In alltäglicher Sprache, die an Kinder gerichtet ist, hört man oft Sätze wie «Wie erwachsen du schon bist!» oder «Du handelst wie eine große Mädchen», die an Mädchen im Alter von 6 bis 9 Jahren gerichtet sind. Auf den ersten Blick scheinen dies harmlose Worte der Unterstützung und Anerkennung zu sein, die das Selbstbewusstsein stärken oder helfen sollen. Allerdings stellen solche Ausdrücke aus der Perspektive der Kinderpsychologie, Linguistik und Soziolinguistik ein komplexes kommunikativen Phänomen dar, das sowohl positive als auch potenziell destruktive Bedeutungen in sich trägt. Ihre Zulässigkeit kann nicht eindeutig bewertet werden und erfordert eine Analyse des Kontexts, der Absicht des Sprechers und der Wahrnehmung des Kindes.
Psychologischer Aspekt: Altersgrenzen und Identität
Das Alter von 6 bis 9 Jahren (das Grundschulalter) ist ein kritischer Zeitraum für die Entwicklung der Konzeption «Ich» und der sozialen Identität. Das Kind sucht aktiv nach Antworten auf Fragen wie «Wer bin ich?», «Wie bin ich?», «Was bedeutet es, gut zu sein?». Seine Selbstwertgefühl ist noch extrem instabil und stark von den Bewertungen wichtiger Erwachsener abhängig — Eltern, Lehrern.
In diesem Kontext erfüllt der Satz «du bist schon erwachsen» eine doppelte Funktion:
Positiv (Stärkung erwünschten Verhaltens): Ein Erwachsener, der das Mädchen «erwachsen» nennt, möchte die Entfaltung von Verantwortung, Selbstständigkeit und Hilfe fördern (z.B. «du hast so erwachsen deiner Großmutter geholfen»). Dies funktioniert als Etikett, das das Kind motivieren kann, dem positiven Bild zu entsprechen. Auf kurzfristige Sicht ist dies ein effektiver pädagogischer Ansatz.
Negativ (impliziter Druck und Rollenumkehr): Die Gefahr liegt in der Vertauschung von Begriffen. Ein Mädchen in diesem Alter ist nicht erwachsen weder biologisch, noch psychologisch, noch sozial. Es benötigt Schutz, Anleitung, das Recht auf Fehler und kindliche Formen des Verhaltens (Spiele, Spontaneität, emotionale Direktheit). Die ständige Betonung seiner «Erwachsenheit» kann:
Einen inneren Konflikt schaffen: Das Kind fühlt sich der Notwendigkeit ausgesetzt, einem hohen Status zu entsprechen, aber gleichzeitig erlebt alterstypische Ängste, Bedürfnisse nach Abhängigkeit und Unverständnis für komplexe Situationen.
Angst und Angst vor dem Nichtzustand auslösen: Wenn ich «erwachsen» bin, weil ich gut aufräume, dann wer bin ich morgen, wenn ich das nicht will? Es scheint, dass Liebe und Anerkennung bedingt und von «erwachsenem» Verhalten abhängig sind.
Interessanterweise zeigen Studien in der Kinderpsychotherapie (z.B. die Arbeiten von Alice Miller), dass Kinder, die zu früh und oft für «Erwachsenheit» und «Selbstständigkeit» gelobt wurden, im Erwachsenenalter oft Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Wünsche zu erkennen, leiden unter dem Syndrom des perfekten Schülers und Perfektionismus und streben immer nach dem Einklang mit äußeren Erwartungen.
Linguistischer Aspekt: Die Kraft des «Etiketts» und der Effekt des semantischen Umbruchs
Die Sprache beschreibt nicht nur die Realität, sie konstruiert sie aktiv, insbesondere für das sich entwickelnde Bewusstsein. Festgelegte Ausdrücke werden zu inneren Narrativen. Der Epithet «erwachsen» angewendet auf ein Kind, ist eine semantische Metapher, die die wichtigste altersbezogene Grenze verwischt. Im Prozess der Sprach- und Denkfähigkeitserziehung nimmt das Kind nicht nur das direkte Bedeutung der Wörter, sondern auch ihre Konnotationen an. «Erwachsenheit» wird mit Kraft, Kompetenz, Kontrolle, Unabhängigkeit in Verbindung gebracht. Aber auch mit Pflichten, Einschränkungen, dem Verlust des Rechts auf Schwäche.
Wenn ein Erwachsener sagt «du handelst wie eine große Mädchen», gibt er implizit die Nachricht: «kindliches Verhalten (das dir jetzt natürlich ist) ist weniger wertvoll oder unerwünscht». Dies kann den Verzicht auf wichtige Etappen der emotionalen Entwicklung beschleunigen, die mit dem Spielen und der spontanen Erforschung der Welt verbunden sind. Ein Beispiel aus der Soziolinguistik: In Kulturen, in denen Kindern traditionell mit großer Achtung als kleinen Erwachsenen begegnet wird (z.B. in einigen intellektuellen Familien der Vergangenheit), wird ein früheres intellektuelles Reifung beobachtet, aber oft zu Lasten der emotionalen und sozialen Plasticität.
Sozialer und geschlechtsspezifischer Kontext: Druck auf Mädchen
Die Ausdrücke «Mädchen erwachsen» und «schon erwachsen» im Zusammenhang mit Mädchen tragen eine zusätzliche geschlechtsspezifische Last. Mädchen erhalten bereits im Vorschulalter von der Gesellschaft stärkere Signale für «vorbildliches» und «verantwortungsbewusstes» Verhalten als Jungen. Sie werden häufig für Gehorsamkeit, Ordnung und Fürsorge gelobt. Der Satz «du bist doch eine erwachsene Mädchen» wird oft im Kontext von Anforderungen an die Selbstkontrolle, Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft gesagt («nicht renn, nicht schrei, hilf dem Jüngeren»). Auf diese Weise kann unter dem Vorwand eines Kompliments ein enger, stereotype Standard der «guten Mädchen» vermittelt werden, der ihre natürliche Aktivität und das neugierige Interesse begrenzt.
Alternative Strategie: Lob für das Handeln, nicht für den Status
Der Schlüssel zu sicherem und effektivem Kommunikation liegt in der Verschiebung des Fokus von der Zuweisung von Status («du bist erwachsen») auf die Beurteilung eines spezifischen Verhaltens oder einer Qualität.
Anstatt: «Wie erwachsen du bist!
Es lohnt sich zu sagen: «Ich schätze, wie verantwortungsbewusst du deinen Rucksack gesammelt hast», «Ich habe sehr von deiner Fürsorge für deinen Bruder profitiert», «Du hast viel Geduld und Durchhaltevermögen bewiesen».
Diese Formulierung:
Gibt genau an, welche Verhaltensweisen erwünscht sind.
Formt eine gesunde Selbstwertgefühl, die auf realen Kompetenzen und nicht auf einem abstrakten und bedingten Status basiert.
Schlussfolgerung: Kontext ist alles
Somit ist die Zulässigkeit der Ausdrücke «Mädchen erwachsen» und «schon erwachsen» nicht absolut. Einmalige, situative Verwendungen in einer Atmosphäre der Liebe und Unterstützung, in der das Kind nicht Zweifel an seinem Recht auf Kindheit hat, sind wahrscheinlich harmlos. Allerdings birgt die systematische Verwendung als Hauptwerkzeug der Anerkennung oder, noch schlimmer, als Manipulation («verhalte dich erwachsen, sonst…») Risiken für die Entwicklung einer authentischen Persönlichkeit, die in der Lage ist, ihre Bedürfnisse und Schwächen zu erkennen. Die Aufgabe des Erwachsenen ist es, die wachsende Kompetenz des Kindes anzuerkennen und zu schätzen, ohne es des kostbaren und unersetzlichen Rechts zu berauben, der es in der aktuellen Phase zu sein: nicht «kleine Erwachsene», sondern einfach ein Kind, das die Welt in seinem für dieses Alter einzigartigen Tempo erkundet.
New publications: |
Popular with readers: |
News from other countries: |
![]() |
Editorial Contacts |
About · News · For Advertisers |
Digital Library of Kazakhstan ® All rights reserved.
2017-2026, BIBLIO.KZ is a part of Libmonster, international library network (open map) Keeping the heritage of Kazakhstan |
US-Great Britain
Sweden
Serbia
Russia
Belarus
Ukraine
Kazakhstan
Moldova
Tajikistan
Estonia
Russia-2
Belarus-2