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Der Steppe-Tanz in der Sowjetunion: Von ideologischen Verdächtigungen zur allunionellen Beliebtheit

Einführung: «Fremder» Tanz unter kultureller Isolation

Die Geschichte des Steppe-Tanzes (Steppe) in der Sowjetunion stellt ein beeindruckendes Beispiel für eine komplexe Anpassung eines westlichen kulturellen Phänomens an die Realitäten des sowjetischen ideologischen Systems dar. Entstanden als Symbol der amerikanischen Massenkultur, musste der Tanz den Weg von einem verdächtigen «bourgeoisien» Kunst bis zu einem anerkannten, wenn auch streng regulierten, Genre der Unterhaltungsmusik gehen. Seine Evolution spiegelt die Schlüsselphasen der sowjetischen Kulturpolitik wider: von der Isolation in den 1930er und 1940er Jahren über die «Abkühlung» bis hin zur Stylisierung der Ära des Stagnations.

1. Vorkriegszeit: Einführung und erste Verbote

Die ersten Kontakte der sowjetischen Öffentlichkeit mit dem Steppe-Tanz fanden Ende der 1920er bis Anfang der 1930er Jahre durch Stummfilm und später Tonfilm statt. Filme mit Fred Astaire und den Nicholas-Brüdern zeigten eine Technik, die die Zuschauer durch ihre Virtuosität beeindruckte. Allerdings war die offizielle Kulturpolitik skeptisch. Im Rahmen des Kampfes gegen «Kosmopolitismus» und Unterwerfung vor dem Westen wurde der Steppe als Ausdruck der «bourgeoisien Freiheit» und einer «nicht-sowjetischen» Ästhetik betrachtet.

Trotzdem entstanden spontane Begeisterungen. Einige Enthusiasten, wie Alexander Tsarman, einer der ersten professionellen Steppe-Tänzer, versuchten, die Richtung zu entwickeln, indem sie nach seltenen Filmen und Beschreibungen die Technik studierten. Bis zum Krieg blieb der Steppe jedoch ein marginaler, halb-geheimer Trend, der nicht in das Repertoire staatlicher Kollektive aufgenommen wurde.

Interessanter Fakt: In den 1930er Jahren existierte in der Sowjetunion eine einzigartige Erscheinung — «Steppe-Orchester», wo Rhythmusmuster nicht nur mit den Füßen, sondern auch mit angepassten Haushaltsgegenständen wie Rechen, Schreibmaschinen, Wäschespindeln und Pfannen abgetanzt wurden. Dies war eine Art «proletarischer» Gegenakt zum amerikanischen Steppe, eine Versuch, ihm eine ideologisch sichere Alternative zu finden.

2. Nachkriegszeit und «Abkühlung»: Legalisierung durch Jazz

Ein qualitativer Bruch trat in den 1950er Jahren ein, mit dem Beginn der Chruschtschow-«Abkühlung» und dem Weltfestivals der Jugend und Studenten in Moskau (1957). Auf das Festival kamen ausländische Kollektive, die moderne Steppe zeigten. Dies verursachte einen kulturellen Schock bei der sowjetischen Jugend. Gleichzeitig wurde ein Interesse am Jazz wiedergewonnen, der historisch mit der Steppe verbunden ist.

Die Schlüsselfigur dieses Zeitraums war Georgi Majorow — ein Künstler, der den ersten professionellen Steppe-Duett «Brüder Gloz» (mit Michael Ozerow) in der UdSSR geschaffen hat. Majorow, der nur begrenzte Quellen (Filme, Schallplatten) hatte, konnte die Technik des Broadway-Steppe wiederherstellen und sie für die sowjetische Unterhaltungsmusik anpassen. Sein Stil zeichnete sich durch unglaubliche Klarheit, Geschwindigkeit und «Orchestrierung» — die Fähigkeit, komplexe Rhythmusmuster zu schaffen, ähnlich wie Schlagzeug-Parts.

3. Höchste Beliebtheit: Unterhaltungsensembles und Fernsehen

In den 1960er und 1980er Jahren wurde der Steppe durch mehrere Faktoren zur unverzichtbaren Teil der sowjetischen Massenkultur:

  1. Unterhaltungsstruktur: Viele Vokal- und Instrumentalensembles sowie Tanzgruppen bei Philharmonien nahmen Steppe-Nummern in ihre Programme auf als effektive, «feurige» Elemente. Der Steppe wurde zum Synonym für einen dynamischen, optimistischen und technischen Unterhaltungs-Tanz.

  2. Fernsehen und Kino: Regelmäßige Übertragungen von Konzerten, Programmen wie «Blaues Licht» und den neujährlichen «Ogonjoki» machten führende Steppe-Tänzer allgemein bekannt. Der Steppe klang in populären Filmen wie «Karnavalnaja noch» (1956), «Dschentlmeny udachi» (1971, wo der Held Jewgeni Leonow unbeholfen den Steppe tanzt) und besonders in musikalischen Komödien wie «Svoimi rukami» (1957).

  3. Ensembleästhetik: Im Gegensatz zur amerikanischen Tradition der solistischen Improvisation entwickelte sich der Steppe in der UdSSR hauptsächlich als synchrone, ensembletaktischer Tanz. Ausgewogene Aufbauten und perfekte Synchronisation der Gruppe widerspiegelten den kollektivistischen Ideal. Das Beispiel für diesen Ansatz war der 1966 gegründete Ensemble «Ritmy planety» unter der Leitung von Nadежда Naděždina, wo die Steppe-Nummern mit choreografischer Größenordnung aufgeführt wurden.

4. Sowjetische Besonderheit: Ideologie, Ästhetik, Pädagogik

Der Steppe in der UdSSR hatte eine Reihe einzigartiger Merkmale:

  • Ideologische Neutralisierung. Der Tanz war von seinen historischen Wurzeln (afrikanische und irische Kultur, sozialer Kontext der USA) befreit. Er wurde als abstraktes «Rhythmuskunst» dargestellt, das die Virtuosität und Lebensfreude des sowjetischen Menschen demonstrierte.

  • Akademisierung und Reglementierung. Das Training fand oft in der System der künstlerischen Selbsttätigkeit (DK, Kreise) nach strengen Methodiken statt, die aus der klassischen Choreografie entlehnt wurden. Improvisation, die die Seele des jazzigen Steppe ist, wurde fast nicht praktiziert, sondern gab dem festgelegten Arrangements den Vorrang.

  • Sowjetischer Glamour. Die Kostüme der Steppe-Tänzer (Frocks, Smoking, glänzende Kleider) schufen das Bild eines erfolgreichen, eleganten Künstlers, was eine seltene Möglichkeit zur Darstellung des «bourgeoisien Glanzes» in einer dosierten, aesthetisierten Form war.

5. Erbe und Einfluss

Trotz der Isolierung von globalen Trends hat die sowjetische Schule des Steppe hervorragende Meister hervorgebracht: Wladimir Kirsanow, Tatjana Zwenjatskaja, das Duo «Sestry Kachaliny». Ihr Kunstwerk war auf technische Perfektion und Zurschaustellung ausgerichtet.

Nach dem Zerfall der UdSSR wurden diese Künstler und Pädagogen die verbindende Brücke zwischen der sowjetischen Tradition und der internationalen Bühne. Viele von ihnen haben private Schulen eröffnet, durch die neue Generationen russischer Tänzer Zugang zu authentischen Kenntnissen über den jazzigen Steppe, Rhythm-Tape und dem Erbe der großen amerikanischen Meister erhielten.

Schluss: Rhythmus hinter dem «Eisernen Vorhang»

Der Steppe in der Sowjetunion ist eine Geschichte kultureller Annahme und Anpassung. Ohne seinen ursprünglichen sozialen und ethnischen Kontext, wurde er «sowjetisiert»: in ein kollektives, technisch makelloses, politisch neutrales Unterhaltungsereignis verwandelt. Er gab dem sowjetischen Menschen die seltene Möglichkeit, sich legal und dosiert mit der Energie der westlichen Kultur in ihrer stärksten — rhythmischen — Ausdrucksform zu beschäftigen. Vom ideologischen Tabu bis hin zur Verzierung offizieller Konzerte hat die sowjetische Steppe ihre eigene, einzigartige Tradition geschaffen, die, obwohl sie hinter den globalen avantgardistischen Suchen zurückblieb, einen mächtigen Teil des künstlerischen Handwerks geschaffen hat, der auch in der postsowjetischen Ära nachgefragt ist.


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