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Werner Jaeger und seine Idee des dritten Aufbruchs

Werner Jaeger (1888–1961) war ein ausgezeichneter deutsch-amerikanischer Klassischer Philologe, whose ideas have shaped the modern understanding of Antiquity and its role in Western civilization. Seine zentrale Konzeption – die Idee des «dritten Humanismus» oder des «dritten Aufbruchs» – war nicht nur eine akademische Theorie, sondern eine Antwort auf den tiefen kulturellen Krisen Europas im 20. Jahrhundert.

Kontext und Herausforderung der Epoche

Jaeger begann seine Karriere in Deutschland, wurde in Basel Professor im Alter von 25 Jahren. Er war Zeuge der Katastrophe des Ersten Weltkriegs, des Niedergangs der Geisteswissenschaften und der Aufblühung totalitärer Ideologien, die falsche, militärische «Ideen» anboten. In seiner programmatischen dreibändigen Arbeit «Paideia. Die Bildung des antiken Griechen» (1934–1947) formulierte er eine Antwort. Für Jaeger bedeutet «Paideia» nicht nur Bildung, sondern ein Prozess der Gestaltung einer ganzheitlichen menschlichen Persönlichkeit, eines kulturellen Ideals, das auf der Harmonie von Geist und Körper basiert. Nach seiner Meinung hat das antike Griechenland die einzige in der Geschichte vollendete Modell solcher Erziehung geschaffen.

Die drei Wellen des Aufbruchs: historische Schema

Nach Jaegers Auffassung hat die westliche Zivilisation drei große Wenden zum antiken Erbe erlebt:

Das erste Aufbruchs (Renaissance XIV–XVI Jahrhunderten) – war kunst- und ästhetisch. Es öffnete Antiquität als Quelle der Schönheit, der Inspiration in der Kunst, der Literatur und der Architektur. Seine Symbole – die Statuen Michelangelos, die Dichtung Petrarcas, die Ideale der Harmonie.

Das zweite Aufbruchs (Neuhumanismus XVIII–XIX Jahrhunderten) – war wissenschaftlich-philologisch. Sein Motor war die deutsche Klassische Philologie (Winckelmann, Wolff, von Humboldt), die das Studium der Antiquität in eine strenge Wissenschaft verwandelte. Allerdings glaubte Jaeger, dass sie oft Antiquität auf eine Sammlung von Texten und Artefakten reduzierte, die den ethischen Pafos verloren.

Der dritte Aufbruchs (20. Jahrhundert und darüber hinaus) – sollte ethisch-pädagogisch werden. Das ist der Hauptpunkt Jaegers. Er forderte nicht nur, griechische Autoren zu studieren, sondern sie neu zu entdecken in ihnen eine lebendige System von geistigen und moralischen Werten, die als Heilmittel gegen das Barbarei der Moderne dienen können. Ziel – nicht die archäologische Rekonstruktion, sondern die kreative Assimilation des «griechischen Geistes»: Ideale des Verstands, der Gerechtigkeit, der Kalokagathia (Einheit von Gut und Schönheit), der Verantwortung des Bürgers.

Inhalt und Aktualität des «dritten Humanismus»

Jaeger sah in der griechischen Klassik (von Homeros und Sophokles bis zu Platon und Aristoteles) eine universelle Schule der Menschlichkeit. Ein interessanter Fakt: In der Mitte des Zweiten Weltkriegs, bereits im Exil in den USA, veröffentlichte er den zweiten Band von «Paideia», gewidmet Socrates und Platon. Für ihn war der Kampf Socrates gegen die Sophistik, die Verteidigung absoluter ethischer Normen, ein direkter Unterricht für die Epoche, in der Wahrheit relativer wurde.

Jaeger betonte, dass die griechische Kultur nicht nur ein Sammlung von toten Dogmen, sondern ein dynamischer Prozess der Persönlichkeitsbildung durch Dichtung, Philosophie, Rhetorik und Politik ist. Seine Ideen legten den Grundstein für die Reform des klassischen Bildungssystems in den USA, wo der Akzent von der grammatikalischen Analyse der Texte auf ihr kulturelle und philosophische Inhalt verschoben wurde. Ein Schlüsselbeispiel war das Lehren der «Großen Bücher» (Great Books), wo die Dialoge Platons als aktuelle Abhandlungen über Gerechtigkeit und die Staatsordnung gelesen werden.

Erbe und Kritik

Jaeger idealisierte sicherlich Griechenland, indem er ihr ein vollständiges, teils utopisches Bild schuf, ihre Widersprüche und «schwarzen» Seiten ignorierte. Seine Konzeption wurde für ihre «normative» Natur und die übertriebene Vertrauen in die Bildungs Kraft der Antike kritisiert. Allerdings liegt die Kraft seines Projekts in der Stellung eines globalen Fragen: kann das Erbe der Vergangenheit die Grundlage für ein geistiges Update in Zeiten der Zivilisationskrise sein?

Schluss

Werner Jaeger schlug nicht eine historische Theorie, sondern einen humanistischen Manifest vor. In der Epoche, in der die Menschheit wieder mit den Herausforderungen des Totalitarismus, der technologischen Entmenschlichung und des relativen Wertesystems konfrontiert wird, gewinnt seine Idee des «dritten Aufbruchs» neue Aktualität. Sie erinnert daran, dass das Rückgrat auf die Klassik nicht ein Flucht in die Vergangenheit, sondern die Suche nach einem festen ethischen Fundament für die Zukunft ist. Der dritte Humanismus Jaegers ist ein Aufruf, Antiquität nicht als Museumsstück, sondern als lebendige Schule der Paideia zu sehen, die in der Lage ist, den Menschen zu formen, der seiner komplexen Epoche würdig ist.


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