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Das Bild des Bären in Literatur und Film: von dem totemischen Symbol der Kraft zum Symbol der Verletzlichkeit

Das Bild des Bären in der Weltkultur hat eine der dramatischsten Transformationen durchgemacht: von einem sakralen Totem und Inkarnation der unbesiegbaren Kraft der Natur bis hin zum komischen Dummkopf und schließlich zum komplexen Symbol des ökologischen Krisen und traumatisierter Identität. Diese Evolution spiegelt die Veränderung der Beziehung des Menschen zur wilden Natur und zu sich selbst wider.

Archetypische Wurzeln: Kraft, Herrschaft, Chthonizität

Im Mythos und Folklore belegt der Bär fast immer die höchste Stufe in der zoomorphen Hierarchie.

Totemischer Ahn und Herrscher des Waldes: Bei vielen Völkern des nördlichen Hemisphäres (Slawen, Germanen, Finnisch-Ugrier, Ureinwohner Amerikas und Sibiriens) war der Bär ein heiliges Tier, ein Totem, «Herr des Waldes». Sein Name wurde oft tabuisiert (daher Euphemismen: russ. «Herr», «Kosolapiy», dt. «Meister Petz»). In dieser Funktion verkörperte er die unbesiegbare Kraft, Fruchtbarkeit und Verbindung mit dem chthonischen (unterirdischen) Reich (aufgrund der Winterschlaf in der Höhle, der als Reise ins Reich der Toten und Rückkehr wahrgenommen wurde).

Folkloristischer Dualismus: Im Märchen ist der Bär oft dumm, unbeholfen, aber gefährlich im Zorn. Er kann Antagonist (»Masha und der Bär«) sein, aber auch Helfer (der Bär in »Die Prinzessin auf der Erbse« hilft, den Tod des Koschei zu erlangen). Diese Dualität (Gefahr/ Hilfe) legte die Grundlage für viele spätere Interpretationen.

Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts: vom romantischen Symbol zur Allegorie des Zustands

Iwan Turgenew, »Die Aufzeichnungen eines Jägers« (Erzählung »Die Sänger«): Der Bär ist hier Teil des realistischen Landschaftsbildes, aber bereits als Symbol der mächtigen, aber zurückgehenden, zähmbaren Russland. In der Erzählung »Der Bär« (1888) verwendet Tschechow das Bild in einem komischen Kontext, um einen groben Grundbesitzer zu symbolisieren, aber dahinter verbirgt sich eine soziale Satire.

Jack London, »Der weiße Kiefer« und andere Geschichten: Der Bär bei London ist das absolute Gesetz der wilden Natur, die Kraft, die Wölfe und den Menschen auf die Probe stellt. Er ist die Inkarnation des anonymen, brutalen und majestätischen natürlichen Ausleseprozesses.

William Faulkner, »Der Bär« (1942): Der Gipfel des symbolischen Verständnisses. Der legendäre Bär Old Ben ist ein Mythos, eine Herausforderung, die wilde Natur Amerikas, die der Mensch (der Jäger Ike McCaslin) nicht nur töten, sondern verstehen und, in gewisser Weise, unterkriegen muss. Der Tod des Bären symbolisiert das Ende der wilden Natur und den Beginn der Zeit des Eigentums und der Sünde (verknüpft mit Sklaverei). Hier wird der Bär zur Allegorie der verloren gegangenen Unschuld und des Gewissens der Nation.

Kinematografie: visuelle Kraft und Antropomorphisierung

Das Kino hat dank des visuellen Rahmens sowohl die bedrohlichen als auch die menschlichen Züge des Bären verstärkt.

Der Bär als Naturkraft und Bedrohung:

»Der Überlebende« (2015) von Alejandro G. Iñárritu: Die Attacke des Grizzlybären auf Hugh Glass ist die Quintessenz des chthonischen Schreckens, die Begegnung des Menschen mit einer absolut fremden, amorphen, total zerstörerischen Kraft der Natur. Hier ist der Bär nicht ein Charakter, sondern eine Sturmflut, ein Akt rein unsterblicher Materie.

»Der Bär« (1988) von Jean-Jacques Annaud: Der Film, der fast mit dokumentarischer Genauigkeit gedreht wurde, zeigt die Welt aus der Perspektive eines Bärenjungen. Der erwachsene Grizzlybär tritt nicht als Monster, sondern als einsames, majestätisches und verletzliches Wesen, Opfer von Wilderei, in Erscheinung. Dies ist ein Umsturz im Verständnis: Der Bär aus dem Jagdobjekt wird zum Subjekt einer Tragödie.

Der Bär als Allegorie der Gesellschaft und der menschlichen Laster:

»Der Bär« (2014) von Jewgeni Bykow: Der riesige Bär, der die Bewohner eines abgelegenen Dorfes terrorisiert, ist eine Metapher für staatliches Gewaltmonopol, Willkür und kollektive Feigheit. Das Monstrum von außen wird zum Spiegel des inneren Elends der Gesellschaft.

Antropomorphisierung: vom komischen Dummkopf zum tragischen Helden:

Disneys »Bruder Bär« (2003): Die Tradition, den Menschen in ein Tier zu verwandeln, um Empathie zu lehren, wird fortgesetzt. Hier ist der Bär Träger familiärer Werte, der Verbindung mit dem natürlichen Geist und der Weisheit der Ahnen.

Die Filme über Winnie Puuh (seit 1966): Puh ist der Bär als Kind, ein Philosoph des naiven Verständnisses. Seine »Asche im Kopf« und die selbstlose Freundschaft repräsentieren die infantile, präsoziale Stufe der menschlichen Psyche, die instinktiven (Hunger, Bindung) und einfachen Freuden lebt.

Der Film »Ted« (2012) von Seth MacFarlane: Der Plüschbär, der auf Wunsch eines Kindes zum Leben erweckt wird, ist das hypertrophierte Alter Ego des Hauptcharakters, die Inkarnation seiner Infantilität, unangemessener Wünsche und des Widerstands gegen das Erwachsenwerden. Dies ist die extreme Form der Antropomorphisierung, bei der der Bär vollständig die Projektion menschlicher Komplexe ist.

Der moderne Wandel: Der Bär als Spiegel des ökologischen und psychologischen Krisen

Die neuesten Interpretationen machen den Bären zum Symbol globaler Probleme.

»Gryzli« (Dokumentarserie, 2021): Die Bären werden nicht als abstrakte Bedrohung oder süße Tiere gezeigt, sondern als komplexe gesellschaftliche Wesen, deren Lebensraum durch den Klimawandel und das Handeln des Menschen zerstört wird. Ihr Bild wird zu einem Appell zur Anerkennung der ökologischen Katastrophe.

»Mein Freund Bär« (2022) von Gérard Depardieu: In dieser Fabel ist der aus dem Zirkus geflohene Bär ein Symbol unterdrückter Trauma, Sehnsucht nach Freiheit und »Wildheit«, die der Mensch in die Schranken der Zivilisation drängen will. Seine Beziehung zum Hauptcharakter ist eine Metapher für den Versuch, seine natürliche und soziale Existenz zu versöhnen.

Nationale Besonderheiten des Bildes

Russland: Der Bär ist ein alter und ambivalenter Symbol selbst Russlands. Einerseits — der »russische Bär« als Symbol der rohen Kraft, Unbeweglichkeit und potenziellen Gefahr in der westlichen Propaganda. Andererseits — der postsowjetische Bild des «verletzten», unglücklichen Bären (wie in den kultigen Anekdoten oder im Film »Besonderheiten der nationalen Jagd«), der das nationale Selbstgefühl des Krisenzeitraums widerspiegelt.

Der Nordamerika: Der Grizzly oder Baribal — Symbol des wilden Westens, der unbesiegten Natur, der individuellen Freiheit und der Herausforderung (von Jack London bis zu »Der Überlebende«).

Schluss: vom »Herrn des Waldes« zum verletzlichen Symbol des Planeten

Die Transformation des Bildes des Bären in der Kultur ist eine Geschichte des Abbauens der Distanz und der Zunahme von Empathie. Vom sakralen Schrecken vor dem »Herrn« — über die Romantisierung der Kraft — zum komischen Herabsetzung — und schließlich zum tragischen Bewusstsein seiner Verletzlichkeit.

Heute ist der Bär in Literatur und Film häufiger ein Indikator für die Gesundheit (oder Krankheit) der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Er ist nicht mehr nur ein Symbol äußerer Kraft, sondern ein Symbol innerer Zerbrechlichkeit: der Zerbrechlichkeit der Ökosysteme, der Psyche (Verletzung, Infantilität) und der moralischen Grundlagen der Gesellschaft. Dieser Wechsel vom Bild der Bedrohung zum Bild des zu schützenden — ist vielleicht das wichtigste kulturelle Erbe der letzten Jahrzehnte, ein Zeichen unseres langsamen, aber unumkehrbaren Umdenkens unseres Platzes in der Welt.


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