Libmonster ID: KZ-3617

Bürgerbevölkerung als Objekt und Subjekt im Krieg

Einführung: Neubewertung der Rolle der Zivilbevölkerung in militärischen Konflikten

In der klassischen Kriegstheorie von Clausewitz bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Zivilbevölkerung hauptsächlich als Objekt betrachtet: als demografischer und wirtschaftlicher Ressource ("Hinterland"), als Quelle für den Nachschub der Armee und als passive Opfer ("Kollateralschaden" – Schadensersatz) oder als Druckmittel gegen den Gegner. Allerdings hat die historische Praxis, insbesondere seit der Ära der totalen Kriege und der nationalen Befreiungsbewegungen, gezeigt, dass die Zivilbevölkerung oft zu Subjekten wird – aktiven Teilnehmern des Widerstands, Trägern der Legitimität und einem entscheidenden Faktor bei der Erreichung der politischen Ziele des Konflikts. Diese Evolution spiegelt den Übergang von Kabinettkriegen und regulären Armeen zu ideologischen, netzwerk- und hybriden Kriegen wider.

1. Historische Evolution: Von Objekt zur "totalen Mobilisierung"

Antike und Mittelalter: Die Zivilbevölkerung (Bürger der Städte) war oft das Hauptopfer des Gewaltakts (Massaker, Sklaverei) nach der Einnahme einer Festung. Dies war eine Taktik zur Einschüchterung und eine Form der Bezahlung der Truppen. Allerdings wurden die Zivilbevölkerung in den Bauernaufständen (Jacqueries, Hussitenkriege) selbst zu Subjekten des bewaffneten Widerstands.

Ära der "Kabinettkriege" (17.–18. Jahrhundert): Mit der Entwicklung regulärer Armeen und des Völkerrechts (Anfang der Kodifizierung in den Traktaten Hugos Grotius) wurde die Zivilbevölkerung als geschützte Kategorie ausgezeichnet, obwohl dies in der Praxis selten eingehalten wurde. Der Krieg galt als Sache der professionellen Armeen.

Napoleonische und "totale" Kriege (19.–20. Jahrhundert): Umbruch. Napoleon führte die Konskription ein – den massiven召兵 der Zivilbevölkerung in die Armee, machte sie zu Subjekten in der Form von Soldaten. In den ersten und insbesondere im Zweiten Weltkrieg wurde die Grenze zwischen Front und Hinterland verwischt, was zur Konzeption der "totalen Krieg" führte, bei der die Zivilbevölkerung gezielt als Objekt der Beeinflussung zur Untergrabelegung des Widerstands des Gegners gemacht wurde (Bomberangriffe auf Dresden, Hiroshima, Blockade von Leningrad). Hier war sie gleichzeitig Objekt des Terrorismus und Subjekt des Arbeitsfronts.

Interessanter Fakt: In den Jahren des Zweiten Weltkriegs wurde die Zivilbevölkerung in besetzten Europa und der UdSSR massiv zu Subjekten des Partisanenbewegungs und des Widerstands. Dies veranlasste die Nationalsozialisten, harte Repressionsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung anzuwenden (z.B. die Zerstörung der Dörfer Katyn, Lidice), was wiederum nur die Unterstützung der Partisanen stärkte. Dieser Paradoxon zeigt die Duality des Status: der Versuch, die Zivilbevölkerung als Subjekt des Widerstands zu unterdrücken, verwandelte sie in ein Objekt totalen Vernichtens.

2. Theoretische Ansätze: Von der "gerechten Krieg" bis zum humanitären Recht

Die Theorie der gerechten Krieg (Jus ad bellum und Jus in bello): In diesem Rahmen ist die Zivilbevölkerung ein zu schützender Objekt. Der Grundsatz der Differenzierung erfordert eine klare Trennung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten, und der Grundsatz der Proporionalität verbietet Angriffe, bei denen der Tod der Zivilbevölkerung unproportional der militärischen Notwendigkeit entspricht.

Kritische Militärtheorie und postkoloniale Studien: Diese Ansätze behaupten, dass das westliche humanitäre Recht oft ein Instrument ist, das, indem es die Schutzfunktion der Zivilbevölkerung als Objekte deklariert, in der Praxis Kriege legitimiert, bei denen sie die Hauptopfer sind. In den anti-kolonialen Kriegen (Algerien, Vietnam) war die Zivilbevölkerung der Schlüsselakteur des politischen Kampfes. Der Krieg wurde um "Herzen und Geister" (Fische im Meer des Volkes, nach der Metapher Mao Zedongs) geführt, und die Partisanen ("Fische im Meer des Volkes", nach der Metapher Mao Zedongs) verwischten bewusst die Grenze zwischen Kombattant und Zivilisten, machten die Bevölkerung zu einem aktiven Teilnehmer.

3. Moderne hybride Konflikte: Das Verschwimmen der Grenzen


In den Konflikten des 21. Jahrhunderts (Syrien, Jemen u.a.) wurde der Status der Zivilbevölkerung noch unklarer:

Objekt der Informations- und kognitiven Krieg: Die Bevölkerung wird gezielt durch Propaganda, Desinformation, psychologische Operationen beeinflusst, um sie zu demoralisieren oder zu mobilisieren. Hier sind die Zivilisten Objekt der Manipulation, aber ihr Bewusstsein wird zum Schlachtfeld.

Objekt humanitärer Krisen als Taktik: Die Schaffung künstlicher Hungersnöte, die Blockade humanitärer Hilfe, die Zerstörung von Krankenhäusern und Schulen werden verwendet, um militärische und politische Ziele zu erreichen (Strategie des "verbrannten Erdes"). Die Bevölkerung ist ein Objekt des Drucks auf den Gegner.

Subjekt des digitalen Widerstands und des Volunteers: Die Zivilisten werden aktive Subjekte des Cyberkriegs (Hacktivist), leisten digitale Unterstützung der Armee, betreiben Crowdfunding, die Produktion von Drohnen und Ausrüstung, die Dokumentation von Kriegsverbrechen. Dies verwischt den formalen Status des Nichtkombattanten.

4. Internationales humanitäres Recht: Der Versuch, den Status des zu schützenden Objekts zu verfestigen

Die Genfer Konventionen von 1949 und die Zusatzprotokolle von 1977 stellen einen Versuch dar, der Zivilbevölkerung den Status eines geschützten Objekts zurückzugeben. Sie verbieten:

  • Angriffe auf Zivilisten und zivile Objekte.
  • Handlungen des Terrorismus, die darauf abzielen, die Bevölkerung zu terrorisieren.
  • Die Nutzung des Hungers als Kriegsmittel.
  • kollektive Strafen.

Aber die Effektivität dieser Normen hängt von der politischen Willenskraft, der Asymmetrie der Konflikte und der Einführung neuer Technologien (Cyberwaffen, autonome Systeme) ab, die erneut die Anwendbarkeit alter Differenzierungsprinzipien in Frage stellen.

Schluss: Die Ambivalenz als neue Norm

So ist die Zivilbevölkerung in der modernen Kriegsführung gleichzeitig Objekt und Subjekt, und dies in hypertrophen Formen. Sie ist:

  • Das maximale Opfer der Verletzbarkeit und des Leidens unter den Bedingungen des totalisierenden Gewalts.
  • Ein entscheidender Subjekt der politischen Legitimität, für die man kämpft.
  • Ein aktiver Teilnehmer des Widerstands und des Krieges in seinen hybriden, netzwerkartigen Manifestationen.

Die Geschichte zeigt, dass Versuche, die Zivilisten nur auf den Status eines passiven zu schützenden Objekts zu reduzieren (wie in idealen Modellen des humanitären Rechts), oft vor der politischen Realität scheitern, in der der Krieg zu einem Überlebenskampf der Nationen und Identitäten wird. Die Zukunft liegt wahrscheinlich nicht in der Verleugnung dieser Duality, sondern in der Entwicklung neuer rechtlicher und ethischer Rahmenbedingungen, die die aktive Rolle der Zivilisten in der Selbstverteidigung und im Widerstand anerkennen, während sie ihnen den maximal möglichen Schutz vor willkürlichem Gewalt vorzusehen. Der Krieg ist nicht mehr nur das Geschäft der Soldaten; er ist eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft, was die Frage nach dem Status der Zivilbevölkerung zu einem der zentralen Punkte im Verständnis der Konflikte des 21. Jahrhunderts macht.


© biblio.kz

Permanent link to this publication:

https://biblio.kz/m/articles/view/Zivilbevölkerung-als-Objekt-und-Subjekt-im-Krieg

Similar publications: LKazakhstan LWorld Y G


Publisher:

Тексты на немецком Contacts and other materials (articles, photo, files etc)

Author's official page at Libmonster: https://biblio.kz/Deutsch

Find other author's materials at: Libmonster (all the World)GoogleYandex

Permanent link for scientific papers (for citations):

Zivilbevölkerung als Objekt und Subjekt im Krieg // Astana: Digital Library of Kazakhstan (BIBLIO.KZ). Updated: 09.12.2025. URL: https://biblio.kz/m/articles/view/Zivilbevölkerung-als-Objekt-und-Subjekt-im-Krieg (date of access: 04.02.2026).

Comments:



Reviews of professional authors
Order by: 
Per page: 
 
  • There are no comments yet
Related topics
Publisher
Тексты на немецком
Астана, Kazakhstan
40 views rating
09.12.2025 (57 days ago)
0 subscribers
Rating
0 votes
Related Articles
Zivile Bevölkerung als Objekt und Subjekt im Krieg
Catalog: История 

New publications:

Popular with readers:

News from other countries:

BIBLIO.KZ - Digital Library of Kazakhstan

Create your author's collection of articles, books, author's works, biographies, photographic documents, files. Save forever your author's legacy in digital form. Click here to register as an author.
Library Partners

Zivilbevölkerung als Objekt und Subjekt im Krieg
 

Editorial Contacts
Chat for Authors: KZ LIVE: We are in social networks:

About · News · For Advertisers

Digital Library of Kazakhstan ® All rights reserved.
2017-2026, BIBLIO.KZ is a part of Libmonster, international library network (open map)
Keeping the heritage of Kazakhstan


LIBMONSTER NETWORK ONE WORLD - ONE LIBRARY

US-Great Britain Sweden Serbia
Russia Belarus Ukraine Kazakhstan Moldova Tajikistan Estonia Russia-2 Belarus-2

Create and store your author's collection at Libmonster: articles, books, studies. Libmonster will spread your heritage all over the world (through a network of affiliates, partner libraries, search engines, social networks). You will be able to share a link to your profile with colleagues, students, readers and other interested parties, in order to acquaint them with your copyright heritage. Once you register, you have more than 100 tools at your disposal to build your own author collection. It's free: it was, it is, and it always will be.

Download app for Android