Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) schuf in seinen Werken nicht eine Beschreibung Russlands, sondern einen metaphysischen und psychologischen Porträt, der für ein Jahrhundert die Diskussionen über die russische Identität bestimmte. Sein Bild Russlands ist keine statische Landschaft, sondern ein spannungsvolles Feld ewigen Widerstands und Dialogs zwischen Extremen: Heiligkeit und Sünde, Demut und Aufstand, universeller Empfindsamkeit und nationaler Enge, «Boden» und «Zivilisation». Dieses Bild wird nicht durch Landschaften oder Alltagsleben konstruiert, sondern durch existentielle Krisen seiner Helden, die Träger verschiedener «russischer Ideen» sind.
Dostojewski sieht Russland nicht in seiner Größe, sondern in seinen tiefen Krankheiten und Widersprüchen, die jedoch das Keimzelle einer zukünftigen Heilung enthalten.
«Verbrechen und Strafe»: Petersburg ist nicht die Hauptstadt des Reiches, sondern eine fantastische Stadt-Locke, die das Bewusstsein drückt. Seine schmutzigen Treppen, düsteren Kammern, betrunkenen Massen — eine Umgebung, die «Ideen-Seuchen» wie die Theorie Rascolsnikows hervorbringt. Russland hier ist ein krankes Lebewesen, das eine geistige Wunde des Nihilismus hervorbrachte.
«Die Dämonen`: Ein provinzieller Stadtort, von einem revolutionären Komplott erfasst, ist ein Mikrokosmos der russischen «Dämonen», das heißt der Besessenheit von fremden, vom Boden abgehobenen Ideen (westlichem Sozialismus, Atheismus). Russland tritt hier als Schlachtfeld für Seelen auf, die leicht zerstörerischen Verlockungen unterliegen.
Katharsis durch Leid: Diese Krankheit ist jedoch kein Urteil. Der Weg zur Rettung führt durch Leid, Buße und Demut, wie bei Rascolsnikow auf dem Gefängnis oder bei Dmitri Karamasow. Nach Dostojewski ist Russland ein Land, das spirituell auferstehen kann, nur wenn es durch die Tiefe des Verfalls geht.
Der zentrale Konstrukt des Bildes Russlands bei Dostojewski ist der messianische «russische Gedanke», formuliert in der Publizistik «Tagebuch des Schriftstellers» und der Rede über Puschkin (1880).
Universalität: Dem russischen Volk, nach Dostojewski, ist eine «universelle Empfindsamkeit» eigen — die Fähigkeit, sich in Genies anderer Nationen zu verwandeln, sie zu verstehen und zu akzeptieren. Dies ist kein Kosmopolitismus, sondern ein besonderer Talent, der Russland zur geistigen Vereinigung der Menschheit verpflichtet.
Orthodoxie als Grundlage: Die wahre Mission Russlands ist nicht die Verwaltung politischer oder wirtschaftlicher Macht, sondern die orthodoxe Wahrheit über Christus als Ideal, über das Brüderlichkeit der Menschen in Christus. Dies ist die Idee «Moskau — der Dritte Rom», übersetzt in die Sprache der Philosophie und Literatur.
Paradox der Kraft in der Demut: Das russische Messianismus hat einen antiimperialen, kenotischen Charakter. Die Kraft Russlands liegt nicht im Eroberung, sondern im freiwilligen Dienst und Opfer («Demütige, stolzer Mensch!»). Diese Idee wird klar in der Figur des Prinzen Myskin («Der Idiot») — eines «positiv schönen Menschen», whose Kraft in Sanftmut und Mitgefühl im Welt des Rechnens und der Leidenschaft unverstehlich und hilflos ist.
Dostojewski ist Ideologe des Bodenbesitzes. Für ihn ist das Volk der Hüter der wahren christlichen Wahrheit.
Volk-Heiliger: Einfache Menschen (wie Marmeladov, Liza, die Familie Marmeladov, der alte Zosima) sind oft Träger eines spontanen, nicht-reflexierenden christlichen Gefühls, des wahren Mitgefühls. In der Legende von der «Lukovka» aus «Die Brüder Karamasow» (Grusenka) wird die Volksweisheit ausgedrückt: Selbst ein kleines gutes Werk kann retten.
Abschneider und «unterirdische» Menschen: Doch zeigt Dostojewski auch die andere Seite — der Abstand der Intelligenz von der Erde führt zu Monstern («Dämonen», Rascolsnikow, «unterirdischer Paradoxalist»). Das Bild Russlands verdoppelt sich: das und die heilige Russland, und die «Kabak-Russland», dunkel, brutal (Szenen von Trunkenheit, Misshandlung von Kindern in «Die Brüder Karamasow»).
«Der Idiot`: Russland wird durch das Zusammenstoß des «russischen Christus» (Myskin) mit dem petербургischen gesellschaftlichen Leben gezeigt, das von Profitgier, Eitelkeit und Leidenschaft befallen ist. Der Ideal stirbt, findet keine Grundlage, was die tragische Frage nach der Möglichkeit der Verwirklichung des Ideals in der russischen Realität aufwirft.
«Die Brüder Karamasow`: Dies ist eine Symphonie «russischer Ideen». Iwan Karamasow mit seinem Aufstand gegen den göttlichen Welt («Legende vom Großen Inquisitor») ist Russland, verführt von westlichem Rationalismus und Atheismus. Aljoscha ist Russland, das sich dem Glauben und dem Heldentum zuwendet. Dmitri ist die natürliche, leidenschaftliche, büßende Russland. Der alte Zosima ist Russland des heiligen Überlieferung. Der Roman gibt keine Antwort, sondern zeigt die titanische Auseinandersetzung der Prinzipien innerhalb der nationalen Seele.
Das Bild Russlands bei Dostojewski hat eine kolossale Auswirkung:
Die russische religiöse Philosophie (N. Berdjaev, S. Bulgakow) hat ihre Konzeption der «russischen Idee» in vielerlei Hinsicht auf seine Einsichten aufgebaut.
Das westliche Verständnis Russlands als einer geheimnisvollen, geistigen, irrationalen, leidenden Nation wurde stark von Dostojewski geprägt.
Kritik: Sein Bild wird oft beschuldigt, das Leid zu idealisieren, in slawophilen Utopien zu verfallen, die sozialökonomischen Grundlagen des Lebens zu ignorieren. Viele (wie W. Nabokow) halten seine Russland für «theatralisch» und übermäßig pathologisch.
Dostojewski hat kein abgeschlossen, gemütliches Bild Russlands hinterlassen. Er hat eine Diagnose, eine Prophezeiung und eine Tiefe von Fragen hinterlassen. Sein Russland ist nicht ein geografisches oder politisches Konzept, sondern ein geistiger Kontinent, besiedelt von Bußenden Sündern, heiligen Narren, rebellierenden Intellektuellen und stillen Leidensgenossen. Dies ist das Bild eines Landes, das an der Schwelle eines apokalyptischen Wandels zwischen Christus und dem Großen Inquisitor, zwischen Brüderlichkeit in Christus und «Allverfügbarkeit» steht.
Die Kraft und Ewigkeit dieses Bildes liegt in seiner dialektischen Unstabilität. Dostojewski hat Russland als «entwickelnde» Nation gezeigt, deren Identität nicht vorgegeben ist, sondern jede Sekunde im schmerzhaften inneren Ringen ihrer Söhne geschaffen wird. Er hat nicht ein Porträt, sondern einen Röntgenschnitt der russischen Seele geschaffen, ihre metaphysischen Risse offengelegt und in ihnen einen möglichen, aber tragisch schwierigen Weg zum Licht hervorgehoben. Daher kehrt die Diskussion immer wieder zu den Bildern und Fragen, die Dostojewski aufgeworfen hat, ihn nicht nur zum Klassiker der Literatur, sondern zum Hauptgesprächspartner der Nation in ihrem ewigen Streit über sich selbst zu machen.
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