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Muslimische Kultur im globalen Kontext: Einheit der Prinzipien und Vielfalt der Verkörperungen

Einführung: Kultur als Tafsir

Die muslimische Kultur im globalen Maßstab ist keine Monolith, sondern ein komplexes, polyzentrisches und dynamisches System, das an der Schnittstelle universeller religiöser Gebote des Islam und lokaler historisch-kultureller Traditionen entsteht. Sie entsteht als «Tafsir» (Interpretation) grundlegender islamischer Werte durch verschiedene Zivilisationen — arabische, persische, türkische, malaiische, afrikanische, indische und in den letzten Jahrzehnten westliche. Eine wissenschaftliche Analyse dieser Kultur erfordert eine Differenzierung zwischen normativem Islam (Doktrin, Sharia) und islamischer Kultur als historisch veränderlichem Komplex von Praktiken, Artefakten und Bedeutungen, die von muslimischen Gemeinschaften auf der ganzen Welt geschaffen werden. Ihr globales Einfluss erfolgt durch Demografie, Wirtschaft, Politik, Kunst und intellektuelle Diskurse.

Demografischer und geografischer Grundstein: Von der Mehrheit zum Minderheit

Der moderne muslimische Welt ist nicht nur Länder mit muslimischer Mehrheit (OIC zählt 57 Staaten), sondern auch erhebliche diasporische Gemeinschaften in Westeuropa und Asien. Mit einer Bevölkerungszahl von etwa 1,9 Milliarden Menschen (etwa 25% der Weltbevölkerung) ist der Islam die zweitgrößte Religion. Sein kultureller Einfluss hängt jedoch nichtlinear von der Demografie ab. Man kann mehrere Modelle identifizieren:

Kultur der muslimischen Mehrheit ( Nahost, Nordafrika, Pakistan, Bangladesch, Indonesien und andere): Hier sind islamische Normen tief in das Rechtssystem, die Bildung, den sozialen Etikett und das öffentliche Raum integriert. Die Kultur hat oft einen offiziell genehmigten Charakter.

Kultur der muslimischen Minderheiten in nichtmuslimischen Ländern (Indien, China, Europa, USA): Hier existiert die muslimische Kultur in einem Modus des Dialogs, der Anpassung und manchmal auch des Konflikts mit der dominierenden Kultur. Sie betont oft Fragen der Identität, der Rechte der Minderheiten und der Hybridisierung (z.B. britische asiatische Musik «bhangra», islamische Mode in Paris).

Interessanter Fakt: Indonesien, das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt (mehr als 230 Millionen), ist ein einzigartiges Beispiel für eine synkratische islamische Kultur «Nusantara», wo der Islam organisch mit präislamischen animistischen, indisch-buddhistischen Traditionen und dem lokalen Gewohnheitsrecht (adat) verschmolzen ist. Dies widerlegt den Stereotyp von der Monolithizität der muslimischen Kultur.

Kanäle des globalen kulturellen Einflusses

1. Sprache und Literatur
Der arabische Sprache als Sprache des Korans bleibt sakral und vereint für alle Muslime, unabhängig von ihrer Muttersprache. Sein Einfluss auf persische, urdu, türkische, suahili, malaiische und sogar spanische (durch das mauritische Erbe) ist enorm.

Literarische Genres: Klassische Dichtung (persische sufistische Dichtung Rumi und Hafiz, arabische Muallakat), philosophische Prosa (Ibn Sina/Avicenna, Ibn Rushd/Averroes), Sammlungen von erzieherischen Geschichten («Tausend und eine Nacht») sind Teil des globalen literarischen Kanons und beeinflussen weiterhin moderne Schriftsteller.

2. Visuelle Kunst und Architektur
Der Prinzip des An-ikonismus (Vermeidung der Abbildung lebender Wesen im religiösen Kontext) führte zum Aufblühen:

Arabesken und geometrische Ornamente: Diese komplexen, endlosen Muster, die die Transzendenz und Einheit Gottes symbolisieren, sind die Visitenkarte des islamischen Kunst von der Alhambra in Spanien bis zum Taj Mahal in Indien und modernen architektonischen Projekten.

Kalligraphie: Das in den Rang eines hohen Künsten erhobene Schreiben der Verse des Korans («huwia») ist sowohl ein religiöser Akt als auch ein ästhetischer Gegenstand.

Architektur: Der Kuppel, der Minarett, der Iwan, der Innenhof (sahan) — diese Elemente, die sich an lokale Stile anpassen, haben einen erkennbaren globalen architektonischen Landschaft geformt.

3. Wissenschaft und Philosophie
Während der Abbasidischen «Goldenen Zeit» (VIII–XIII. Jahrhundert) waren muslimische Wissenschaftler die Hauptbewahrer und Entwickler des antiken Erbes. Ihre Übersetzungen und Kommentare zu den Werken von Aristoteles, Platon, Galen sowie ihre eigenen Entdeckungen in Algebra (al-chorzimi), Optik (Ibn al-Haytham), Medizin (Ibn Sina), Chemie (Dschabir ibn Hayyan) legten den Grundstein für den europäischen Renaissance und den wissenschaftlichen Methoden.

4. Moderne Massenkultur und Medien
Kino: Das iranische Autorenkino (A. Kiarostami, M. Mahmahlbaf) erhielt weltweite Anerkennung. Bollywood und türkische Fernsehserien («Der glorreiche Jahrhundert»), die von Millionen in Asien, Afrika und Osteuropa konsumiert werden, übertragen hybride kulturelle Modelle, in denen islamische Werte mit modernen Handlungssträngen kombiniert werden.

Mode: Ein globaler Markt für «bescheidene Mode» (modest fashion) mit einem Wert von Hunderten von Milliarden Dollar ist entstanden. Dies ist nicht nur religiöse Kleidung, sondern eine Industrie, die die Ästhetik und Identität für muslimische und nichtmuslimische Frauen auf der ganzen Welt formt.

Digitale Sphäre: Islamische FinTech-Anwendungen (halal-Banking), Online-Plattformen für das Lernen (Quranic), soziale Netzwerke für Muslime entwickeln sich weiter.

5. Gastronomie
Die Küchen der muslimischen Völker (maghrebisches, levantinisch, persisch, zentralasiatisch, malaiisch) mit ihren gemeinsamen Prinzipien (halal, großzügige Verwendung von Gewürzen, bestimmte Verbote) sind untrennbar Teil des globalen gastronomischen Landschafts. Kebab, Hummus, Falafel, Plov, Pachlava sind überall bekannt.

Ausforderungen und interne Widersprüche

Die muslimische Kultur im globalen Kontext steht vor ernsten Herausforderungen:

Interne Pluralität und Konflikte: Zwischen verschiedenen Strömungen (Sunni, Schiiten, Sufismus), zwischen konservativen und liberalen Interpretationen, zwischen Arabizismus und peripheren Kulturen (z.B. afrikanischer Islam) gibt es kontinuierliche Debatten über die «Echtheit» und das Recht auf Stimme.

Globalisierung und Westalisierung: Die Prozesse der Modernisierung und das Einfluss der westlichen Massenkultur schaffen Spannungen zwischen Tradition und Moderne, die sowohl Reaktionen des Fundamentalismus als auch kreative Syntheseformen hervorrufen.

Islamophobie und Politisierung: In westlichen Diskursen wird die islamische Kultur oft auf Sicherheitsprobleme, die Rechte der Frauen und den Terrorismus reduziert, was ihre Wahrnehmung als reiche und vielfältige zivilisatorische System erschwert.

Schluss: Der Dialog der Kulturen als kontinuierlicher Prozess

Die muslimische Kultur im globalen Kontext ist nicht ein statisches Erbe, sondern ein lebendiger, pulsierender Prozess ständiger Neubewertung und Anpassung. Sie zeigt eine erstaunliche Fähigkeit, ein durchgehendes Identitätskern (Tawhid — Monotheismus, Befolgung des Korans und der Sunna) bei unendlicher Vielfalt seiner kulturellen Ausdrucksformen zu bewahren — von den marokkanischen Zawiyya bis zu den indonesischen Liedern-Nasheed, von der Kalligraphie in den Moscheen bis zum Design von Hidschabs in Instagram.

Ihre globale Auswirkung erfolgt heute nicht durch Eroberungen, wie in frühen Perioden, sondern durch demografische Präsenz, wirtschaftliche Netzwerke, kulturellen Export und intellektuellen Dialog. Das Verständnis dieser Kultur erfordert den Verzicht auf essentialistische Ansichten und die Anerkennung ihrer inneren Komplexität, Dynamik und Fähigkeit, ein bedeutender Akteur in der Gestaltung des multipolaren Welt der XXI. Jahrhunderts zu sein, wo sie gleichzeitig als Traditionsträger, Teilnehmer der Modernisierung und Schöpfer neuer hybrider Formen auftritt. Dies ist eine Kultur, die der Welt ständig daran erinnert, dass sie nicht als «Problem» präsent ist, sondern als vielsprachiges und vollberechtigtes Gesprächspartner im globalen Dialog der Kulturen.


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