Was haben die Magd, die nachts Engel zeichnete, der Briefträger, der Paris festhielt, und der Zirkuskämpfer, der Fleisch verherrlichte, gemeinsam? Sie alle wurden durch den deutschen Sammler und Kunsthistoriker Wilhelm Wundt verbunden. In den 1920er Jahren führte er das Konzept der «Sänger des Sacré-Cœur» ein. Mit diesem Begriff bezeichnete er bildende Künstler-Laien, die keine akademische Bildung hatten, aber unter dem Einfluss eines inneren Gesangs, des Glaubens, der Liebe zum Leben kreativ tätig waren. Ihr Kunstwerk ist weder «hoch» noch «niedrig», es liegt über Hierarchien hinaus. Die Konzeption Wundes wurde zum Manifest des Naiven Kunst und beeinflusst bis heute, wie wir auf das «Primitiv» schauen. Lassen Sie uns die Dinge klären.
Der Begriff «Sänger des Sacré-Cœur» bezieht sich auf die Basilika Sacré-Cœur in Paris, die auf dem Hügel Montmartre erbaut wurde. Wundt, ein religiöser Mensch (obwohl Jude), sah in diesen Künstlern etwas Sakrales: Sie schufen Kunst nicht aus Geld oder Ruhm, sondern als Gebet. Das Wort «Sänger» betont die Musikalität, die Rhythmik ihrer Werke. Wundt setzte sie den «kalten» Avantgardisten gegenüber, die Kunst mit dem Verstand konstruierten. «Sänger» sangen mit der Seele. Diese Gruppe umfasste: Serafina Louis (Serafina von Sanlis), Camille Bombois, Louis Vivin, André Boshan sowie Henri Rousseau (obwohl Rousseau vor der Formulierung des Konzepts starb, galt er als Vorläufer).
Fehlende berufliche Bildung (könnten nicht perspektivisch, anatomisch zeichnen). Tiefes persönliches Inspirationspotential (oft religiös oder mystisch). Techniken, die von der Intuition und nicht von den Regeln geleitet werden. Ehrlichkeit (es gab kein Bedürfnis, zu schockieren oder zu epatieren, wie die Surrealisten). Sie alle arbeiteten nicht für Anerkennung, sondern aus innerer Notwendigkeit (im Gegensatz zum Akademismus). Ihr Kunstwerk wurde oft von Sammlern zufällig entdeckt, nicht durch Galerien.
Wundt verneinte den Avantgard nicht. Er freundete sich mit Picasso an, sammelte Cubisten. Aber er hielt den Modernismus für zu intellektuell, rational, und «Sänger» brachten die Kunst zurück zu ihren Ursprüngen — zur Bewunderung des Welt. Im Jahr 1928 organisierte Wundt die Ausstellung «Moderne Primitiven» in Paris, wo er Serafina, Bombois, Vivin, Boshan und Rousseau nebeneinander stellte. Das Publikum lachte, aber Wundt beharrte: Das ist so viel Kunst wie Picasso. Picasso, übrigens, unterstützte seinen Kollegen: Er kaufte einige Werke von Serafina und Rousseau.
Wundt war Jude, aber seine Konzeption ist durch christliche Symbolik durchzogen. «Heiliges Herz» ist das Herz Jesu, Symbol der göttlichen Liebe und Leid. Wundt sah in der Schöpfung dieser Künstler ein Analogon zum kirchlichen Dienst. Sie schufen wie die mittelalterlichen Meister Ikonen, aber nicht kanonische, sondern persönliche. Serafina hörte buchstäblich Engel, Boshan schrieb biblische Szenen, Vivin — seinen paradiesischen Paris. Das war ein ökumenischer Ansatz: Kunst als universelle Religion.
Wundt war kein Altruist. Er kaufte die Werke der «Sänger» für einen Bruchteil des Preises und verkaufte sie mit Aufschlag (wenn der Bedarf bestand). Er schuf das Brand «Naives Kunst» und vermarktete es. Kritiker beschuldigten ihn der Ausbeutung. Aber ohne seine kommerzielle Seite wären diese Künstler unbekannt geblieben. Wundt gab ihnen Geld für Farben, manchmal für Behandlung. So war seine Rolle zwiespältig.
Die Konzeption der «Sänger des heiligen Herzens» hat das Naive Kunst in den Augen der Museen und Kritiker legitimiert. Heute gehören die Werke dieser Künstler zu den Sammlungen des Louvre, des MoMA, des Centre Pompidou. Ihr Einfluss ist in der Schöpfung moderner Künstler-Primitivist zu spüren, sowie im Art brut und Outsider-Art. Der Begriff wird seltener verwendet, aber die Idee lebt weiter.
Wilhelm Wundt hat nicht nur einige Genies entdeckt. Er hat unser Verständnis von Kunst verändert. «Sänger des heiligen Herzens» haben gezeigt: Meisterwerke können in einer bescheidenen Dachkammer, auf der Küche, in der Seele einer Magd entstehen. Wichtig ist nicht wo und wie, sondern warum.
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