Die Verbindung des Namens des französischen Fabelautors Jean de La Fontaine (1621–1695) mit dem Phänomen des modernen Kinos scheint auf den ersten Blick anachronistisch. Allerdings legte La Fontaine, der die allegorische Tierverwendung systematisierte und in die künstlerische Norm erhob, den Grundstein für ihre spätere Repräsentation in der Massenkultur, einschließlich des Kinos. Ein Vergleich seiner Methode mit den Praktiken des modernen Kinos zeigt sowohl die Kontinuität der Tradition als auch ihre radikale Transformation in der Ära des Postmodernen.
Bei La Fontaine sind Tiere vor allem festgelegte Allegorien menschlicher Eigenschaften und sozialer Merkmale, die von der antiken (Ezop) und östlichen Tradition übernommen wurden. Ihre Bilder sind von individueller Psychologie frei und dienen streng didaktischen Zwecken:
Löwe — Allegorie der königlichen Macht, Stärke, aber auch Tyrannei.
Reh — Inkarnation der List, Schmeichelei und listigen Geistes.
Wolf — Symbol des Raubtierverhaltens, roher Stärke und ewigen Hungers (sozial und physisch).
Esel — Personifikation von Dummheit, Sturheit und Unwissenheit.
Die Tiere bei La Fontaine sprechen in der eleganten Sprache der hochadeligen Salons des 17. Jahrhunderts, ihre Dialoge sind voll von Ironie und Eleganz. Sie sind nicht Charaktere im modernen Sinne, sondern Funktionen in einer moralischen Fabel. Ihre tierische Natur dient nur als bedingte Maske, hinter der sich die unveränderliche menschliche Essenz verbirgt. Das Ziel ist nicht die Untersuchung des inneren Lebens des Tieres, sondern die Illustration eines universellen moralischen Gesetzes.
Im 20.–21. Jahrhundert übernimmt der Film, insbesondere der Animationsfilm, die La Fontaine'sche Modell, aber es wird radikal neu interpretiert. Man kann mehrere Schlüsselrichtungen hervorheben:
A) Psychologisierung und Individualisierung (Disney und seine Nachfolger).
Der Goldene Zeitalter von Disney ("Der König der Löwen", 1994; "Zootopia", 2016) nimmt das La Fontaine'sche allegorische Bestiarium als Grundlage, aber füllt es mit tiefer individueller Psychologie. Simba der Löwe ist nicht nur ein abstrakter "König", sondern ein Charakter mit einer komplexen seelischen Tragödie, einem existentiellen Krisis und einem Weg zur Reife. Nick Wilde der Fuchs in "Zootopia" ist nicht mehr nur ein Schema der "List", sondern ein vielschichtiger Bild mit einem traumatischen Vergangenheit und einer sozialen Maske, die er tragen muss. Die Tiere sind hier vollwertige Charaktere-Menschen, deren tierische Außenform dient zur visuellen Charakterisierung und zur Strukturierung der Metapher der Gesellschaft.
B) Dekonstruktion und Parodie (postmoderner Ansatz).
Dieses Richtung spielt bewusst mit den Klischees, die von La Fontaine und Disney gelegt wurden. Ein bemerkenswerter Beispiel ist die Filmreihe "Madagascar" (2005–2012). Alex der Löwe ist nicht ein edler Herrscher, sondern ein narzisstischer Show-Star. Marty der Zebra leidet unter einem existentiellen Krisis und lehnt seine "Typizität" ab. Die Filme karikieren die Idee der festgelegten natürlichen Essenz, indem sie zeigen, wie Stereotypen bei der Konfrontation mit der Realität zerschellen. "Shrek" (2001) ist auch auf parodistischer Umkehrung von Märchen- und Fabelklischees aufgebaut.
Interessanter Fakt: In dem Film "Fantastic Mr. Fox" (2009) von Wes Anderson führen anthropomorphe Tiere, die ihre natürlichen Instinkte (Mr. Fox ist ein Raubtier und Dieb) beibehalten, ein komplexes menschliches Leben mit einem Krisis des mittleren Lebensalters, Ambitionen und familiären Problemen. Dies ist eine direkte, aber auch ironische Referenz an die La Fontaine'sche Fuchs-Plünderer, die in den Kontext der Psychoanalyse und des Existenzialismus gestellt werden.
W) Philosophische Fabel und totale Anthropomorphisierung.
Einige Regisseure nutzen die Tierwelt, um vollständige philosophische Modelle zu schaffen. "Die Katzen und Hunde Krieg" (2001) zeigt in einer grotesken Form totalen Spionage und interartischen Konflikt als Metapher für den "Kalten Krieg". "Die Chroniken von Narnia" (2005) mit ihren sprechenden Tieren setzt die Tradition der christlichen Fabel fort, bei der Tiere (z.B. Aslan) Träger eines sakralen und nicht nur sozialen Sinns sind.
Ziel: La Fontaine — moralische Belehrung, Bestätigung universeller Wahrheiten. Moderne Filmkunst — Untersuchung der Identität, sozialer Normen, Traumata, Suche nach dem Selbst.
Stufe der Anthropomorphisierung: Bei La Fontaine sprechen die Tiere nur wie Menschen. Im Kino (im Animationsfilm) sehen sie aus (in der Animation), handeln, denken und fühlen wie komplexe menschliche Persönlichkeiten, besitzen dabei jedoch eine restliche Tierlichkeit.
Verhältnis zur Natur: La Fontaine nutzt die Natur als bedingten Hintergrund. Das moderne ökologische Bewusstsein macht oft das Thema der natürlichen Umgebung und ihrer Zerstörung zum zentralen Thema ("Wall-E", "Die Legende vom Delphin").
Poliphonie: Wenn bei La Fontaine jeder Tier ein dominierendes Qualitäts носитель ist, dann repräsentiert ein Tier im Kino viele verschiedene Charaktere (z.B. viele individuelle Kaninchen in "Zootopia").
Die Tradition, die von La Fontaine ausgeht, ist im modernen Kino nicht verschwunden, aber tief dekonstruiert und komplexer geworden. Vom einfachen Allegorie ist der Filmwelt von der poliphonen Anthropomorphisierung übergegangen, bei der Tiere nicht mehr zur Illustration fertiger Wahrheiten dienen, sondern zur Modellierung komplexer sozialer Systeme, psychologischer Zustände und philosophischer Dilemmata. Die La Fontaine'sche Maske ist in ein Spiegel verwandelt, der nicht mehr typische Laster, sondern die gesamte Vielfalt und Widersprüchlichkeit des modernen Menschen widerspiegelt. Der moderne Zuschauer sieht in dem Bildschirmfuchs oder Löwen nicht mehr eine lehrhafte Schema, sondern sich selbst — mit all seinen Ängsten, Ambitionen und der Suche nach seinem Platz in der Welt. Somit ist die Evolution des Tierbildes von der Fabel zum großen Bildschirm ein Weg vom moralischen Didaktizismus zu einem komplexen Dialog über die Natur selbst der Menschlichkeit.
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