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Mikhail Bakhtin über den dialogischen Ansatz und die Poliphonie bei Fjodor Dostojewskij

Einführung: Revolution in der Romantheorie

Die Konzeption des Dialogismus und der Poliphonie, entwickelt von Mikhail Bakhtin in seinem Buch "Probleme der Dostojewski-Dichtung" (1963, überarbeitete Auflage), hat eine Revolution in der Literaturwissenschaft und Philosophie der Kultur ausgelöst. Bakhtin schlug nicht einfach eine neue Interpretation des Werks Dostojewskis vor, sondern eine radikal neue Theorie des künstlerischen Denkens und des menschlichen Bewusstseins vor. Sein Analyse zeigte, dass Dostojewskij nicht einfach Romane mit vielen Charakteren geschaffen hat, sondern einen prinzipiell neuen Typus des Romans geschaffen hat — den poliphonischen Roman, wo die autoriale Position nicht über die Bewusstseine der Helden dominiert.

1. Wesen der Poliphonie: "Vielfalt unabhängiger und nicht verschmolzener Stimmen"

Bakhtin hat den Begriff der "Poliphonie" aus der Musik entlehnt, wo er das gleichzeitige Klingen mehrerer selbstständiger, gleichberechtigter melodischer Linien (Stimmen) bezeichnet. Diese Metapher auf die Literatur übertragen, formulierte er einen Schlüsselthese:

In den Werken Dostojewskij ist nicht die Vielzahl von Charakteren und Schicksalen in einem einzigen objektiven Welt, beleuchtet durch ein einziges autoriales Bewusstsein, sondern genau die Vielzahl der gleichberechtigten Bewusstseine mit ihren Welten, die sich kombinieren, ihre Unversöhnlichkeit bewahren, in die Einheit eines bestimmten Ereignisses.

Das bedeutete den Bruch mit dem traditionellen monologischen Roman, wo alle Charaktere, ihre Gedanken und Handlungen das Objekt einer abschließenden Bewertung und des Verständnisses des allsehenden Schöpferautors sind. Bei Dostojewskij, nach Bakhtin, tritt das autoriale Bewusstsein in eine Reihe mit den Bewusstseinen der Helden. Der Autor urteilt nicht über Raskolnikow oder Iwan Karamasow von der Höhe der Wahrheit aus, sondern stellt sich in die Position eines Teilnehmers des Dialogs mit ihnen. Seine Stärke liegt nicht im endgültigen Wissen über den Protagonisten, sondern in der Fähigkeit, die innere Logik, die Unvollständigkeit und die "Unentscheidbarkeit" jedes Bewusstseins sichtbar und hörbar zu machen.

Interessanter Fakt: Bakhtin stellt die Poliphonie Dostojewskij der Hegelschen Dialektik gegenüber. Wenn bei Hegel der Konflikt zwischen den gegensätzlichen Ideen ("Thema — Antithese") im höheren Synthese ("Synthese") aufgelöst wird, dann bei Dostojewskij werden die konkurrierenden Ideen ("Ja" und "Nein") nicht synthetisiert, sondern gleichzeitig klingen, im ewigen Dialog. Ziel ist nicht, den Streit zu lösen, sondern ihn zu vertiefen, die gesamte semantische Fülle des Widerspruchs zu erkennen.

2. Dialog als ontologische Grundlage des Seins und der Sprache

Für Bakhtin ist die Poliphonie die Folge eines tieferen, philosophischen Prinzips des Dialogismus. Der Dialog für ihn ist nicht einfach eine Form der Rede, sondern die grundlegende Bedingung menschlichen Daseins und Wissens.

  • Das Bewusstsein ist dialektisch von Natur aus: "Das Sein bedeutet, dialogisch zu kommunizieren. Wenn der Dialog endet, endet alles." Das Bewusstsein des Menschen wird nur durch die Interaktion mit einem anderen Bewusstsein geformt. "Ich" wird sich selbst nur durch "Du" bewusst. Die Protagonisten Dostojewskij sind hypertrophierte Bewusstseine, die außerhalb des spannungsreichen Dialogs (externen — mit anderen, oder internen — mit sich selbst, mit Gott, mit der Idee) nicht existieren können.

  • Die Sprache ist dialektisch: Jedes Statement Dostojewskij ist, nach Bakhtin, an jemanden gerichtet, vorhersagt einen Antwort und wird unter Berücksichtigung dieses vorhergesagten Antworten aufgebaut. Sogar der innere Monolog des Protagonisten ist ein versteckter Dialog (z.B. der Dialog Iwan Karamasows mit dem Teufel, der ein Projektionsprodukt seines eigenen Bewusstseins ist).

  • "Großer Dialog" des Romans: Die einzelnen Dialoge der Charaktere werden zu einem einheitlichen "großen Dialog" des gesamten Werks zusammengefügt. Das Ereignis des Romans ist nicht eine Abfolge von Handlungen, sondern ein Ereignis des Zusammenstoßes und der Interaktion von Bewusstseinen.

3. Schlüsselkategorien der Analyse: Unvollständigkeit, Karnevalisierung, Chronotop

Bakhtin führt eine Reihe von Kategorien für die Beschreibung der Poetik Dostojewskij ein:

  1. Unvollständigkeit und "letztes Wort": Der Protagonist bei Dostojewskij ist nie als vollendeter, abgeschlossener Charakter gegeben. Er passt nicht zu sich selbst, befindet sich an einem Punkt der Wahl, des Krisis, der geistigen Suche. Der Autor lehnt es ab, über den Protagonisten "das letzte Wort" zu sagen, ihn offen zu lassen, fähig zu Wandlung, auch jenseits des Textes.

  2. Karnevalisierung: Bakhtin führt die Wurzeln des poliphonischen Romans zurück auf die Tradition der volkstümlichen Lachkultur und des Karnevals. Der Karneval mit seiner Umkehrung der Hierarchien, dem freien familiären Kontakt, dem Cultus der Veränderung und des Updates hat die künstlerische Matrix geschaffen, wo die Freilassung des Bewusstseins von der dogmatischen Ernsthaftigkeit möglich wurde. In den Romanen Dostojewskij manifestiert sich dies in Szenen von Skandalen (wie "Karnevalskämpfen"), im Dubletten, im Herabsetzen des Erhabenen (z.B. in "Die Gespenster").

  3. Chronotop des "Pfotos": Bakhtin definiert das für Dostojewskij charakteristische räumlich-zeitliche Einheit als Chronotop des Pfotos (Diele, Treppe, Flur, Platz). Dies ist ein Ort, wo die Zeit bis zum Äußersten verdichtet wird, ein Krisismoment der Entscheidung, und das Raum wird zur Zone des Kontakts und der Konfrontationen. Auf dem "Pfot" ist keine ruhige, allmähliche Evolution möglich — nur ein Ausbruch, eine Katastrophe oder ein Erwachen.

Beispiel: Analysierend "Verbrechen und Strafe", zeigt Bakhtin, dass der gesamte Roman ein riesiger Dialog Raskolnikows mit der Welt ist. Seine Theorie wendet sich an die Menschheit und erfordert eine Antwort. Jeder Charakter (Porfyrj Petrowitsch, Sone, Svidrigajlow) tritt mit ihm in einen Dialog auf der Ebene der Idee ein, wird zum incarnierten "Widerspruch" oder "Verführung". Sogar das Schweigen Sones ist ein mächtiger dialogischer Faktor. Der Autor urteilt die Theorie Raskolnikows nicht von der Position der Wahrheit aus, sondern lässt sie in einem Dialog mit der "lebenden Lebenswelt" konfrontieren.

4. Wissenschaftliche und kulturelle Bedeutung der Theorie Bakhtins

Die Entdeckungen Bakhtins gingen weit über die Grenzen der Literaturwissenschaft hinaus:

  • Philosophische Anthropologie: Der Dialogismus wurde zur Grundlage für das Verständnis des Menschen als "nicht-ali-bi-in-sein" — eines Wesens, das für seinen einzigartigen, unvollendeten Projekt verantwortlich ist.

  • Sociolinguistik und Kommunikationstheorie: Die Idee von der dialektischen Natur jedes Ausdrucks hat den Diskursanalyse beeinflusst.

  • Kulturwissenschaft: Die Konzeption der Poliphonie und der Karnevalisierung hat ein Instrument für die Analyse komplexer, pluralistischer kultureller Phänomene gegeben.

Schluss: Dostojewskij als "Künstler der Idee"

Bakhtin hat gezeigt, dass das Neuartige Dostojewskij nicht im Psychologismus (der auch bei anderen war) liegt, sondern darin, dass er die selbe Idee, das Konzept in ihrem Entstehen zum Thema gemacht hat. Seine Protagonisten sind "Mensch-Idee". Der poliphonische Roman wurde zur künstlerischen Modell des unauflöslichen Vielzahl der Wahrheit in der Welt, wo Gott und der Teufel nicht irgendwo in den Himmeln kämpfen, sondern im Herzen und Bewusstsein des Menschen.



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