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Soutine und Modigliani: die Brüder der Verlassenen am Montmartre

Einführung: der mythologisierte Bund der Außenseiter

Die Freundschaft von Jacques Soutine (1893–1943) und Amedeo Modigliani (1884–1920) ist eine der markantesten und dramatischsten Seitenkapitel in der Geschichte der Pariser Schule. Ihr Verhältnis, das von Legenden über die bohemische Armut, gegenseitiger Unterstützung und künstlerischem Feuer umgeben ist, stellt einen klassischen Beispiel für ein künstlerisches Brüderband dar, bei dem persönliche Sympathie und gemeinsame Schicksale stärker waren als stilistische Unterschiede. Ihr Bund wurde zum Symbol einer ganzen Epoche — der heroischen und tragischen Montmartre der 1910er Jahre.

Kontext der Begegnung: «Die Bienenkiste» und Armut als Sturm

Soutine und Modigliani trafen sich um 1915–1916 in der Mitte des pariser künstlerischen Lebens — am Montmartre. Beide waren Emigranten (Modigliani aus Italien, Soutine aus der russischen Kaiserreich), Juden, aus bescheidenen Familien stammend, die auf Französisch mit einem Dialekt sprachen und an der Armutsgrenze lebten. Soutine lebte im berühmten Künstlerkollektiv «Die Bienenkiste» (La Ruche), wo es unter unhygienischen und kalten Bedingungen, aber eine künstlerische Energie brodelte. Modigliani, bereits in engen Kreisen durch seine Zeichnungen und skulpturalen Experimente bekannt, war eine charismatische, aber destruktive Figur, die unter Tuberkulose und Alkoholismus litt. Es war Modigliani, der ältere und besser in die Szene integriert, den schüchternen, exzentrischen und absolut unangepassten Soutine unter seine Fittiche nahm.

Charakter der Freundschaft: Patenonkel und Protegé

Ihre Freundschaft war nach dem Modell «Lehrer — Schüler» aufgebaut, obwohl Soutine im rein künstlerischen Sinne schnell Selbstständigkeit erlangte.

Materialische und moralische Unterstützung: Modigliani vertrat Soutine bei seinen Marchands (z.B. Leopold Zborowski), führte ihn durch Museen (insbesondere in den Louvre, wo beide vor Rembrandt, Goya und El Greco ehrten), und versuchte, ihn in das gesellschaftliche Leben einzugliedern, was schlecht gelang — Soutine schämte sich seiner Kleidungslücken und Manieren.

Schutz und Brüderlichkeit: Modigliani, bekannt durch seine Skandale und Zornausbrüche, schützte den stillen Soutine vor Spott und Angriffen. Sie sahen oft gemeinsam in den Cafés «Ronde» oder «Dome» v, wo Modigliani trank, und Soutine still daneben saß.

Legendarischer Porträt: Im Jahr 1917 schuf Modigliani eines seiner berühmtesten Porträts Soutines. Auf ihm wird der Künstler in einer typischen Modigliani-Manier dargestellt: verlängerte, fließende Linien, Mandeläuge, eine elegante Abgelegenheit. Dennoch strahlt die Haltung eine nervöse Spannung aus, und die Hände, die auf den Knien festgepresst sind, verraten die Angst und Unruhe des Modells. Dieses Porträt wurde das wichtigste visuelle Dokument ihrer Freundschaft.

Künstlerische Überschneidungen und Unterschiede

Trotz ihrer Nähe waren ihre künstlerischen Welten radikal unterschiedlich.

Modigliani: Linie und Form.

Kult der Schönheit und Harmonie: Selbst in seiner «Unschönheit» suchte Modigliani nach idealen, musikalischen Proportionen. Sein Ursprung liegt in der antiken Archaik, der afrikanischen Skulptur, dem Kunst des Trecento.

Graphisches Element: Seine Malerei ist ein feines Zeichnen, gefüllt mit Farbe. Der Kontur dominiert, die Form ist geschlossen und skulptural.

Mensch als Universum: Er schuf einen Kanon — verlängerte Hälse, Mandeläuge, kleine, runde Lippen — durch den er alle Porträtierten durchließ, schuf eine Galerie melancholischer, innerlich konzentrierter Bildnisse.

Soutine: Materie und Ausdruck.

Kult der Wahrheit und des Affekts: Soutine interessierte nicht die Harmonie, sondern die existentielle Essenz. Sein Ursprung liegt im Barock, insbesondere in Rembrandt, bei dem er das Arbeiten mit Licht und Psychologismus lernte.

Malerei als solche: Für ihn war der Farbton und die Textur das Wichtigste. Die Form entstand aus der dichten, pastösen Farbe, die oft unter dem Druck der Emotionen deformiert wurde.

Mensch als Teil der Sturm: Seine Porträts sind Sprengköpfe nervöser Energie. Die Züge sind verformt durch Grimassen oder Schmerz, der Körper Teil eines allgemeinen Wirbels aus Pinselstrichen. Er schuf keinen Typus, sondern enthüllte die Nerven des Modells.

Gemeinsames: Beide arbeiteten im Genre des Porträts und des Nu, lehnten Abstraktion und Kubismus ab und blieben der Figuration treu in der Zeit ihres Krisis. Und am wichtigsten — beide sahen in der Kunst nicht die Ästhetik, sondern die Confession und das Eingeständnis.

«Rote Treppe»: Fakt und Mythos

Eine der bekanntesten Legenden verbindet Soutine und Modigliani mit dem Bild «Rote Treppe in Cannes». Nach einer apokryphen Geschichte soll Modigliani, um dem hungernden Soutine zu helfen, seine Arbeit zu verkaufen, angeblich zwei kleine Figuren auf seinem Leinwand gemalt haben, um den Landschaft zu «leben». Kunstwissenschaftler halten dies für einen Mythos: Die Figuren gehören stilistisch zu Soutine selbst aus dieser Zeit. Dennoch ist die Legende bedeutend — sie spiegelt das Bild Modiglianis als Schutzherr, der in den Chaos Soutines Ordnung und «Verkäuflichkeit» einbringt.

Der Tod Modiglianis und seine Auswirkung auf Soutine

Die frühe Tod Modiglianis von tuberkulösem Meningitis im Januar 1920 war für Soutine eine schwerwiegende Krise. Er war einer der Wenigen, die seinen Freund auf den letzten Weg begleiteten. Dieser Verlust verschärfte sein Einsamkeit. Kurze Zeit später beginnt jedoch Soutines «Aufstieg»: Der amerikanische Sammler Albert Barnes kauft etwa 50 Werke von ihm. Paradoxerweise kam der Tod Modiglianis, der seine Verbindung zur Welt war, mit Soutines professionellem Anerkennung zusammen.

Das Erbe der Freundschaft in der Kunstgeschichte

Sein Bund hat eine tiefgreifende Spur hinterlassen:

Bild des «verfluchten Künstlers»: Das Duo Modigliani-Soutine wurde zum Archetyp des tragischen, hungrigen, aber von künstlerischem Eifer besessenen Genies, der später in der Massenkultur romantisiert wurde.

Gegenseitiges Bereichern: Obwohl ihre Stile nicht verschmolzen, könnte der ständige Dialog möglicherweise Soutines Gefühl für Form und Modiglianis Interesse an einer größeren künstlerischen Freiheit in seinen späteren Werken verschärft haben.

Documentarischer Wert: Porträts, Briefe (wenig) und Erinnerungen von Zeitgenossen (z.B. von Modiglianis Frau Jeanne Hebuterne, dem Händler Leopold Zborowski) fixierten einzigartige menschliche und künstlerische Beziehungen.

Schluss: Zwei Einsamkeiten

Die Freundschaft zwischen Soutine und Modigliani ist eine Geschichte des nicht stilistischen Ähnlichkeits, sondern des tiefen existentiellen Verwandtschafts. Sie verbanden eine gemeinsame Schicksalsgemeinschaft der Außenseiter, unbehaglich im Leben und fanden nur in der Kunst und in einander Halt. Modigliani, selbst auf der Kante balancierend, versuchte, Soutine in die Welt zu führen, und Soutine, seinerseits, bestätigte durch seine absolute, fanatische Hingabe an die Malerei das Recht auf ihren gemeinsamen Weg.

Sie repräsentierten zwei Pole eines Phänomens: Modigliani — ein tragischer Ästhet, Soutine — ein heftiger Visionär. Ihr Bund wurde eine kurze, aber leuchtende Flamme menschlicher Solidarität im Inferno der pariser Bohème, und ihre Schicksale — ein lehrreiches Beispiel dafür, wie persönliche Dramen und Brüderlichkeit Katalysatoren für die Geburt künstlerischer Welten sein können, die ihre Schöpfer um Jahrhunderte überdauern.


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