Die Schneeflocke ist einer der bekanntesten und universellsten Symbole der winterlichen Festtage, das sowohl in den weltlichen Neujahrskalender als auch in den weihnachtlichen Kontext integriert wurde. Ihr Weg von einem natürlichen Phänomen zum kulturellen Archetyp illustriert das Interplay zwischen Wissenschaft, Kunst und Massenkultur. Im Gegensatz zu vielen anderen Symbolen (Weihnachtsbaum, Weihnachtsmann) verfügt die Schneeflocke über einen einzigartigen Status: Sie ist gleichzeitig ein natürlicher Objekt, ein mathematisches Wunder, ein ästhetischer Ideal und eine Metapher für Reinheit, Zerbrechlichkeit und Individualität.
Der kulturelle Status der Schneeflocke war ohne ihre wissenschaftliche Interpretation unvorstellbar. Eine Schlüsselrolle spielten die Forschungen, die ihre komplexe und perfekte Struktur bewiesen.
1611: Johann Kepler stellt in seinem Traktat «Über sechseckige Schneeflocken» erstmals einen wissenschaftlichen Frage an die geometrische Form der Schneeflocken, verknüpft sie mit der engsten Verpackung von Teilchen.
1635: Der Philosoph und Wissenschaftler René Descartes beschreibt zum ersten Mal detailliert die komplexen Sternförmigen Formen der Schneeflocken, indem er sie mit «Rosetten, Lilien und Rädern mit sechs Zähnen» vergleicht.
1885: Der amerikanische Farmer Wilson Bentley machte mit Mikroskop und Fotoapparat die erste in der Welt aufgenommene Schneeflocken-Fotografie. Während seines Lebens fotografierte er über 5000 Kristalle und fand keine zwei gleichen. Seine Arbeiten, die 1931 im Album «Snow Crystals» veröffentlicht wurden, wurden ein Sensations und visuell festigten das Bild der Schneeflocke im kollektiven Bewusstsein als unglaublich komplexes, zerbrechliches und einzigartiges Schöpfung der Natur.
1930er Jahre: Der japanische Physiker Ukichiro Nakaya begann die ersten systematischen Laborstudien, klassifizierte Typen von Schneeflocken und formulierte die Abhängigkeit ihrer Form von der Temperatur und Luftfeuchtigkeit.
Ebenso das wissenschaftliche Entdeckung der endlosen Vielfalt bei absoluter geometrischer Genauigkeit (hexagonale Symmetrie) verlieh der Schneeflocke einen tiefen philosophischen und ästhetischen Sinn, der dann von der Kultur enteignet wurde.
1. Antike und folkloristische Wurzeln: Sechsläufige Sterne und Rosetten sind die ältesten solaren Symbole, die in den Ornamenten vieler Kulturen vorkommen. In der slawischen Stickerei und Schnitzerei bedeuteten diese Symbole («Donnerwheels», «Kolovrat») das Sonnengott, das Leben, die Fruchtbarkeit. Im Winter, wenn das Sonnenlicht schwach war, konnte die symbolische Vertretung des Sonnengottes durch die eisige Sternflocke – die Schneeflocke – als Zeichen des fortlaufenden, wenn auch versteckten, natürlichen Zyklus werden.
2. Viktorianische Ära und Weihnachten: Im 19. Jahrhundert, mit dem Aufschwung des Romantik und dem Cult der Natur, wurde die Schneeflocke in den weihnachtlichen Dekor als Symbol der winterlichen Märchenhaftigkeit und des göttlichen Willens im Kleinen integriert. Die Herstellung von Papier-Schneeflocken (Ausstechen) wurde ein beliebtes häusliches Handwerk, insbesondere nach dem breitflächigen Verbreiten von Papier. Schneeflocken wurden zum Dekor von Fenstern, Tannenbäumen, Karten.
3. Sowjetische Weihnachtstradition: In der Sowjetunion, wo die weihnachtliche Symbolik verdrängt wurde, erlebte die Schneeflocke ein zweites Leben als neutraler, «wissenschaftlicher» und ästhetisch makelloser Symbol des Winters und des Neujahrs. Sie passte perfekt in die Ideologie der «Freundschaft der Völker ein»: Jeder Mensch, wie eine Schneeflocke, ist einzigartig, aber zusammen bilden sie ein schönes Ganzes. Papierschnitt-Schneeflocken, die von Kindern in Schulen und Kindergärten ausgeschnitten wurden, wurden obligatorisches Attribut von Morgenveranstaltungen und Dekoration von Fenstern, Wohnungen, Klubs. Dieser Ritus hatte fast einen sakralen Charakter kollektiven Schaffens.
4. Moderne Massenkultur: Heute ist die Schneeflocke einer der wichtigsten visuellen Codes des Festes in der Werbung, im Kino, im Design. Sie ist frei von religiöser Belastung und assoziiert mit Freude, Zauber, winterlicher Frische und dem Vorfreude auf das Fest. Entstanden sind stabile Klischees: Die glitzernde blaue Schneeflocke in Logos, «Schnee» in den Bildschirm-Überschriften.
Reinheit und Unschuld: Der weiße Farbton und die Assoziation mit frisch gefalltem Schnee, der die Welt reinigt. Im weihnachtlichen Kontext klingt das mit den christlichen Idealen der Reinheit des Herzens überein.
Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit: Das Schmelzen in der Hand symbolisiert die Kürze der irdischen Schönheit und Freude, was dem Fest einen Hauch von leiser Traurigkeit verleiht (Motiv des «abgangenen Jahres»).
Individualität im Einheit: Der Legende nach gibt es keine zwei gleichen Schneeflocken, was eine starke Metapher für die menschliche Individualität und den Wert jedes Menschen darstellt, was besonders in der humanistischen Kultur des 20. Jahrhunderts aktualisiert wurde.
Perfektion und Harmonie: Die mathematische Genauigkeit der Formen des Kristalls wird als Zeichen eines höheren, göttlichen oder natürlichen Ordnung verstanden, der hinter dem scheinbaren Chaos der Welt verborgen ist.
Kälte und Schönheit: Ein ambivalenter Symbol, der die Gefahr, die Härte des Winters und seine ozeanische, stille Schönheit kombiniert.
Architektur: Ornamentierte Gitter und Fenster in Schneeflockenform in winterlichen Palästen und Pavillons (z.B. der historische Pavillon auf der Weltausstellung der DDR).
Schmuck: Broschen und Anhänger in Form von Schneeflocken aus Silber und Bergkristall waren in der Ära des Art Deco (1920–1930er Jahre) der Höhepunkt der Mode, unterstreichen den Interesse an der Geometrie.
Kinematografie: Die riesige Schneeflocken-Uhr in dem Zeichentrickfilm «Der Schnee fällt last year»; animierte Schneeflocken in den Vorspannen von Weihnachtsprogramming.
Mode: Muster auf Pullovern («Pullis mit Elchen und Schneeflocken»), die zu einem internationalen Trend wurden.
In Japan ist die Schneeflocke («yuki») ein häufiger Motiv in der Haiku-Poetik, ein Symbol der ruhigen, meditativen Schönheit.
In der Heraldik ist die sechsläufige Schneeflocke auf dem Wappen der Stadt Murmansk als Symbol des Polarraums dargestellt.
Die ersten künstlichen Schneeflocken für die Filme in den 1930er Jahren wurden aus weißen Straußenfedern oder zerkleinertem Bernstein hergestellt.
Es gibt den Internationalen Tag der Schneeflocke – 27. Januar, der Tag, an dem Wilson Bentley seine erste Mikrofotografie machte.
Die Schneeflocke als Symbol ist einzigartig durch ihre doppelte Authentizität: Sie existiert wirklich in der Natur und ist gleichzeitig das Produkt der kulturellen Interpretation. Ihr Weg von einem wissenschaftlichen Kuriosum zum universellen festlichen Zeichen zeigt, wie das menschliche Bewusstsein tiefere Sinne in einfachen Phänomenen der Welt sucht und findet. Die Schneeflocke hat in sich den wissenschaftlichen Rationalismus (Kristallografie) und das poetische Gefühl vereint und ist damit ein perfektes Symbol für das Fest, das selbst eine Mischung aus rationalen Zeitabfolgen (Kalenderwechsel) und irrationaler Glauben an das Wunder ist. Sie ist das visuelle Erscheinungsbild des Geistes der winterlichen Festtage: vorübergehend, zerbrechlich, unglaublich schön und erinnert daran, dass selbst in der schärfsten Jahreszeit die Natur (und das Leben) in der Lage sind, Perfection zu schaffen. In dieser Hinsicht wird die Schneeflocke wahrscheinlich einer der stabilsten und unumstößlichsten Symbole des Neujahrs und Weihnachtsfestes bleiben, unabhängig von kulturellen und kommerziellen Transformationen.
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