Die Situation, in der der Großvater aktiv versucht, den Vater zu ersetzen, der getrennt von seiner Tochter (der Enkelin des Großvaters) lebt, stellt ein komplexes psychologisches und familiäres Phänomen dar, das in der systemischen Familientherapie als „Verletzung hierarchischer Grenzen“ und „Generationenvermischung“ bekannt ist. Es handelt sich nicht einfach um „Hilfe“ oder „Fürsorge“, sondern um eine Form struktureller Dysfunktion, die langfristige negative Folgen für alle Beteiligten des Dreiecks – das Kind, die Mutter und den Großvater selbst – nach sich ziehen kann. Die Gefahr liegt nicht in der bloßen Nähe zum Großvater, sondern in der Verzerrung sozialer Rollen und emotionaler Bindungen.
Nach der Familientheorie von Murray Bowen funktioniert eine gesunde Familie als ein ganzheitlicher Organismus, der aus Subsystemen (Ehe, Eltern, Kinder) mit klaren, aber durchlässigen Grenzen besteht. Der Großvater, der zur erweiterten Familie gehört, übernimmt in der Regel eine unterstützende, aber keine zentrale Rolle bei der Erziehung der Enkel.
Gefahren:
Untergrabung der elterlichen Autorität der Mutter: Wenn der Großvater väterliche Funktionen übernimmt (strenge Disziplin, Treffen wichtiger Entscheidungen, übermäßige finanzielle Fürsorge), entwertet er unbeabsichtigt die Rolle der Mutter als wichtigste erwachsene Bezugsperson. Dies kann zu einer Koalition „Großvater-Kind gegen Mutter“ führen, in der das Kind lernt, mit Hilfe des Großvaters zu manipulieren.
Schaffung eines „fehlenden Dritten“: Die Vaterfigur, auch wenn sie getrennt lebt, sollte ihren symbolischen Platz in der Psyche des Kindes behalten. Die aktive Ersatzrolle des Großvaters füllt diese Lücke aus, ohne dem Kind die Möglichkeit zu geben, die Realität der Trennung oder Scheidung der Eltern zu integrieren und eigene, wenn auch begrenzte, Beziehungen zum Vater aufzubauen. Dies blockiert den Prozess einer gesunden Ablösung und die Bildung eines objektiven Vaterbildes.
Praxisbeispiel: In Fällen, in denen der Großvater regelmäßig die Enkelin von der Schule abholt, an Elternabenden anstelle der Mutter teilnimmt und ihre Freizeit ohne ihre Beteiligung plant, entwickelt das Mädchen eine Loyalität zum Konflikt. Sie ist hin- und hergerissen zwischen Mutter und Großvater, was zu wachsender Angst und neurotischen Symptomen (Enuresis, Schulfehlanpassung) führt.
Das Kind, insbesondere im Alter der Identitätsbildung (3-12 Jahre), nimmt die Welt durch klare Rollen wahr: Mutter, Vater, Großmutter, Großvater. Ihre Vermischung führt zu kognitivem und emotionalem Dissonanz.
Verzerrung von Geschlechts- und Altersmodellen: Vater und Großvater verkörpern grundsätzlich unterschiedliche soziale Rollen. Der Vater stellt in der Regel ein Modell für aktives, modernes, zukunftsorientiertes Verhalten dar, das oft mit der Außenwelt verbunden ist. Der Großvater steht für Weisheit, Tradition und die Verbindung zur Vergangenheit. Der Ersatz nimmt dem Kind einen wichtigen Aspekt männlicher Sozialisation und bietet stattdessen manchmal ein zu rigides oder im Gegenteil nachgiebiges „Großvater-Modell“ an.
Entstehung von Co-Abhängigkeitsmustern: Der Großvater, motiviert durch eigene unerfüllte Bedürfnisse (die Tochter retten, sich wieder gebraucht fühlen, Fehler der Jugend kompensieren), kann unbewusst beim Enkelkind Schuldgefühle oder Verpflichtungen ihm gegenüber erzeugen. Dies formt die Einstellung: „Ich muss beim Großvater sein, sonst ist er traurig.“ Dies kann später zu einer Unfähigkeit führen, gesunde, gleichberechtigte Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen.
Schwierigkeiten bei der Ablösung: Der normale jugendliche Aufbegehren gegen die Eltern, das für die Erlangung von Selbstständigkeit notwendig ist, richtet sich in dieser Situation gegen die Mutter, während die Großvaterfigur „heilig“ und unantastbar bleibt. Dies schafft eine verzerrte, ungesunde Dynamik, die den Reifeprozess erschwert.
Interessante Tatsache: Forschungen im Bereich der Entwicklungspsychologie (Freud, Erikson) zeigen, dass für die Entwicklung einer gesunden Geschlechtsrollenidentität bei Mädchen ein positiver, aber klar definierter Vaterbild notwendig ist. Selbst bei dessen Abwesenheit kann dieses Bild durch Erzählungen der Mutter und seltene Begegnungen konstruiert werden. Der aktive physische und emotionale Ersatz des Vaters durch den Großvater schafft in der Psyche des Kindes einen „blinden Fleck“ und kann zu Schwierigkeiten beim Aufbau von Beziehungen zu Männern im Erwachsenenalter führen.
Für die Mutter (Tochter des Großvaters): Die Situation begünstigt eine Infantilisierung der Mutter. Sie kann, gestresst durch die Trennung vom Partner, unbewusst zulassen, dass der Vater Verantwortung übernimmt, was ihr eigenes persönliches Wachstum, die Stärkung der elterlichen Kompetenz und den Aufbau eines neuen Lebens hemmt. Dies kann sie in der Rolle der „ewigen Tochter“ festigen, statt als erwachsene Frau und Mutter zu agieren.
Für den Großvater: Sein Verhalten ist oft von guten Absichten geleitet, birgt aber ernsthafte Risiken:
Emotionale Erschöpfung: Die Übernahme der untragbaren Last elterlicher Funktionen im hohen Alter führt zu körperlicher und psychischer Erschöpfung.
Bruch sozialer Kontakte: Alle Ressourcen werden auf die Enkelin konzentriert, was sein eigenes Leben verarmt und ihn vom Austausch mit Gleichaltrigen isoliert.
Unrealistische Erwartungen: Indem er alle Kräfte in die Rolle des „Vatersetzers“ steckt, erwartet der Großvater unbewusst lebenslange Dankbarkeit und Aufmerksamkeit, was in Zukunft zu bitterer Enttäuschung führen kann, wenn die Enkelin eigene Interessen und eine eigene Familie hat.
Das Eingreifen des Großvaters kann die ohnehin komplizierten rechtlichen Beziehungen zwischen getrennt lebenden Eltern erschweren. Seine aktive Rolle kann in Gerichtsverfahren über Umgangsrechte als Argument gegen den Vater verwendet werden, was die Situation weiter polarisiert und den Konflikt auf die Erwachsenen fokussiert, statt auf die Interessen des Kindes. Zudem kann dies beim Großvater die Illusion von Entscheidungsrechten erzeugen, die rechtlich den Eltern zustehen.
Alternative, gesunde Großvaterrolle: „zusätzliche Ressource“ statt „Ersatz“
Der wesentliche Unterschied liegt nicht in der Zeit, die mit der Enkelin verbracht wird, sondern in der Qualität der Rolle. Ein gesundes Szenario sieht vor, dass der Großvater:
eine Brücke zur Familiengeschichte und Tradition ist, eine Quelle bedingungsloser Liebe und Unterstützung, die nicht an Erfolge oder Verhalten gebunden ist.
ein „sicherer Hafen“, in dem man sich von angespannten Familienbeziehungen erholen kann, aber nicht für immer Zuflucht sucht.
eine Hilfe für die Mutter, die auf deren Anfrage und im Rahmen ihrer Regeln handelt, nicht nach eigenem Ermessen.
Beispiel eines gesunden Modells: Der Großvater holt die Enkelin einmal pro Woche von der Schule ab, nimmt sie mit ins Museum oder zum Angeln, erzählt Familiengeschichten, entscheidet aber wichtige Fragen zu Bildung, Gesundheit und Disziplin gemeinsam mit der Mutter und respektiert deren letztes Wort. Er kritisiert den Vater nicht in Gegenwart des Kindes, sondern hilft ihr, die komplizierte Situation zu verstehen, ohne seine eigene, großväterliche Position aufzugeben.
Die Gefahr der Ersatzrolle des Großvaters liegt in der Substitution temporärer Unterstützung durch eine dauerhafte strukturelle Verzerrung. Es ist der Versuch, aktuelle Probleme (Hilfe für die alleinerziehende Mutter, Füllen einer Lücke) auf Kosten des langfristigen Wohlergehens des Kindes zu lösen. Der Ausweg aus dieser Situation erfordert das Bewusstsein aller Erwachsenen, möglicherweise mit Unterstützung eines Familienpsychologen. Das Ziel ist nicht, den Großvater zu entfernen, sondern ihn in seine einzigartige und wertvolle Rolle zurückzuführen, gleichzeitig das Eltern-Kind-Subsystem (Mutter-Kind) zu stärken und, wenn möglich, gesunde Grenzen zum Vater zu etablieren. Fürsorge bedeutet hier nicht, „alles selbst zu übernehmen“, sondern der Tochter zu helfen, eine starke Mutter zu werden, und der Enkelin zu ermöglichen, sowohl den Großvater als auch den Vater zu lieben, ohne zwischen ihnen zerrissen zu sein, und zu verstehen, dass jeder in ihrem Leben einen eigenen, besonderen und unersetzlichen Platz einnimmt.
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