschen machen oft den Eindruck von unfreundlich, aber sie fürchten sich einfach. In schweren Fällen können sie sogar aufhören, nach draußen zu gehen, um sich nicht mit der Notwendigkeit, höflich zu sein, auseinanderzusetzen.
Das Vermeiden höflicher Worte führt zur gesellschaftlichen Isolation. Menschen machen keine neuen Bekanntschaften, weil sie nicht « nett kennengelernt » sagen können. Die Beziehungen am Arbeitsplatz verschlechtern sich: der Chef denkt, der Untergebene sei un Dankbar, die Kollegen — hochmütig. Es gelingt nicht, seine Rechte in Servicezentren durchzusetzen, weil die Person nicht höflich, aber bestimmt verlangen kann. In der privaten Lebensführung — die Unfähigkeit, sich zu entschuldigen, zerstört Paare. Die Angst vor Höflichkeit kann zu Depressionen und Agoraphobie führen.
Der erste Schritt ist zu erkennen, dass Höflichkeit nicht erniedrigend, sondern kommunikationsordnend ist. Der zweite ist, sich in kleinen, unwichtigen Situationen zu üben: Danke sagen zum Taxifahrer, «Bitte» zum Barista. Der dritte ist die Methode des «leeren Stuhls»: sich vorzustellen, dass man höfliche Worte an jemanden spricht, der nicht antworten kann. Der vierte ist die kognitive Umstrukturierung: Höflichkeit ist keine Bitte um Gunst, sondern eine Tatsachenkonstatation («ich bin dankbar für die Dienstleistung», nicht «ich bin dein Schuldner»). Bei schweren Formen — Arbeit mit einem Psychologen, manchmal mit der Anwendung von KPT (kognitiv-behavioraler Therapie). Medikamente (Beruhigungsmittel) nur als letztes Mittel.
Nicht zwingen. Nicht beschämen («wie wild du bist?»). Rollenspiele spielen: «Geschäft», «Krankenhaus», wo höfliche Kommunikation erforderlich ist. Für jede Versuchung, auch unbeholfen, loben. Nie bestrafen für das Fehlen von Höflichkeit. Wichtig ist, zu überprüfen, ob bei dem Kind ein selektiver Mutismus (Befürchtung, nicht sprechen zu können) oder eine autistische Störung vorliegt. Oft ist die Angst vor höflichen Worten bei Kindern eine Folge eines angstzustandes, der korrigiert werden muss.
Wenn es nicht gelingt, die Angst zu überwinden, können nichtverbalen Äquivalente verwendet werden: Nicken, Lächeln, ein leiser Bogen. Sie werden als Höflichkeit wahrgenommen, erfordern aber kein verbales Aufwand. Man kann neutrale Phrasen verwenden: «Guten Tag» anstatt «Auf Wiedersehen», «hat geholfen» anstatt «Danke». Wichtig ist die Intonation: warm, offen. Aber das sind halbe Mittel. Ein volles Leben erfordert die Fähigkeit, höfliche Worte ohne Angst zu sagen.
Die Angst vor höflichen Worten ist kein Urteil. Das ist ein Problem, das gelöst werden kann. Höflichkeit ist nicht eine Kette, sondern eine Brücke. Fürchte dich nicht, über sie zu gehen.
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