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Die Konzeption der "Dingbibliothek" und ihre Realisierung im 21. Jahrhundert: Von der Sharing Economy zum sozialen Hub

Die Konzeption der "Dingbibliothek" (Library of Things, LoT) stellt einen evolutionären Sprung in der Entwicklung der Bibliotheksdienste dar, indem sie den grundlegenden Bibliotheksbegriff — den kollektiven Zugang zu Ressourcen — im Kontext der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts — Hyperkonsumtion, ökologischer Krise, digitaler Ungleichheit und sozialer Atomisierung — neu interpretiert. Dies ist nicht nur eine neue Dienstleistung, sondern eine philosophische und praktische Alternative zur Besitzmodell, die öffentliche Bibliotheken in Zentren der Kreislaufwirtschaft und sozialen Kapitals transformiert.

1. Philosophische und wirtschaftliche Prämissen: Warum "Dinge"?

Die Idee ist auf dem Zusammentreffen mehrerer globaler Trends entstanden:

Sharing Economy: Nach dem Erfolg der Modelle kurzfristiger Vermietung von Wohnraum (Airbnb) und Verkehrsmitteln (Carsharing) war es logisch, diese Logik auf Gegenstände des täglichen Bedarfs anzuwenden. Studien zeigen, dass eine durchschnittliche Bohrmaschine nur 12-15 Minuten im Laufe ihres Lebens verwendet wird, und teure Küchengeräte oder festliche Dekorationen nehmen 99% der Zeit Platz ein.

Kreislaufwirtschaft: Im Gegensatz zur linearen Modell "erwerben-producieren-entsorgen" realisiert LoT die Prinzipien der Wiederverwendung, Verlängerung des Lebenszyklus von Dingen und Verringerung von Abfällen. Dies ist eine direkte Operationalisierung der ökologischen Agenda auf lokaler Ebene.

Sociale und finanzielle Inklusion: Der Zugang zu spezialisierten Werkzeugen, Campingausrüstung oder kindlichen Entwicklungsspielzeugen zu einem symbolischen Preis (oder kostenlos) senkt den finanziellen Barrieren für Hobbys, Bildung, Hausreparaturen und qualitatives Freizeitverhalten. Dies demokratisiert die Möglichkeiten, insbesondere für benachteiligte Schichten, Jugendliche und Rentner.

2. Implementierungsmodelle: Von Bibliotheksfilialen bis zu unabhängigen Projekten

LoT existieren in verschiedenen organisatorischen Formaten:

Integration in öffentliche Bibliotheken (die häufigste Modell in Europa): Zum Beispiel in den Niederlanden, Deutschland, Skandinavien viele kommunale Bibliotheken reservieren Bereiche für "Dingfonds". Dies nutzt die Infrastruktur (Buchhaltungssystem, Raum, Vertrauen der Gemeinschaft) und stärkt den Verkehr. Die Bibliothek wird wieder zum universellen Ressourcenzentrum.

Unabhängige nicht kommerzielle Organisationen und Kooperative: Ein klassisches Beispiel ist "Library of Things" in London (gegründet 2016), die zum Standard wurde. Sie funktioniert als soziales Unternehmen, sammelt Dinge durch Crowdfunding und Partnerschaften. Ähnliche Beispiele sind "Share Shed" in Devon (Vereinigtes Königreich) — eine mobile Dingbibliothek auf einem Lastwagen, die ländliche Gebiete bedient.

Commerzielle oder hybride Modelle: Einige Startups bieten die Vermietung von Premium-Gegenständen (Kameras, Drohnen) online an, aber mit physischen Ausgabepunkten. Allerdings entspricht der nicht kommerzielle, öffentliche Status dem Geist der Konzeption am besten, minimiert Risiken der Kommodifizierung.

Interessanter Fakt: Eine der ersten dokumentierten "Dingbibliotheken" erschien in den USA, in der Stadt Gaylord (Bundesstaat Michigan) noch 1976 und hieß "The Tool Lending Library". Sie wurde von Enthusiasten gegründet, um Nachbarn bei der Reparatur nach einem Hurrikan zu helfen. Dies zeigt, dass die Wurzeln der Konzeption in der gemein­schaftlichen gegenseitigen Hilfe liegen, und moderne Technologien und Trends haben sie nur skaliert.

3. Sortiment und technologische Unterstützung: Was und wie "ausgeliehen"?

Das Sortiment wird strategisch um selten genutzte, aber sozial bedeutende Kategorien gebildet:

Werkzeuge und Ausrüstung für Reparaturen (Bohrmaschinen, Schleifmaschinen, Leiter).

Technik für Veranstaltungen (Projektoren, Kaffeemaschinen, Zelte, Tische).

Sport- und Campingausrüstung (Fahrräder, Snowboards, Rucksäcke).

Küchengeräte (Brotbackmaschinen, Multikocher, Nudelkocher).

Kreativ- und Bildungssätze (Nähmaschinen, Musikinstrumente, Mikroskope, Roboterbau-Sets).

Der technologische Kern ist spezialisiertes Software für Inventarisierung, Online-Buchung und Mitgliedschaftsverwaltung, oft mit Open-Source-Code. Ein wichtiger Bestandteil ist das Schulungssystem: Anleitungen zur Verwendung, Workshops ("Wie man eine Wand hängt", "Grundlagen des Nähens"), was den Einstiegsbarriere und das Risiko der Beschädigung von Dingen senkt und die einfache Miete in einen Bildungsprozess umwandelt.

4. Soziokultureller Effekt: Mehr als nur Dinge

Die Realisierung von LoT führt zu vielschichtigen positiven Auswirkungen, die weit über die utilitaristische Miete hinausgehen:

Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks: Laut einer Studie von Circle Economy kann jede Sache in einer aktiven Bibliothek 20-30 derartige neue Waren ersetzen, was die Produktion, Logistik und Endabfälle reduziert.

Community Building (Gemeinschaftsaufbau): LoT werden zu Punkten der Zusammenstellung für Gleichgesinnte, Orten des Austauschs von Fähigkeiten (Repair Café), sozialen Beziehungen. Sie wiederherstellen den sozialen Kapital in der urbanisierten Umgebung.

Entwicklung neuer Kompetenzen bei Bibliothekaren: Die Mitarbeiter werden Kuratoren von Ressourcen, Mentoren und Organisatoren der Gemeinschaft, ihre Rolle erweitert sich von der Arbeit mit Texten bis zur Arbeit mit Menschen und materiellen Objekten.

Beispiel einer erfolgreichen Implementierung: Das Projekt "Leila" in Berlin (gegründet 2011) wurde ein Pionier in Europa. Neben der Ausgabe von Dingen führt es aktiv Workshops zur Reparatur und Upcycling durch, positioniert sich als "Club für gemeinsame Nutzung", was den Wert der Gemeinschaft über die Transaktion hervorhebt.

Wissenschaftlicher Kontext: Die Konzeption der LoT findet Unterstützung in der Theorie des "ausreichenden Verbrauchs" (sufficiency), die behauptet, dass eine nachhaltige Zukunft nicht von technologischen Wundern abhängt, sondern von einem Übergang zu einer neuen Kultur der Mäßigung, bei der der Zugang zu den Funktionen eines Gegenstands wichtiger ist als das Eigentum an ihm als Statussymbol. Die Dingbibliothek macht diese Theorie greifbar und praktisch.

Schluss: Die Bibliothek als Plattform für ein nachhaltiges Leben

Die "Dingbibliothek" ist nicht Mode, sondern eine natürliche Antwort des kulturellen Instituts auf die Herausforderungen der Epoche. Sie kehrt der Bibliothek ihre uraltarchetypische Funktion zurück — ein gemeinsamer Ort für die Werte der Gemeinschaft zu sein, aber füllt sie mit neuem, relevantem Inhalt. Zusammen mit Büchern, die Wissen "in der Theorie" anbieten, geben die Dinge die Möglichkeit, diese Wissen "in der Praxis" anzuwenden. Auf diese Weise transformiert die LoT die Bibliothek von einem passiven Lagerhaus in eine aktive Plattform für ein nachhaltiges Leben, kontinuierliches Lernen und das Stärken lokaler sozialer Beziehungen. In diesem Synergie zwischen der traditionellen Mission der Erziehung und der innovativen Verbrauchsmodell scheint einer der am besten funktionierenden Wege zur Entwicklung öffentlicher Räume im 21. Jahrhundert zu sein. Dies ist eine Evolution von der "Bibliothek des Wissens" zur "Bibliothek der Möglichkeiten".


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