Der Geruch in der Weihnachtsliteratur ist nicht nur eine atmosphärische Detail, sondern ein mächtiger sensorischer Code, der in der Lage ist, ganze Welten in Erinnerung zu rufen, archetypische Assoziationen zu aktivieren und die metaphysische Essenz des Festes zu übermitteln. Das Riechen, das als ältestes und emotionalsterfuhrendstes Gefühl ist, wird zu einem Werkzeug der Schriftsteller, um den «weihnachtlichen Chronotop» zu schaffen — ein Raum-Zeit, das mit Erinnerung, Nostalgie und sakraler Bedeutung gefüllt ist.
Die am weitesten verbreitete Funktion der Weihnachtsgerüche ist es, der Schlüssel zu persönlicher und kollektiver Erinnerung zu sein, den Held (und den Leser) in einen Zustand der Unschuld und Ganzheit zurückzuführen.
Iwan Schmeljow, «Sommer des Herrn»: Hier wird eine ganze «geruchliche Liturgie» des Festes geschaffen. Die Gerüche bilden einen komplexen Akkord: «Du riechst nach geschliffenen Böden, Wachs, Tanne… nach Tannennadelöl, Weihrauch, Honig und noch etwas… festlichem». Das ist nicht nur eine Liste — das ist eine Symphonie der Heiligkeit und des häuslichen Komforts. Der Geruch des Tannennadelöls (der Tanne) und des Weihrauchs verbindet den irdischen Fest mit dem kirchlichen Geheimnis, der Honig erinnert an die Süße und Freude des bevorstehenden Reiches. Für Schmeljow ist der Geruch der Weg zur Wiederbelebung der verlorenen vorrevolutionären Russland, ihres ganzheitlichen orthodoxen Lebensstils.
Dylan Thomas, «Weihnachtsferien» («A Child's Christmas in Wales»): In diesem poetischen Erinnerungsbild schaffen die Gerüche ein Gefühl einer magischen, leicht verschwommenen Kindheitserfahrung: «Der Geruch des kalten Meeres und alter, nasser Schurwollhandschuhe… der Geruch von gebratenem Gänsebraten und Schinken… und des Rauchs der Vaters Zigarren». Die Gerüche sind hier nicht heilig, aber unendlich kostbar als Marker eines persönlichen, geschützten Kindheitswelt, der dem «fernab und schrecklichen» Erwachsenenwelt entgegengesetzt ist.
Die Literatur nutzt oft Gerüche, um soziale Kontraste hervorzuheben, die sich im Fest verschärfen.
Charles Dickens, «Weihnachtsgeschichte»: Dickens stellt die Gerüche meisterhaft gegenüber. In dem Haus von Scrooge herrscht Kälte und der Geruch von Schimmel, Staub und Metall (von Rechnungen) — das Aroma der Gleichgültigkeit und Sparsamkeit. Im Haus von Bob Cratchit, trotz der Armut, riecht es nach Gänsefett, Äpfeln und der Wärme des familiären Herdes. Und der Geist der heutigen Weihnachtsfeste erfüllt die Luft um sich herum mit den Aromen der festlichen Speisen, die selbst Symbole der Großzügigkeit und des Reichtums werden, die für die Armen nicht zugänglich sind. Der Geruch des gebratenen Gänsebratens auf der Straße für ein hungriges Kind ist nicht ein Verlockung, sondern ein Symbol der sozialen Ungerechtigkeit.
Hans Christian Andersen, «Das Mädchen mit den Zündholzschachteln»: Hier erreichen die olfaktorischen Bilder ihren tragischen Höhepunkt. Die sterbende von Kälte entsetzte Mädchen sieht in Halluzinationen den Geruch des gebratenen Gänsebratens, der ihr in der Realität entkommt. Dieser mythische, unerreichte Geruch wird zum Symbol des ganzen Lebensreichtums, des Festes und der Wärme, von denen sie abgeschnitten ist. Der Geruch ist hier ein Folterwerkzeug, das die Tiefe ihrer Leiden betont.
In komplexeren Texten wird der Geruch zu einem Zeichen der Anwesenheit des Jenseitigen, des Wunders oder der spirituellen Wandlung.
F.M. Dostojewski, «Der Junge bei Christus auf dem Baum»: In der Vision des erfrierenden Jungen über den «Christbaum» transformieren sich die Gerüche. Sie verlieren ihre irdliche, materielle Konkretität und werden zu einem Zeichen eines anderen, paradiesischen Daseins: «Und ihm schien, dass… es nach einem Baum roch, vor dem Fest…». Das ist nicht der Geruch eines bestimmten Baumes, sondern der Aroma der Idee des Festes, der Rettung und der Liebe, der nur dem zugänglich ist, der am Todesschatten steht. Der Geruch wird hier zu einem Führe in das Transzendentale.
Terry Pratchett, «Santa-Krankheit»: In parodistischen Fantasy-Notizen beschreibt Pratchett den Geruch, der von dem selbst «Santa-Krankheit» (eine Figur, die dem Santa ähnelt, aber die antike, vorchristliche Magie des Winters verkörpert). Es riecht nach Schnee, Tanne und etwas tief tierisch. Das ist ein unangenehmer, alter, natürlicher Geruch, der dem süßen, kommerzialisierten Aroma des modernen Weihnachtsfestes entgegengesetzt ist. Es erinnert an die Ursprünge des Festes als Begegnung mit der wilden, unbesiegten Natur.
In der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts tritt eine Kritik an künstlichen, standardisierten Weihnachtsgerüchen auf.
Thomas Pynchon, «Der aufgerufene Los»: In postmodernen Schlüssel kann Pynchon die Weihnachtsatmosphäre als Cocktail aus dem Geruch der Plastiktanne, der synthetischen Tannennadel aus dem Aerosolkanister und dem geräucherten Huhn aus dem Fast-Food-Restaurant beschreiben. Diese Gerüche sind Simulationen, Ersatzprodukte, die auf den Verlust der Authentizität hinweisen, auf die Verwandlung des Festes in ein Gut.
Donna Tartt, «Der Schwalbenschwanz»: In dem Roman gibt es eine prägnante Szene, in der der Hauptcharakter nach persönlicher Tragödie im Dezember die künstliche, aufdringliche Süße der Weihnachtsgerüche im Einkaufszentrum fühlt — Zimt, Ingwer, synthetische Tannennadel. Für ihn werden sie zum Geruch der Entfremdung und des Schmerzes, einem schmerzhaften Kontrast zu seinem inneren Zustand. Der Weihnachtsgeruch hier verbindet nicht, sondern abweist, den Bruch zwischen sozialer Norm und individueller Leidenschaft betonend.
Trotz aller Variationen hat sich in der westlichen und russischen Literatur ein kanonischer Satz von Weihnachtsgerüchen entwickelt, jeder mit seiner Semiotik:
Nadel (Tanne, Fichte, Tanne): Der Geruch des ewigen Lebens (ewiggrünes Baum), Reinheit, natürliche Wunder, Erinnerung an den Wald und die wilde Natur.
Orangen, Mandarinen (in der russischen/Sowjetischen Tradition): Der Geruch des knapperen Festes, der Exotik, des sonnigen Lichts in der Mitte des Winters. In der UdSSR wurden Mandarinen zum Hauptolfaktorischen Symbol des Neujahrs, das religiöse Aromen ersetzte.
Kardamom, Ingwer, Nelken (Lebkuchen, Glühwein): Der Geruch der Wärme, des häuslichen Herdes, der Handarbeit, der dem Fast Food entgegengesetzt ist. Ein Aroma, das Zeit zum Kochen erfordert.
Wachs/Paraffin (Kerzen): Der Geruch der Stille, des Geheimnisses, der Konzentration. Dem elektrischen Licht entgegengesetzt. Verbindet mit dem kirchlichen Ritual und dem ruhigen Familienabend.
Gebratenes Gänsebraten/Gänsebraten, Kekse: Der Geruch des Reichtums, der materiellen Freude, des familiären Festmahls. Oft wird es zum Punkt sozialer Spannungen (für diejenigen, die es nicht haben).
So erfüllen die Weihnachtsgerüche in der Literatur Funktionen, die weit über die Dekorativität hinausgehen:
Funktion Proustian madeleine: Starten den Mechanismus der unwillkürlichen Erinnerung, erwecken ganze Schichten des persönlichen und kulturellen Vergangenen.
Funktion sozialer Diagnose: Entblößen die Wunden der Gesellschaft — Ungleichheit, Heuchelei, Kommerzialisierung.
Funktion spiritueller Orientierung: Weisen auf das sakrale Maß des Festes hin, dienen als Brücke zwischen dem Alltags und dem Metaphysischen.
Funktion kulturellen Codes: Erlauben es, den Text sofort als «Weihnachtsfest» zu identifizieren und seine Tonart zu bestimmen — nostalgisch, kritisch, mystisch.
Über den Geruch sprechen die Schriftsteller über das, was unmittelbar nicht ausgedrückt werden kann: nach dem Paradies, nach sozialer Entfremdung, nach der kindlichen Glaube und dem erwachsenen Enttäuschung. Der Weihnachtsduft in der Literatur ist die konzentrierte Essenz des Festes, sein Geist, erfaßt durch das älteste und ehrlichste der menschlichen Sinne. Er beweist, dass Weihnachten nicht nur das ist, was wir sehen und hören, sondern in erster Linie das, was wir auf einem Niveau fühlen, das dem Wort und dem Denken vorausgeht.
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