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Kabarett: Geschichte und Gegenwart — von der bohemischen Revolte zum Theater der Identitäten

Einführung: Das Kabarett als Form kulturellen Widerstands

Das Kabarett (von franz. cabaret — „Kabachok“) ist ein einzigartiges Phänomen, das seit seiner Entstehung auf der Kante zwischen elitärem Kunstwerk, Massenunterhaltung und gesellschaftlich-politischer Satire balanciert. Dieses synthetische Raum, das Musik, Tanz, Dichtung, Drama, visuelle Kunst und Kochkunst vereint, diente während seiner 140-jährigen Geschichte als Barometer der gesellschaftlichen Stimmung, als Laboratorium ästhetischer Experimente und als Tribüne für marginalisierte Stimmen.

Entstehung (1881–1914): Aufstand gegen die bourgeoise Szene

Die Geburt des Kabaretts ist mit einem Protest gegen den kommerziellen Theater und das akademische Kunstwerk verbunden. Seine Wiege war Paris, wo der Künstler Rudolf Salis am 18. November 1881 das „Schwarze Katze“ (Le Chat Noir) am Montmartre eröffnete. Dies war nicht nur ein Café, sondern ein „künstlerischer Kabachok“, wo die Stammgäste — Dichter, Musiker, Künstler — selbst Aufführungen für sich und Gleichgesinnte schufen. Hier wurde das Format des „Chansonniers“, improvisierter Sketche und Schattentheaters begründet. Der Erfolg des „Schwarzen Katers“ förderte eine Welle von Nachahmungen: das berühmte „Moulin Rouge“ (1889) mit seinem berühmten Kancon, „La Platanine“ und andere.

Schlüsselmerkmale des frühen Kabaretts:

Atmosphäre eines privaten Clubs: Intimität, das Verschmelzen der Grenze zwischen Bühne und Saal.

Eklectizität des Programms: Ein Abend konnte von einem Symbolisten-Dichter, einem Liedermacher, einem Zauberkünstler und einer Tänzerin aufgeführt werden.

Satire auf die Bourgeoisie: Der Witz war auf bürgerliche Sitten und Politik gerichtet.

Goldenes Zeitalter (1910–1933): Zwischen Kriegen und Revolutionen

Der eigentliche Aufschwung und die Politisierung des Kabaretts fanden im deutschsprachigen Raum, insbesondere in Berlin und Zürich während der Weimarer Republik, statt.

„Schall und Rauch“ (Berlin): Gegründet von Max Reinhardt im Jahr 1901, wurde es später zu einem legendären Kabarett der 1920er Jahre, wo Militarismus, Heuchelei und Nationalismus verspottet wurden. Hier traten Dramatiker wie Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky sowie die Dada-Künstlerin Hannah Höch auf.

„Kabarett Voltaire“ (Zürich, 1916): Entstanden als antikrieglicher Protest. Die Dichter-Emigranten Tristan Tzara, Hugo Ball, die Künstler Hans Arp und Marcel Janco schufen hier die Dada-Bewegung — ein absurdistischer, provokativer Antwort auf das Wahnsinn der Weltkriege. Ihre Performances (akustische Gedichte, gleichzeitige Lesungen) brachen die Vorstellungen vom Kunst.

„Kabarett elf Henker“ (München): Ein der schärfsten politischen Kabaretts, whose scharfen Texte bereits Anfang der 1930er Jahre Ziel der Nazis wurden.

Phänomen des Weimarer Kabaretts: Dies war ein „Tanz auf dem Vulkan“ — eine Mischung aus Hoffnungslosigkeit, Hedonismus und scharfer gesellschaftlicher Kritik, verkörpert in den Bildern der Kabarettistin Anita Berber, in den Texten von Klabund und K.I. Krol.

Abstieg und Untergrund (1933–1945): Kunst unter Verbot

Mit der Machtübernahme der Nazis wurde die hektische Kultur des Kabaretts zerstört. Viele Künstler (Kurt Weill, Marlene Dietrich) emigrierten. In Deutschland selbst wurde das Kabarett zu einem Propagandainstrument oder floh in tiefes Untergrund. Allerdings setzten einige Kabaretts (z.B. „Foli-Bergère“) in besetztem Paris weiter ihre Arbeit fort, und in den Konzentrationslagern (Theresienstadt) entstanden Lagerkabaretts als Form des geistigen Widerstands.

Wiederaufbau nach dem Krieg: Von der Satire zum Show

Nach dem Krieg teilte sich das Kabarett in mehrere Zweige:

Politisches Kabarett (Kabarett) in Deutschland und Osteuropa: In der BRD und der DDR wurden satirische Kabaretts wiedergeboren, die die neue Macht kritisierten, die Denazifizierung und später den Kalten Krieg (das münchner „Lacher und Schiessen“). In den sozialistischen Ländern (Polen, Tschechoslowakei) war das Kabarett ein Insel der ironischen Kritik am Regime.

Kabarett als Varietéshow (Cabaret): Auf dem Westen, insbesondere unter dem Einfluss des Broadway-Musicals „Cabaret“ (1966, nach den Büchern von Christopher Isherwood), wurde das Wort mit Glamour-Show, Burlesque und Nachtclubs in Verbindung gebracht. Das Pariser „Lido“ und „Crazy Horse“ wurden durch ihre spektakulären Revues mit faszinierenden Kostümen und komplexen Nummern berühmt.

Modernität (seit den 1990er Jahren): Revision der Traditionen und neue Formen

Das moderne Kabarett ist nicht ein einheitlicher Genre, sondern ein Ökosystem verschiedener Praktiken:

Neoburlesque und New-Wave-Kabarett: Die Wiederbelebung des Burlesks (Burlesque-Revue von Dita von Teese) nicht als Striptease, sondern als theaterartiges, oft feministisches oder queer-künstlerisches, das das Thema des Körpers, des Geschlechts und der Sexualität untersucht. Moderne Kollektive (Pussy Riot in ihren frühen Aktionen, „Imperischer russischer Ballett“ in Berlin) nutzen seine Ästhetik für politische Äußerungen.

Immersives und site-specific Kabarett: Aufführungen in untypischen Räumen — verlassenen Fabriken, Orangerien, Zügen. Der Zuschauer wird zu einem Mitwirkenden. Sleep No More in New York ist ein beeindruckendes Beispiel für immersiven Theater mit starkem Einfluss der Kabaretteästhetik.

Kabarett als Identitätsforschung: Viele moderne Künstler nutzen die Form des Kabaretts (Monolog, Lied, Tanz) für Gespräche über Trauma, Migration, Behinderung, psychische Gesundheit. Dies ist Therapie und Aktivismus durch Performance.

Digitales Kabarett: Die Pandemie COVID-19 beschleunigte die Entstehung des Online-Kabaretts — Streaming-Shows, die die Heimintimität mit der globalen Öffentlichkeit kombinieren.

Funktionen und Bedeutung des Kabaretts heute

Alternative Szene: Plattform für Künstler und Themen, die nicht in den Mainstream-Theater oder die Pop-Industrie passen.

Sozialer Kritiker: Hat seine Rolle als satirisches Spiegelbild der Gesellschaft beibehalten (wie in den deutschen Kabaretts oder in russischen Fernsehprojekten wie „Kривое зеркало“, deren Wurzeln in dieser Tradition liegen).

Raum für Gemeinschaft: Bringt Menschen mit ähnlichen Interessen zusammen (queer-Kabarett, poetische Slams in Bars).

Hüter der „niederen“ Genres: Legitimiert und fördert Formen, die für marginalisiert gehalten wurden: Clownerie, Pantomime, Stand-up, exzentrischer Tanz.

Schluss: Ein ewiges Format

Von „Le Chat Noir“ bis zu digitalen Performances hat das Kabarett seine bemerkenswerte Lebensfähigkeit bewiesen. Sein Wesen liegt in der Hybridität, Aktualität und Intimität. Dies ist kein Museumsobjekt, sondern ein lebender Organismus, der sich ständig neu erfindet, indem er auf die Herausforderungen der Zeit reagiert. In der Ära der algorithmisierten Kultur und standardisierten Unterhaltung bleibt das Kabarett ein Terrain des Risikos, direkter Äußerung und menschlicher Kontakte. Es erinnert daran, dass Kunst an einem Tisch unter Gläsern geboren werden kann, und Lachen und Reflexion zwei Seiten einer Medaille sein können. Die Geschichte des Kabaretts ist eine Geschichte des Kampfes um das Recht, anders zu sein, scharf zu sprechen und gleichzeitig ein Kunstwerk zu bleiben, das nicht vor dem Ernst zu scheuen, um über das Allerernste zu sprechen.


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