In der christlichen Theologie stellt die Geburt (Inkarnation) nicht nur einen Festtag der Geburt des Stifters der Religion dar, sondern ein grundlegendes ontologisches Ereignis der Versöhnung. Es geht nicht um eine private, psychologische oder soziale Konfliktlösung, sondern um die Wiederherstellung der zerstörten Verbindung zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Himmel und Erde, zwischen Mensch und Gott. Versöhnung (griech. καταλλαγή — katallagé, wörtlich «Tausch», «Wiederherstellung der Beziehungen») ist in diesem Kontext das Ergebnis des Eintauchens Gottes in den Raum der menschlichen Entfremdung und Leid mit dem Ziel seiner Heilung und Wiedervereinigung mit sich selbst.
Die klassische christliche Anthropologie geht von der Konzeption des ersten Sündfalls (oder existentiellen Bruchs) aus, der zu folgendem führte:
Entfremdung von Gott (Verlust des unmittelbaren Kommunikationsverhältnisses).
Entzweiung zwischen Menschen (Geschichte Kains und Abel).
Dissonanz mit der Natur (Verlust des paradiesischen Anordnens).
Die Geburt, als Akt der Inkarnation, ist der erste und notwendige Schritt zur Heilung dieses dreifachen Bruchs. Gott sendet nicht einfach eine Botschaft des Versöhnens aus der Ferne — Er wird selbst «Vermittler» (1 Tim. 2:5), indem Er in die tiefste Existenz des Menschen eindringt. Der Heilige Athanasius der Große (4. Jh.) formulierte diese Gedanken aphoristisch: «Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde». Die Inkarnation ist der Beginn des Prozesses der Theosis, das heißt der Wiederherstellung des verloren gegangenen Ähnlichkeits- und Einheitsverhältnisses.
Der inkarnierte Logos, Jesus Christus, tritt in der Weihnachtsgeschichte als «lebender Brücke» zwischen den beiden Naturen auf.
Fülle der Gottheit und Fülle der Menschheit: In dem Knaben Jesus, gemäß dem chalcedonischen Dogma, sind die beiden Naturen — göttlich und menschlich — unverschnitten, unzertrennlich, unauflöslich und unverschieden verbunden. Dies ist das ontologische Kriterium der Möglichkeit der Versöhnung: Nur Der, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist, kann den Menschen mit Gott versöhnen. Die Weihnachtskrippe ist ein sichtbares Phänomen dieser verbindenden Person.
Kenosis (Selbstverleugnung) als Methode der Versöhnung: Der Apostel Paulus beschreibt in seinem Brief an die Philipper (2:6-7) den Mechanismus der Versöhnung: Christus, «der in Gestalt Gottes war… verneigte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an, wurde menschlich». Gott versöhnt sich mit der Welt nicht durch Macht und Zwang, sondern durch freie Nachgiebigkeit, durch das Annehmen der gesamten menschlichen Verletzlichkeit (Ohnmacht des Neugeborenen, Armut, Abhängigkeit). Die Versöhnung wird nicht «von oben nach unten» erreicht, sondern durch Solidarität mit dem, der entfremdet ist.
Der Engelsgesang in der Weihnachtsnacht — «Ehre in den Höhen Gott, und auf Erden Frieden, unter den Menschen Wohlgefallen» (Lk. 2:14) — ist eine direkte Verkündigung des Themas der Versöhnung.
«Frieden auf Erden» (εἰρήνη ἐπὶ γῆς): Dies ist nicht nur das Fehlen von Krieg, sondern ein umfassendes Zustand des «Schaloms» — Ganzheit, Harmonie, Wohlstand, das aus den wiederhergestellten Beziehungen mit Gott resultiert. Dies ist der Frieden zwischen Himmel und Erde, die «versöhnen» in der Person Christi.
«In Menschen Wohlgefallen» (ἐν ἀνθρώποις εὐδοκία): Ein präziserer Übersetzung ist «in Menschen [Seine] Wohlgefallen» oder «unter den Menschen — die, zu denen [Er] wohlgefallen hat». Es geht um die Wiederherstellung der Wohlgefallen (εὐδοκία) Gottes zum menschlichen Geschlecht, das nach dem Sündenfall verloren ging. Die Geburt Christi ist ein Zeichen dafür, dass Gott erneut sein Wohlgefallen den Menschen zuwendet, den Weg zur Versöhnung öffnend.
Die Theologie der weihnachtlichen Versöhnung hat nicht nur ein vertikales (Gott-Mensch), sondern auch ein horizontales Maß (Mensch-Mensch).
Aufhebung der trennenden Barrieren: Der Apostel Paulus entwickelt in seinem Brief an die Epheser (2:14) das weihnachtliche Thema: «Denn Er ist unser Frieden, der aus beiden gemacht hat eins und die Mauer, die zwischen ihnen stand, zerstört hat». Im Kontext der Geburt zeigt sich dies in der symbolischen Vereinigung bei den Krippen Christi verschiedener gesellschaftlicher Gruppen: der Hirten (lokalen, verachteten), der Weisen (Fremden, Heiden), der Tiere (des Tierreichs). Alle sind um einen einzigen Mittelpunkt versammelt — das Knäblein, was ein Vorbild für die neue Gemeinschaft der Versöhnung ist, wo ethnische, soziale und religiöse Grenzen verschwunden sind.
Magnificat der Gottesmutter: Der Gesang Marias (Lk. 1:46-55) ist eine prophetische Deutung des Sinns der Inkarnation als soziale Inversion, wo die Hochmütigen zertreten werden und die Demutigen emporgehoben werden. Die Versöhnung bedeutet hier die Korrektur unfairem gesellschaftlichen Beziehungen, die Etablierung eines Reiches der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
Die Idee der Versöhnung wird in der Ikonographie der Geburt visualisiert:
Die Höhle/Krippe: Oft dargestellt als dunkle Vertiefung in einem Berg, symbolisiert sie den gefallenen, vom Gott entfernten Welt, in die das Licht niedersteigt.
Die Krippe: Die Futterkrippe für das Vieh, in die das Neugeborene gelegt wird, ist ein Symbol dafür, dass Christus «Nahrung» (Eucharistie) für die Gläubigen wird, das Mittel ihrer Versöhnung und Vereinigung mit Gott.
Die geneigten Figuren der Gottesmutter, Josef, der Hirten, der Tiere: Ihre Haltungen Ausdruck des Anbetens und der Offenheit für das kommende Versöhnung.
In der Liturgie des Heiligen Abends und der Geburt wird das Thema der Versöhnung in den Gesängen zum Ausdruck gebracht. Zum Beispiel in der westlichen Tradition — der Gesang «O Magnum Mysterium» («O großes Geheimnis»), wo gefeiert wird, dass die Tiere den Herrn in den Krippen sehen — ein Symbol der Versöhnung des gesamten Geschöpfers.
Interessantes Detail: In England und Deutschland bestand im Mittelalter die Tradition des «Weihnachtsfriedens» (Christmas Truce), bei dem auch während der Feiertage Gerichtsverfahren und Feindschaften zwischen Adelsfamilien eingestellt wurden. Dies war eine soziale Praxis, inspiriert durch die Theologie der Versöhnung: Wenn Gott sich mit der Menschheit versöhnt hat, dann sollten auch die Menschen miteinander versöhnt sein.
Auf diese Weise wird die Idee der Versöhnung in der Theologie der Geburt als mehrstufiger Prozess gezeigt:
Ontologische Versöhnung: Wiederherstellung der Verbindung zwischen Gott und dem Menschen durch die ipostatische Verbindung der Naturen in Christus.
Kenotische Versöhnung: Erreicht durch Solidarität, Verletzlichkeit und Selbsthingabe, nicht durch Macht.
Eschatologische Versöhnung: Die Verkündigung der endgültigen Zielsetzung — des allgemeinen Friedens (Schaloms) und des Wohlgefallens.
Soziale Versöhnung: Die Schaffung einer neuen Gemeinschaft, die menschliche Teilungen überwindet.
Die Geburt ist nicht ein abgeschlossener Akt, sondern ein initierendes Ereignis. Es öffnet die Möglichkeit der Versöhnung, die dann durch das Existentielle jeder Person und jeder Gemeinschaft durch Glauben, Buße und Leben im Geist der evangelischen Liebe erworben und realisiert werden muss. Die Krippe in Bethlehem wird zum Abbild des Altars, wo die Opferung der Versöhnung dargebracht wird, und das Knäblein — zum «Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt» (Joh. 1:29). In diesem Sinne ist die Freude der Geburt die Freude über das begonnene Heimkehr, über das, dass das Loch überwindbar ist, und Gott hat den ersten, schwierigsten Schritt in Richtung der Menschen getan.
Новые публикации: |
Популярные у читателей: |
Новинки из других стран: |
![]() |
Контакты редакции |
О проекте · Новости · Реклама |
Цифровая библиотека Казахстана © Все права защищены
2017-2026, BIBLIO.KZ - составная часть международной библиотечной сети Либмонстр (открыть карту) Сохраняя наследие Казахстана |
Россия
Беларусь
Украина
Казахстан
Молдова
Таджикистан
Эстония
Россия-2
Беларусь-2
США-Великобритания
Швеция
Сербия