Das Essay von Sigmund Freud «Das Unheimliche» («Das Unheimliche», 1919) ist nicht nur ein literarisch-psychanalytischer Essay, sondern eine grundlegende Arbeit über Ästhetik und Psychologie des Schreckens, in der das Weihnachtsgeschichte von E.T.A. Hoffmann «Der Sandmann» zum zentralen klinischen und kulturellen Beispiel wird. Freud nutzt diese Novelle, um seinen Ansatz zu illustrieren, dass das «Unheimliche» nicht etwas prinzipiell Neues oder Fremdes ist, sondern die Rückkehr eines lange bekannten, aber in das Unbewusste verdrängten kindlichen Erlebnisses, oft verbunden mit einem Trauma. In diesem Kontext tritt Weihnachten nicht als Fest, sondern als chronologischer Marker auf, der den Moment der psychischen Katastrophe festhält.
Freud beginnt mit einer linguistischen Analyse des deutschen Wortes unheimlich (unheimlich, unheimlich). Er zeigt, dass sein Antonym heimlich nicht nur «heimisch, gemütlich» bedeutet, sondern auch «verborgen, heimlich». Somit ist unheimlich nicht einfach «nicht-heimisch», sondern etwas, das bleiben sollte, verborgen, aber herausgekommen. Dieses semantische Feld führt zum psychoanalytischen Kern: Das Unheimliche ist das, was einmal heimlich, bekannt, Teil des «Hauses» der Psyche (z.B. kindliche Ängste, Komplexe) war, aber verdrängt wurde, und jetzt in einer verfremdeten, fremden Form zurückkehrt, was Angst erregt.
Freud analysiert die Novelle von Hoffmann detailliert und hebt die strukturellen Elemente der Neurose hervor.
Die Weihnachtsnacht als Szene der ursprünglichen Trauma: Der Höhepunkt der kindlichen Ängste des kleinen Nathanäls ereignet sich genau am Weihnachtstag. Er, der auf Geschenke wartet, späht den Vater und den schrecklichen Anwalt Koppelyus (Vorbild des Sandmanns — eines mythischen Wesens, das Sand in die Augen der Kinder wirft, damit sie einschlafen) aus. Der Junge wird Zeuge eines schrecklichen Alchemieexperiments, das mit Augengewalt in Verbindung gebracht wird. Der Fest der Geschenke wird zu einer Szene der Angst und des Schreckens vor der Vaterfigur, die in einen guten Vater und den bösen Koppelyus gespalten wird.
Die Bedrohung, «die Augen auszureißen» durch den Sandmann, wird zum Kern der Phobie. Der Weihnachtsgeschenk wird somit dauerhaft mit der Bedrohung des Verlustes und nicht mit dem Erhalt verbunden.
Manische Wiederholung und Spaltung des Bildes des Vaters: Das Trauma, das am Weihnachtstag erlitten wird, bestimmt das gesamte spätere Leben Nathanäls. In der Jugend trifft er auf zwei Charaktere, in denen die Merkmale von Koppelyus projiziert werden: die Optiker Giuseppe Coppolo und den Professor Spalanzani. Dieses manische Wiederholen ist ein klassischer neurotischer Mechanismus, bei dem die Psyche die traumatische Situation unbewusst wiederholt, um sie «neu zu spielen».
Die Puppe Olympia als «Unheimliches» Wiederbeleben des Toten: Das Interesse von Nathanäls an der Automatenpuppe Olympia ist für Freud ein zentraler Episoden. Hier entsteht das Unheimliche aus der Unbestimmtheit zwischen Lebendigem und Totem. Olympia scheint lebendig zu sein, ist aber ein Mechanismus. Diese Unbestimmtheit berührt einen tiefen kindlichen Konflikt: Kinder animieren oft Puppen, aber auch Ängste vor ihnen haben. Die lebendige Puppe ist die Rückkehr der animistischen Glaubensvorstellungen der Kindheit, die der zivilisierte Erwachsene lange Zeit abgelegt hat.
Freud baut faktisch eine etiologische Modell der Neurose der Zwangsstörungen, indem er Hoffmann analysiert:
Traumatisches Ereignis: Die Szene am Weihnachtstag.
Verdrängung: Kindliche Ängste und Affekte werden in das Unbewusste verdrängt.
Rückkehr des Verdrängten in einer «unheimlichen» Form: In der erwachsenen Lebenszeit durch Phobien (Furcht vor dem Sandmann/Opfern), Zwangshandlungen und Objekte (Puppe Olympia).
Symbolische Verknüpfung. Der Fest wird zu einem bedingten Reflex, einem Trigger, der die Angst auslöst.
So zeigt Freud, wie ein einzigartiges, aber intensives Erlebnis, das an einen kalendarischen Fest gebunden ist, der Organisationsprinzip der gesamten psychischen Lebensweise werden kann, die Realität des Menschen durch das Spiegelbild des kindlichen Schreckens deformieren kann.
Obwohl die Interpretation Freuds kanonisch geworden ist, sehen moderne Forscher in «Der Sandmann» und mehr breitere Bedeutungen:
Kritik des wissenschaftlichen Rationalismus: Hoffmann und daraufhin Freud stellen die Grenze zwischen Lebendigem und Mechanischem in Frage, was besonders in der Ära der industriellen Revolution und des entstehenden künstlichen Intelligenz relevant ist. Die Angst vor dem Automaten ist auch die Angst, die menschliche Substanz zu verlieren.
Trauma als Verletzung der Privatsphäre und des Vertrauens: Nathanäls wird Zeuge eines geheimen, «erwachsenen» und brutalen Welt des Vaters. Das Weihnachtsfest als familiäre Idylle wird durch das Eindringen des realen Vater-Demiurgen, der Gewalt anrichtet, zerstört. Dies ist eine Trauma der Enthüllung und des Verlustes des sicheren kindlichen Welt.
«Unheimliche» in der digitalen Ära: Die Konzeption Freuds hat sich für die Analyse der modernen Kultur als unglaublich gefragt erwiesen. Das Phänomen der «schrecklichen Schlucht» (uncanny valley) in der Robotik und CGI ist eine direkte Fortsetzung der Idee der Angst vor dem fast Lebendigen, aber nicht ganz Menschen. Soziale Netzwerke, voller «lebendiger» Bilder der Vergangenheit und deepfake, sind ein Nährboden für einen neuen Typ von unheimliche.
Interessanter Fakt: Freud selbst soll, nach Zeugnissen, starke Ängste am Vorabend des Weihnachtsfestes gehabt haben, die einige Biographen mit seinen komplexen Beziehungen zu seinem Vater und möglicherweise mit seinen eigenen unbewussten Assoziationen in Verbindung bringen, die er so brillant beschrieben hat.
Die Arbeit Freuds führt die Analyse der Feste aus der Soziologie und Kulturwissenschaft in das Gebiet der klinischen Psychologie des individuellen Erlebnisses hinaus. Sie zeigt, dass:
Feste, insbesondere solche emotional intensiven wie Weihnachten, starke Magneten für Projektionen kindlicher Konflikte sind.
Nostalgie und Angst, die oft die Feste begleiten, können nicht nur «Atmosphäre» sein, sondern eine aktive Rückkehr des Verdrängten.
Trauma, das an einen kalendarischen Datum gebunden ist, erhält eine besondere Stabilität, da das kulturelle Kontext (Schmuck, Rituale, Erwartungen) jährlich die Neuronennetze, die mit dem ursprünglichen Erlebnis verbunden sind, reaktiviert.
Das Essay von Freud «Das Unheimliche» macht die Weihnachtsgeschichte von Hoffmann zu einer universellen Paradigma für das Verständnis der psychischen Trauma. Es zeigt, wie ein Fest, das heimlich (heimisch, gemütlich) sein soll, zum Katalysator des schrecklichsten Erlebnisses werden kann — der Begegnung mit dem eigenen verdrängten kindlichen Schrecken.
Der freudianische Analyse lehrt, dass Neurose oft nicht abstrakt, sondern kalendarisch-mythologische Architektur hat. Das Trauma, wie das Fest, wiederholt sich, manisch zurückkehrend in Form von Symptomen. «Der Sandmann» wird somit nicht nur zu einer schrecklichen Geschichte, sondern zu einer Allegorie der Arbeit des Unbewussten, wo die Weihnachtskrippe nicht nur gemütliches Licht, sondern auch lange, verfremdete Schatten verdrängter Erinnerungen wirft. In diesem Sinne ist jeder Fest eine potenzielle Begegnung mit eigenem «Sandmann», mit dem, was wir einmal in den weitesten Winkel der Psyche versteckt haben, aber was weiterhin ein autonomes, schreckliches Leben führt, bereit, in einem Moment herauszukommen, in dem wir mehr als alles andere Frieden und Freude erwarten.
New publications: |
Popular with readers: |
News from other countries: |
![]() |
Editorial Contacts |
About · News · For Advertisers |
Digital Library of Kazakhstan ® All rights reserved.
2017-2026, BIBLIO.KZ is a part of Libmonster, international library network (open map) Keeping the heritage of Kazakhstan |
US-Great Britain
Sweden
Serbia
Russia
Belarus
Ukraine
Kazakhstan
Moldova
Tajikistan
Estonia
Russia-2
Belarus-2