Libmonster ID: KZ-3818

Sayla Benhabib über die Prinzipien der modernen Migrationspolitik: Universalismus, Rechte und der demokratische Iterationsprozess

Sayla Benhabib (geb. 1950) ist eine der führenden modernen politischen Philosophen, Professorin an der Yale University, deren Arbeiten an der Schnittstelle von Ethik, Demokratietheorie und internationalem Recht liegen. Ihr Ansatz zur Migrationspolitik stellt eine Synthese des liberalen Universalismus der Menschenrechte und der kommunikativen Ethik dar, die im Kontext der Globalisierung und transnationaler Ströme positioniert ist. Benhabib kritisiert sowohl den harten staatlichen Souveränitätsanspruch als auch den naiven Kosmopolitismus und schlägt einen dritten Weg vor, der auf dem Konzept der «diskursiven Legitimation» und des «demokratischen Iterationsprozesses» basiert.

Kritik der klassischen Paradigma: «Paradox der demokratischen Legitimität»

Benhabib beginnt mit der Analyse eines grundlegenden Widerspruchs, der in der Ära der Migration verschärft wird:

Prinzip des staatlichen Souveränitätsanspruchs: In der klassischen westfälischen Modell besitzt der Staat unumstößiges Recht, seine Grenzen zu kontrollieren und zu bestimmen, wer Mitglied (Bürger) werden kann. Dieses Recht gilt als Eckstein des demokratischen Selbstbestimmungsrechts des Volkes (demos).

Prinzip der universellen Menschenrechte: Gemäß internationalen Konventionen (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Genfer Konvention von 1951), besitzt jeder Mensch unabhängig von der Staatsangehörigkeit grundlegende Rechte — auf Leben, Freiheit von Folter, Asyl. Diese Rechte müssen von allen Staaten beachtet werden.

Der Paradoxon liegt darin: Ein demokratisches Staat, das innenpolitisch durch die Willensentscheidung seines Volkes verwaltet wird, agiert an den externen Grenzen als souveräner repressiver Apparat, der in der Lage ist, grundlegende Rechte von Nicht-Mitgliedern der Gemeinschaft zu verneinen. «Wir, das Volk» entscheiden souverän, wen wir aus dem Bereich unserer moralischen und rechtlichen Verantwortung ausschließen. Benhabib behauptet, dass in einer globalisierten Welt, in der die Konsequenzen der Entscheidungen einer Nation (ökologisch, wirtschaftlich, militärisch) direkt das Leben der Menschen in anderen Ländern beeinflussen, diese starke Modell des Souveränitätsanspruchs unmoralisch und nicht haltbar wird.

Schlüsselprinzipien: von «Recht haben Rechte» zu «Rechten auf Optionen»

Aus dieser Kritik heraus formuliert Benhabib die grundlegenden Prinzipien einer gerechten Migrationspolitik:

«Recht haben Rechte» als moralischer Imperativ. Übernehmend und uminterpretierend den Begriff Hannah Arendts, behauptet Benhabib, dass das grundlegendste Menschenrecht das Recht ist, als Subjekt des Rechts anerkannt zu werden, d.h. zu einem bestimmten rechtlichen Gemeinschaft zu gehören. Staaten dürfen Menschen diesen Status nicht willkürlich nehmen. Dies bildet einen moralischen Imperativ für das Gastfreundschaft, insbesondere in Bezug auf Flüchtlinge und Personen, die Asyl suchen.

Universalismus, vermittelt durch Pluralismus («interaktiver Universalismus»). Benhabib lehnt den abstrakten, von oben verordneten Universalismus ab. Menschenrechte sollten nicht dekretiert, sondern im Prozess öffentlicher Debatten, Diskurs und Interpretationen in spezifischen politischen Gemeinschaften geschmiedet werden. Verschiedene Kulturen können zu der Anerkennung universeller Normen auf verschiedenen Wegen gelangen, und Migranten sollten in diesen Dialog eingebunden werden.

«Demokratischer Iterationsprozess» — Herzstück des Ansatzes. Dies ist das zentrale Konzept bei Benhabib. «Iteration» bedeutet Wiederholung mit Überarbeitung. Demokratische Normen und Gesetze über Bürgerrecht/Migrationsrecht sind nicht für immer gegeben. Sie sollten ständig überprüft und neu formuliert werden in öffentliche Diskussionen, in die auch diejenigen einbezogen werden, die direkt von diesen Normen betroffen sind — Migranten und Flüchtlinge. Ihr Stimme, ihr Erlebnis, ihre Anforderungen sollten iterativ auf die Gesetze einwirken. Beispiel: die Bewegung «Sans-papiers» (Illegale) in Frankreich, die durch öffentliche Aktionen und rechtliche Auseinandersetzungen einige Aspekte der Politik überprüfen ließ, ist eine praktische Verkörperung des iterativen Prozesses.

Stufung der Mitgliedschaft: von Residenten zum Bürger. Benhabib schlägt eine stufenweise Modell der Integration vor. Ankommende Migranten sollten schrittweise ein Paket von Rechten erhalten:

Bürgerliche Rechte (Schutz der Person, Zugang zum Recht) — ab dem Zeitpunkt des Grenzübergangs.

Politische Rechte auf lokaler Ebene (Wahlrecht bei kommunalen Wahlen) — nach einer bestimmten Zeit der legalen Wohnsitznahme. Dies ermöglicht es ihnen, an der Lösung von Fragen teilzunehmen, die direkt ihr tägliches Leben beeinflussen.

Volles Bürgerrecht — als Krönung des Integrationsprozesses und der Loyalität.

Praktische Implikationen und Beispiele

Kritik an der «Europa-Festung»: Benhabib kritisiert scharf die Politik der EU, die darauf abzielt, die Kontrolle an den Grenzen extern auszulagern (Abkommen mit der Türkei, Libyen), da sie Verantwortung an nichtdemokratische Regime weitergibt und das Recht auf Asyl verletzt. Sie bestärkt die Forderung nach einer einheitlichen, humanitären europäischen Asylsystem.

Aufruf an die Gerichtssysteme: Benhabib hebt die wichtige Rolle der Gerichte (sowohl nationaler als auch internationaler, z.B. des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte) hervor, die oft als Verteidiger universeller Normen gegen den Willen der politischen Mehrheiten auftreten. Die Gerichte können als Treiber des «Iterationsprozesses» auftreten, indem sie Parlamente dazu verpflichten, Gesetze zu überprüfen.

Bürgerrecht als «soziale Zuweisung»: Anhand des Beispiels der Bewegung für die Rechte der Einwanderer in den USA zeigt sie, wie Migranten, indem sie an wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Leben teilnehmen, tatsächlich Rechte «an sich nehmen» und das Selbstverständnis der Gemeinschaft ändern, den iterativen Prozess vorantreiben.

Kritik und Aktualität

Der Ansatz von Benhabib wird kritisiert:

Rechts: für den Untergriff in den nationalen Souveränitätsanspruch und die Demokratie, die nach Ansicht der Konservativen nur im Rahmen eines bestimmten ethnokulturellen Gemeinschafts möglich ist.

Links: für den übermäßigen Akzent auf rechtliche und prozedurale Aspekte zum Nachteil der strukturellen Analyse des wirtschaftlichen Ungleichgewichts und des Neokolonialismus als ursächlichen Ursachen der Migration.

Dennoch bietet ihre Theorie einen äußerst wertvollen pragmatischen und ethischen Kompass für moderne Debatten. In Krisensituationen in Europa (2015), an der Grenze zwischen den USA und Mexiko erinnert sie daran:

Politik sollte nicht mit der Frage «Wie schließen wir uns ab?」 beginnen, sondern mit der Frage «Welche sind unsere moralischen Verpflichtungen?».

Demokratie ist keine statische Festung, sondern ein lebendiger, ständig aktualisierter Dialog, whose Grenzen sich erweitern sollten.

Migranten sind nicht passive Objekte der Verwaltung, sondern aktive Subjekte, deren Handlungen und Stimmen das politische Gemeinwesen neu gestalten können und sollten.

Auf diese Weise setzen die Prinzipien von Sayla Benhabib eine hohe Marke für die Migrationspolitik des 21. Jahrhunderts: Dies muss eine Politik sein, die auf Respekt der Rechte basiert, offen für ständige demokratische Überprüfung ist und die unvermeidliche Transformation nationaler Gemeinschaften in der Ära der globalen Vernetzung anerkennt. Ihre Arbeit ist ein theoretischer Grundstein für den Schutz sowohl der universellen Menschenrechte als auch einer dynamischen, inklusiven Demokratie.


© biblio.kz

Permanent link to this publication:

https://biblio.kz/m/articles/view/Seyla-Benhabib-über-Prinzipien-der-Migrationspolitik

Similar publications: LKazakhstan LWorld Y G


Publisher:

Тексты на немецком Contacts and other materials (articles, photo, files etc)

Author's official page at Libmonster: https://biblio.kz/Deutsch

Find other author's materials at: Libmonster (all the World)GoogleYandex

Permanent link for scientific papers (for citations):

Seyla Benhabib über Prinzipien der Migrationspolitik // Astana: Digital Library of Kazakhstan (BIBLIO.KZ). Updated: 20.12.2025. URL: https://biblio.kz/m/articles/view/Seyla-Benhabib-über-Prinzipien-der-Migrationspolitik (date of access: 04.02.2026).

Comments:



Reviews of professional authors
Order by: 
Per page: 
 
  • There are no comments yet
Related topics
Publisher
Тексты на немецком
Астана, Kazakhstan
76 views rating
20.12.2025 (45 days ago)
0 subscribers
Rating
0 votes

New publications:

Popular with readers:

News from other countries:

BIBLIO.KZ - Digital Library of Kazakhstan

Create your author's collection of articles, books, author's works, biographies, photographic documents, files. Save forever your author's legacy in digital form. Click here to register as an author.
Library Partners

Seyla Benhabib über Prinzipien der Migrationspolitik
 

Editorial Contacts
Chat for Authors: KZ LIVE: We are in social networks:

About · News · For Advertisers

Digital Library of Kazakhstan ® All rights reserved.
2017-2026, BIBLIO.KZ is a part of Libmonster, international library network (open map)
Keeping the heritage of Kazakhstan


LIBMONSTER NETWORK ONE WORLD - ONE LIBRARY

US-Great Britain Sweden Serbia
Russia Belarus Ukraine Kazakhstan Moldova Tajikistan Estonia Russia-2 Belarus-2

Create and store your author's collection at Libmonster: articles, books, studies. Libmonster will spread your heritage all over the world (through a network of affiliates, partner libraries, search engines, social networks). You will be able to share a link to your profile with colleagues, students, readers and other interested parties, in order to acquaint them with your copyright heritage. Once you register, you have more than 100 tools at your disposal to build your own author collection. It's free: it was, it is, and it always will be.

Download app for Android