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Wintergeister und ihre Darstellung in der Literatur: Von volkstümlichen Glauben zur gesellschaftlichen Kritik

Einführung: Die Weihnachtszeit als Zeit der Begegnung der Welten

Die Tradition der weihnachtlichen «Schreckensgeschichten» (Christmas ghost stories) reicht zurück bis in die alten Vorstellungen vom Winterlichen Solstice und den folgenden Heiligen Drei Könige als Zeitraum, in dem die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten verschwimmt. In der englischen und europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts wurde dieser volkstümliche Aspekt künstlerisch neu interpretiert und in ein mächtiges Werkzeug der psychologischen Analyse und gesellschaftlichen Kritik verwandelt. Der Weihnachtsgeist wurde nicht nur ein schrecklicher volkstümlicher Charakter, sondern ein Träger eines moralischen Unterrichtes, der Gewissens oder Erinnerung, die in der Mitte des Festes des Überflusses erscheint, um soziale Missstände und persönliche Laster zu enthüllen.

1. Volkstümliche Wurzeln und Kanonisierung

Bevor sie literarisch verarbeitet wurden, waren Geister und Gespenster untrennbar mit den Weihnachtsfeiern und Glaubensvorstellungen verbunden. In der britischen Tradition wurde angenommen, dass zwischen dem Heiligen Abend und dem Fest der Heiligen Drei Könige (12 Tage) die Geister die Möglichkeit haben, auf die Erde zurückzukehren. Dies war eine Zeit des Wahrens, des Kanzelgesangs und der Geschichten am Kamin. Schriftsteller-Romantiker wie Washington Irving in «The Sketch Book» (1820) haben diesen Brauch literarisch festgehalten, indem sie eine Atmosphäre des gemütlichen Schreckens (cosy horror) geschaffen haben. Der eigentliche Aufstieg des Genres ist jedoch mit der viktorianischen Ära verbunden, als der Weihnachtsausgabe der Zeitung mit dem «Schreckensgeschichten» kommerziell erfolgreich war.

2. Charles Dickens: Der Geist als Instrument der moralischen Erneuerung

Der Höhepunkt und die Klassik des Genres ist «A Christmas Carol in Prose» (1843) von Charles Dickens. Dickens hat die Funktion des Weihnachtsgeistes radikal verändert, ihn nicht nur zu einem Schreckgespenst zu machen, sondern zu einem Katalysator der inneren Transformation.

Geist Marley: Dies ist ein «Warnungsgeist». Sein Erscheinen mit schweren Ketten, die aus «Bargeld, Bürobüchern, Stahlportemonnaies» geschnitten sind, materialisiert die Metapher der geistigen Sklaverei, in der Scrooge lebt. Marley straft nicht, sondern gibt ihm die Möglichkeit, seiner Schicksal zu entgehen.

Geister der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Weihnachtsfestes: Dies sind keine Geister im klassischen Sinne, sondern anthropomorphe Personifikationen der Zeit, des Gedächtnisses und der gesellschaftlichen Gewissens. Ihre Aufgabe ist nicht, zu erschrecken, sondern Scrooge durch die Visualisierung der Konsequenzen seiner Handlungen zu Empathie zu bringen. Der Geist der aktuellen Weihnachtszeit, insbesondere, enthüllt den Kontrast zwischen dem Fest des Volkes und der Einsamkeit des Reichen.

Sozialer Kontext: Die Geister bei Dickens dienen der Korrektur sowohl der Person als auch der Gesellschaft. Der veränderte Scrooge ändert das Schicksal der Familie Cratchit, d.h. die Geister erfüllen eine sozial-reformatorische Mission.

3. Die gotische Tradition: M.R. James und der «antiquarische» Schrecken

Wenn Dickens den Geist zu einem Lehrer gemacht hat, dann hat der Meister der «Weihnachtsgeschichte von Geistern» Montague Rhodes James (M.R. James) ihm die reine, feine Grausamkeit zurückgegeben. Seine Geschichten, die er an Weihnachten vor den Studenten in Cambridge las, basieren auf einer anderen Ästhetik:

Antiquarischer und wissenschaftlicher Kontext: Die Helden von James sind Archivare, Antiquare, Bibliothekare, die zufällig das alte Böse freisetzen, indem sie ein Verbot brechen (ein Zauberwort lesen, eine Grabstätte öffnen). Beispiel: «The Haunted Heath» oder «The Story of the Loss That Overtook One Yorkshires Parish».

Angst vor dem Taktile und Materialen: Die Geister bei James haben oft eine abscheuliche physische Form – behaarte Tiere, beseelte Schatten mit knochigen Fingern. Dies sind keine leeren Geister, sondern etwas, das physischen Schaden zufügen kann.

Atmosphäre des «englischen Gemütlichkeit», die durch das Eindringen des Irrationalen zerrissen wird: Die Handlung spielt oft in gemütlichen Kabinetten, Kirchen oder Pensionaten, was das Erscheinen des Übernatürlichen noch schrecklicher macht.

4. Geister als Symbole der Vergangenheit und ungelöster Konflikte

In der späteren Literatur wird der Weihnachtsgeist zu einer Metapher für verdrängte Erinnerung oder Trauma.

Susan Hill, «The Woman in Black» (1983): Obwohl die Handlung nicht direkt mit Weihnachten verbunden ist, entspricht die Atmosphäre dem Kanon des viktorianischen Gespenstergeschichten. Der Geist hier ist eine Personifikation der ungelösten Ungerechtigkeit und der mütterlichen Trauer, die das Leben jedes trifft, der mit ihr in Berührung kommt.

In der russischen Literatur: Die Tradition ist weniger ausgeprägt, aber man kann «Die Nacht vor Weihnachten» von N.W. Gogol nennen, wo die Ungeheuer (Teufel, Hexe) im Weihnachtszeitraum handeln, aber eher volkstümlich-komisch als moralisch-nachrichtend sind.

5. Warum genau Weihnachten? Soziopsychologischer Kontext

Der Erfolg des Genres in der viktorianischen Ära ist erklärbar:

Kontrast: Das Gegensatzverhältnis zwischen dem hellen, familiären Fest und den dunklen, irrationalen Kräften schuf einen starken dramatischen Effekt.

Technischer Fortschritt und Nostalgie: Das Zeitalter des Gases und Dampfes brachte Sehnsucht nach «altem, gutem», Übernatürlichen.

Familienlesung: Schreckensgeschichten, die im sicheren Kreis um den Kamin erzählt werden, dienten als Unterhaltung und stärkten die Familie.

Moralischer Aspekt: Die Geschichte mit dem Geist passte perfekt in die didaktische, lehrhafte Weihnachtspredigt.

Schluss: Von der Belehrung zum existentiellen Schrecken

Die Entwicklung des Weihnachtsgeistes in der Literatur spiegelt die allgemeine Entwicklung des Verhältnisses zum Übernatürlichen wider: vom volkstümlichen Charakter (Irving) über den moralischen Reformer (Dickens) zum Träger des antiken Schreckens (M.R. James) und weiter zum Symbol tief greifender psychologischer Trauma (moderne Gothic). Wenn der Geist ursprünglich eine äußere Kraft war, die für Sünden bestraft, dann wird er im 20. Jahrhundert häufiger zur Projektion innerer Dämonen des Helden. Alle diese Bildnisse verbindet jedoch die Zeit ihres Erscheinens – Weihnachten, die Zeit der Bestandsaufnahme und der Begegnung mit dem, was in der Hektik des Alltags verdrängt und vergessen wurde. Auf diese Weise bleibt der Weihnachtsgeist in der Literatur ein mächtiges Mittel, das, indem er erschreckt, zum Nachdenken über den Preis vergangener Handlungen, der gesellschaftlichen Verantwortung und den unsichtbaren Bindungen, die wir uns selbst wie die Ketten von Marley selbst schmieden, anregt.


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