Libmonster ID: KZ-3627

„Porphyrie“ als byzantinischer Phänomen: Medizin, Dynastie und sakrale Macht


Einleitung: Die genetische Geheimnis in den „Purpurwölbungen“

„Porphyra“ (griech. porphyra) — ein kostbarer purpurfarbener Farbton, der aus seltenen Muscheln gewonnen wurde und in Byzanz als exklusives Attribut der Kaiserlichen Macht diente. Geboren „in Porphyra“ (Porphyrogennetos) bedeutete, in einer speziellen Kammer des Konstantinopoler Palastes, die mit purpurfarbenem Porphyra verkleidet war, auf die Welt zu kommen, was die Legitimität und die göttliche Wahl des Erben betonte. Der Phänomen „Porphyrie-Krankheit“ wird normalerweise aus der Perspektive der Instabilität der Kaiserlichen Macht in Byzanz betrachtet. Die Macht wurde nicht immer vererbt, insbesondere im frühen Stadium der Staatsexistenz. Auf den Thron stiegen unerwartete Persönlichkeiten: Justinian I, sein Neffe Justinian, die Kaiserin Theodora und andere. In diesem Fall wird unter „Porphyrie-Krankheit“ nicht die politische Metapher, sondern eine hypothetische genetische Krankheit verstanden, die vermutlich die byzantinischen Dynastien heimsuchte, die den körperlichen Leiden des Herrschers mit dem sakralen Status verband. Dieses Phänomen liegt am Übergang von der medizinischen Geschichte, der dynastischen Politik und der kulturellen Anthropologie.

1. Hypothese über die Porphyrie: medizinische Rückschau

În den 1960er Jahren stellte der britische Psychiater und Biochemiker Idris McAlpine eine sensationelle Hypothese auf, dass der berühmte britische König Georg III., der unter Anfällen von Wahnsinn litt, an akuter intermittierender Porphyrie litt — einer seltenen genetischen Krankheit, die den Synthese von Häm (Bestandteil des Hämoglobins) stört. Später vermuteten er und andere Forscher, dass ähnliche Symptome auch bei den byzantinischen Kaisern auftreten könnten.

Porphyrie ist eine Gruppe von Krankheiten, bei denen im Körper Porphyrine, toxische Vorläufer von Häm, ansammeln. Die akute intermittierende Form (OAP) kann folgende Symptome verursachen:

Schwere Bauchschmerzen, die nicht mit Lebensmittelvergiftung zusammenhängen.

Neurale und psychische Störungen: Halluzinationen, Angst, Aggression, Paranoia (was als „Wahnsinn“ interpretiert wurde).

Lichtempfindlichkeit (bei einigen Formen), die zu Hautausschlägen führt.

Rötliches Harnverdünnung („Portweinfarbe“) aufgrund des Überschusses an Porphychinen.

McAlpine und der Historiker Arthur L. M. S. Haskell, die byzantinische Chroniken studierten, vermuteten, dass die Symptome, die bei einer Reihe von Kaisern beschrieben wurden, mit der OAP übereinstimmen könnten.

2. Kandidaten für die „Purpurkrankheit“: historische Fälle

Kaiser Iraklios (610–641): Es wird beschrieben, dass er unter schmerzhaften Anfällen von Angst, Depression und einem seltsamen körperlichen Leiden litt, das ihn in den letzten Jahren nicht mehr regieren ließ. Einige Quellen erwähnen sein „Abneigung“ gegen Essen und Wasser, was mit Bauchschmerzen in Verbindung gebracht werden könnte.

Kaiser Justinian II „Ohne Nase“ (685–695, 705–711): Bekannt für seine extreme Härte und Unvorhersehbarkeit. Der Chronist Theophanes der Confessor beschreibt ihn als einen Menschen, der von einer „dämonischen Wut“ ergriffen wurde. Dies könnte als psychotische Episoden interpretiert werden.

Kaiser Konstantin V Kopronim (741–775): Ein heftiger Ikonoklast, dessen Spitzname („Dung“) möglicherweise auf skandalöses Verhalten hindeutet. Er litt unter starken Fieberschüben und plötzlichen Krankheiten, die ihn manchmal in kritischen Momenten außer Gefecht setzten (z.B. während militärischer Kampagnen).

Die Kaiser der Macedonischen Dynastie (IX–XI Jahrhundert): Besondere Aufmerksamkeit erregt Konstantin VII Dukas (913–959). Der bekannteste Porphyrogennetos, Autor von encyklopädischen Werken, litt unter schwerem Arthritis, Schwäche und möglicherweise Epilepsie. Sein Lebensstil war äußerst isoliert. Einige Forscher sehen in seinen Symptomen nicht die OAP, sondern eine andere Form — die späte Hautporphyrie, die Lichtempfindlichkeit und Hautprobleme erklären könnte.

Interessanter Fakt: Die Hypothese über die Porphyrie in der byzantinischen Dynastie erhielt eine unerwartete indirekte Bestätigung bei der Untersuchung der dynastischen Ehen. Die byzantinischen Kaiser heirateten oft Prinzessinnen aus westlichen Königshäusern (z.B. aus den Töchtern armenischer oder georgischer Könige, später aus westeuropäischen Familien). Wenn Porphyrie tatsächlich vorhanden war, könnte sie auf einem autosomalen dominanten Typ übertragen worden sein, und nahe Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der regierenden Elite (wenn auch nicht direkter Inzest) könnten die Manifestation des seltenen Gens gefördert haben. Es ist bemerkenswert, dass die Hypothese von McAlpine über die britische Königsfamilie ebenfalls auf verwandtschaftlichen Beziehungen zu kontinentalen Dynastien basierte.

3. Kritik der Hypothese: Geschichtsschreibung vs. spekulative Medizin

Die Hypothese über die „byzantinische Porphyrie“ stieß bei Historikern auf erhebliche Kritik:

Problem der Quellen: Byzantinische Chronisten beschrieben die Symptome nicht aus medizinischer, sondern aus moralisch-politischer Perspektive. „Wahnsinn“, „Besessenheit“, „Melancholie“ oder „ göttliche Strafe“ waren literarische Topoi zur Diskreditierung eines unliebsamen Kaisers (insbesondere der Ikonoklasten) oder zur Erklärung seiner Niederlagen. Eine Diagnose auf der Grundlage solcher Beschreibungen nach Jahrtausenden ist äußerst unsicher.

Selektive Herangehensweise: Die Befürworter der Hypothese wählten selektiv Symptome aus, ignorierten andere mögliche Diagnosen: Epilepsie, Syphilis (die später auftrat), Malaria, Vergiftung, psychische Störungen anderer Genese oder einfach die Folgen von Schädel-Hirn-Traumen (häufig in der Mitte der Soldatenkaiser).

Fehlt materielle Beweise: Im Gegensatz zu paläopathologischen Untersuchungen von Skelettern, z.B. russischer Fürsten, blieben die byzantinischen kaiserlichen Begräbnisse (mit Ausnahme einer Seltenheit, wie der Grabstätte in der Kirche der Heiligen Apostel) nicht erhalten oder nicht untersucht, was die Hypothese rein spekulativ macht.

4. Kulturell-antropologische Dimension: Krankheit als Teil des sakralen Bildes

Außerhalb der medizinischen Genauigkeit wirft die Diskussion über die „Porphyrie-Krankheit“ einen wichtigen Aspekt des byzantinischen Weltbildes ins Licht.

Sakralisierung des Körpers des Basileus: Der Kaiser war eine „lebende Ikone“. Jegliche Krankheit oder körperliche Unvollkommenheit konnte als Zeichen göttlichen Zorns oder, umgekehrt, als Form der Askese und Leidens für das Volk interpretiert werden. Die Krankheit passte in die komplexe Theologie der Macht.

Dynastische Verwundbarkeit: Die ständigen Erwähnungen der Leiden der Kaiser, insbesondere derjenigen, die „in Porphyra“ geboren wurden, könnten nicht genetische Krankheit, sondern eine reale psychosomatische Belastung der Erben widerspiegeln, die in den Bedingungen des Palastes aufwuchsen, in denen Intrigen, eine übertriebene Verantwortung und ein mystischer Schrecken vor ihrer Mission herrschten. In diesem Sinne ist die „Porphyrie-Krankheit“ eine Metapher für das „Fluch der Macht“, der Kosten des Lebens in einem einzigartigen sakralen Status.

Beispiel: Die Symptome, die Konstantin VII zugeschrieben werden (Schwäche, Nichtbeteiligung an militärischen Expeditionen), könnten durchaus das Ergebnis eines bewussten Wahlakts im Rahmen des kulturellen Modells „des Kaisers-Gelehrten und Schriftstellers“ sein, im Gegensatz zum Bild des „Kaisers-Kriegers“. Seine physische „Schwäche“ könnte ein Element der Machtdarstellung sein, nicht die Pathologie der Macht.

Schluss: Zwischen Genom und Thron

Die „Porphyrie-Krankheit“ bleibt eine faszinierende, aber nicht bewiesene historisch-medizinische Hypothese. Ihr Wert geht jedoch über den Streit um die Diagnose hinaus. Sie ermöglicht es, die byzantinische Kaiserliche Macht aus einem ungewöhnlichen Winkel zu sehen:

Als eine dynastische System, potenziell anfällig für einen geschlossenen Kreis von Ehen und erblichen Krankheiten.

Als ein Phänomen, bei dem das körperliche Körper des Herrschers ein Text wird, der von Zeitgenossen (als Zeichen) und Historikern (als Symptom) gelesen wird.

Als eine Erinnerung daran, dass selbst die sakralisierte, anscheinend unantastbare Macht allen menschlichen Schwächen unterworfen war — von genetischen Fehlern bis zu psychischen Störungen.

Dadurch ist die „Porphyrie-Krankheit“ weniger ein konkreter medizinischer Fall als eine symbolische Krankheit des kaiserlichen Körpers, ein Punkt der Kreuzung von Medizin, Geschichte und Mythos, der das Vorstellungsvermögen beflügelt und zum Nachdenken über den Preis, den die Träger der „Purpurherrschaft“ für ihre exklusive Position im byzantinischen Kosmos gezahlt haben, anregt.


© biblio.kz

Permanent link to this publication:

https://biblio.kz/m/articles/view/Porphyria-als-byzantinischer-Phänomen

Similar publications: LKazakhstan LWorld Y G


Publisher:

Тексты на немецком Contacts and other materials (articles, photo, files etc)

Author's official page at Libmonster: https://biblio.kz/Deutsch

Find other author's materials at: Libmonster (all the World)GoogleYandex

Permanent link for scientific papers (for citations):

Porphyria als byzantinischer Phänomen // Astana: Digital Library of Kazakhstan (BIBLIO.KZ). Updated: 09.12.2025. URL: https://biblio.kz/m/articles/view/Porphyria-als-byzantinischer-Phänomen (date of access: 04.02.2026).

Comments:



Reviews of professional authors
Order by: 
Per page: 
 
  • There are no comments yet
Related topics
Publisher
Тексты на немецком
Астана, Kazakhstan
52 views rating
09.12.2025 (56 days ago)
0 subscribers
Rating
0 votes

New publications:

Popular with readers:

News from other countries:

BIBLIO.KZ - Digital Library of Kazakhstan

Create your author's collection of articles, books, author's works, biographies, photographic documents, files. Save forever your author's legacy in digital form. Click here to register as an author.
Library Partners

Porphyria als byzantinischer Phänomen
 

Editorial Contacts
Chat for Authors: KZ LIVE: We are in social networks:

About · News · For Advertisers

Digital Library of Kazakhstan ® All rights reserved.
2017-2026, BIBLIO.KZ is a part of Libmonster, international library network (open map)
Keeping the heritage of Kazakhstan


LIBMONSTER NETWORK ONE WORLD - ONE LIBRARY

US-Great Britain Sweden Serbia
Russia Belarus Ukraine Kazakhstan Moldova Tajikistan Estonia Russia-2 Belarus-2

Create and store your author's collection at Libmonster: articles, books, studies. Libmonster will spread your heritage all over the world (through a network of affiliates, partner libraries, search engines, social networks). You will be able to share a link to your profile with colleagues, students, readers and other interested parties, in order to acquaint them with your copyright heritage. Once you register, you have more than 100 tools at your disposal to build your own author collection. It's free: it was, it is, and it always will be.

Download app for Android