Heute, 15. Juni 2026, feiern Millionen schiitischer Muslime weltweit einen der wichtigsten Festtage ihrer religiösen Tradition — Id al-Ghadir. Dieser Tag markiert ein Ereignis, das nach dem schiitischen Glauben entscheidend für die Fortsetzung der prophetischen Mission wurde. Der Festtag ist geprägt von tiefem religiösem Sinn, Traditionen und ist ein Tag der Freude, der Reflexion und des Einigungszusammenhalts der Gemeinschaft. Während für viele sunnitische Muslime dieses Datum nicht so bedeutend ist, zählt es für die Schiiten zu den wichtigsten Ereignissen des Jahres und rangiert nur hinter dem heiligen Monat Muharram.
Id al-Ghadir (aus dem Arabischen übersetzt — «Fest des Sees») wird am 18. Tag des Monats Dhu al-Hijja gefeiert. Im Jahr 10 der Hidschra (632 n. Chr.) hielt der Prophet Muhammad mit seiner großen Gefolgschaft nach seiner letzten Pilgerfahrt (Hadsch) in der Stadt Gadir Humm, die zwischen Mekka und Medina liegt, Halt. Genau dort, wie es die Quellen berichten, wurde dem Propheten ein Offenbarung (Ayat) zugesandt, nach der er die berühmte Predigt hielt. Der Prophet Muhammad hob die Hand seines Cousin und Schwiegersohns Ali ibn Abi Talib und verkündete: «Wer für mich der Herr (Mawla) ist, ist dieser Ali auch sein Herr». Dieses Ereignis interpretieren die Schiiten als direkte Ernennung Alis zu seinem Nachfolger (Kalif). Die Erinnerung an diesen Tag, an den Ort am See und an das prophetische Testament ist der Grundstein des schiitischen Lehrens von der Macht.
Id al-Ghadir ist nicht nur ein historischer Tag. Es ist ein Fest, das die Konzeption des Imamats — der göttlichen Fortsetzung des religiösen und politischen Führungsamtes in der Gemeinschaft — bestätigt. Für die Schiiten war Ali nicht nur ein gerechter Kalif, sondern ein von Gott erwählter Nachfolger des Propheten, der erste von zwölf unfehlbaren Imams. An diesem Tag bestätigen die Gläubigen ihre Treue zu dieser Linie der Nachfolge. Die Feier von Id al-Ghadir ist ein Ausdruck der Freude darüber, dass sie glauben, dass der Allmächtige dem Gemeinwesen nach dem Tod des Propheten den Weg zur Wahrheit und zum Führungsamt gezeigt hat. An diesem Tag wird auch die Treueerklärung (Baya) an die geistlichen Führer erneuert.
Es ist ein Tag der Großzügigkeit, der Gebete und des Vergnügens. Die Feier beginnt mit einer gemeinsamen Gebet (Namaz) und der Predigt, in der die Geschichte des Ereignisses in Gadir Humm erzählt wird. Die Gläubigen tragen neue oder ihre beste Kleidung, gratulieren einander. Traditionelle Grüße sind die Sätze: «Allah segne dich für die Freude dieses Tages» und «Dieser Tag soll für dich ein Fest sein». Eine sehr wichtige Teil des Festes ist die Verteilung von Speisen und Geschenken. Es wird auch empfohlen, Gläubige, insbesondere die Armen, zu ernähren. Fasten an diesem Tag ist nicht üblich, es ist die Zeit des Festmahls. In einigen Gemeinschaften finden farbenfrohe Umzüge und Theateraufführungen statt, die die Szene in Gadir Humm nachstellen.
Eine der Hauptbräuche dieses Tages ist das Takbir, aber besonders ist der Austausch von Geschenken. Man glaubt, dass das Beste, was man an diesem Tag geben kann, ein Buch ist, insbesondere eines religiösen Inhalts, und ein Ring. Die Tradition, Ringe zu geben, hat eine tiefere Verbindung zur Geschichte. Laut den Quellen verkaufte ein armer Mann an diesem Tag seinen Mantel, kaufte ein Ring und gab es dem Imam Ali. Es wird auch empfohlen, ein Opfertier (Schaf, Kuh oder Kamel) zu schlachten und das Fleisch an Bedürftige zu verteilen — diese Tradition bringt Id al-Ghadir mit dem Kurban Bayram in Verbindung, aber im vorliegenden Fall ist das Opfer freiwillig (Sunnat). Es ist auch wichtig, Verwandte und Freunde zu besuchen und sich gegenseitig zu vergeben.
In Iran, wo der Schiismus die staatliche Religion ist, ist Id al-Ghadir ein offizieller Feiertag, der mit großem Aufwand gefeiert wird. Auf den Straßen der Städte finden sich Festzüge, und süße Reis (Shir-Berendj) und andere Leckereien werden verteilt. In Irak, insbesondere in den heiligen Städten Najaf und Kerbela, versammeln sich Millionen Pilger zu gemeinsamen Gebeten und Feierlichkeiten. In Libanon, Bahrain, Aserbaidschan und Pakistan finden die schiitischen Gemeinschaften auch Feierlichkeiten statt. In Russland, in Regionen mit dichtem Zusammenwohnen der Schiiten (z.B. in Dagestan, wo Aserbaidschaner leben), wird dieser Tag ebenfalls gefeiert, obwohl er nicht auf staatlicher Ebene ist.
Neben den äußeren Attributen des Festes hat Id al-Ghadir auch eine tiefe innere Bedeutung. Für den Gläubigen ist es eine Gelegenheit, über seine Treue zu den Idealen der Gerechtigkeit und Wahrheit nachzudenken, die der Imam Ali verkörperte. Dieser Tag ruft zur Verantwortung für die eigenen Handlungen und zur Notwendigkeit, dem geistlichen Führer zu folgen auf. Die Freude des Festes kommt weniger aus materiellen Reichtümern als aus der Überzeugung, dass die Gemeinschaft nach dem Propheten Muhammad nicht ohne göttliche Führung zurückblieb. Es ist ein Tag der Wiederherstellung geistiger Bande und Brüderlichkeit.
Id al-Ghadir 2026, der auf den 15. Juni fiel, wurde für die schiitischen Muslime zu einem Tag tiefer Glaube, Freude und Bewusstsein für ihre historische und religiöse Identität. Dieses Fest, das von der Geschichte der prophetischen Predigt umgeben ist, bleibt eine wichtige Meilestein im islamischen Kalender und wird von Generation zu Generation als Symbol der Nachfolge und der Liebe zur Prophetenfamilie weitergegeben.
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