Die Praxis der Einsetzung von Erdekapseln in Tempeln oder anderen heiligen Orten, die aus historischen Erinnerungsorten (Kampffelder, Todesorte heiliger, zerstörter Heiligkeiten, Konzentrationslager) importiert werden, stellt einen komplexen religiopolitischen Ritual dar. Er geht über einfache Gedenkhandlungen hinaus und wird zu einem Akt symbolischer Repatriation, der heiligen Räume verbindet und die kollektive Identität konstruiert. In diesem Kontext wird die Erde nicht nur Erde; sie wird zu einer Reliquie, Träger des « Genius loci » (Geist des Ortes), eines materiellen Zeugnisses historischer Wunde oder Ruhm, der «an» den Ort ewiger Erinnerung – den Tempel – «angebaut» werden soll.
Die Tradition hat tiefgreifende historische Parallelen:
Kult der Reliquien im Christentum: Die Überbringung und Bestattung von Teilen der Reliquien heiliger (Antimensen) im Altar oder unter dem Altar ist obligatorisch für die Weihe des Tempels. Die Erde von einem Martyriumsort oder von Taten heiliger wird hier als Analogon oder Ergänzung zu den Reliquien betrachtet, insbesondere wenn die Reliquien verloren gegangen sind. Sie ist eine kontaktuelle Reliquie (brandea), die die Heiligkeit des Ortes in sich aufnimmt.
«Erde der Verheißung» und Pilgerfahrt: In der jüdischen und christlichen Tradition gilt die Erde von Israel/Palästina selbst als heilig. Die Überbringung von Erde von dem Zionberg, von Golgatha oder von Bethlehem für die Aufnahme in die Grundlage des Tempels in der Diaspora symbolisierte die geistige Verbindung mit dem Ursprung des Glaubens, die Schaffung eines «kleinen Stückes Heiligen Landes» im Ausland.
Praxis der «beschworenen Erde»: In der russisch-orthodoxen Tradition bestand die Praxis, Erde von Orten zu bringen, die durch den Einsatz von Mönchen heilig wurden (z.B. vom Valaam, aus der Optina-Kloster), um in die Grundlage neuer Klöster oder für die Gestaltung von Klostergärten zu legen. Dies war ein Akt der Segnung und Kontinuität.
Interessanter Fakt: Nach dem Krimkrieg (1853–1856) und der Verteidigung Sewastopols in Russland entstand die Praxis, Erde von Befestigungen und Grabmalen für die Einsetzung in Kriegshäuser und Gedenktempel zu bringen. Dies kann als eine der ersten massiven säkularen (kriegsdenkmalischen) Anpassungen alter religiöser Rituale betrachtet werden.
Die Einsetzung der Kapsel ist ein mehrstufiger symbolischer Akt:
Akt der Inkorporation (Einbindung): Fremde, ferne, «heldenhafte» oder «traurige» Erde wird physisch in das Körper des Tempels eingebaut. Auf diese Weise verschmelzen das Raum der Erinnerung (Kampffeld, Todesort) und der Gebet (Tempel). Der Tempel wird nicht nur ein Mahnmal, sondern auch eine symbolische Grabstätte für alle, deren Erde im Grund des Tempels ruht.
Akt der Legitimation und Weihe: Die überbrachte Erde wird oft durch eine Weiheritualeinheit geführt. Auf diese Weise erhält das historische Ereignis (häufig tragisch) eine religiöse Deutung und wird in die Kategorie des Opfers oder des Heldentums in den Dienst des Glaubens oder der Heimat übersetzt. Der Ritual verleiht dem Ereignis einen sakralen Status.
Akt der Verbindung der Gemeinschaften: Die Erde kann durch die Anstrengungen vieler Menschen (Veteranen, Suchenden, Einwohnern) gesammelt werden, was den Akt ihrer Einsetzung in ein kollektives Handeln zur Schaffung eines «Ortes der Erinnerung» umwandelt. Der Tempel wird zu einem Sammelpunkt für eine zersplitterte Gruppe der Erinnerung.
Akt der zeitlichen Transkription: Die Vergangenheit (Ereignis) wird im Gegenwart (Kapsel) materialisiert und in die Ewigkeit (Tempel als «Haus der Ewigkeit») eingelassen. Dies ist ein Versuch, das Vergessen zu überwinden, die Erinnerung unerschütterlich zu machen, wie der Fundament des Tempels.
Heute wird der Ritual in verschiedenen Kontexten aktiv verwendet:
Militärdenkmalpraxis: Der häufigste Fall. Erde von den Schlachtfeldern des Großen Vaterländischen Kriegs (Prochorowfeld, Kurgan Slawy, Mamajew Kurgan) wird für die Einsetzung in Tempel gebracht. Dies ist Teil der staatlichen Gedächtnispolitik, die einen einheitlichen Narrativ über den Opfer und den Sieg schafft, der geografisch «an» den zentralen sakralen Objekt «gebunden» ist.
Erinnerung an unschuldige Opfer, Repressionen und neue Märtyrer: Erde von ehemaligen Konzentrationslagern, Todeslagern (Trostenez, Dachau, Flossenbürg u.a.), sowie Lagern des Gulag wird in Tempel gelegt, die den Ermordeten und Gequälten in der faschistischen Gefangenschaft, den neuen Märtyrern und Bekenntnismärtyrern gewidmet sind. Hier dient der Ritual der kirchlichen Kanonisation historischer Wunde und dem Gedenken an die Opfer.
Beispiel: In der Krypta des Minsker Gedenktempels für alle Heiligen und zur Erinnerung an die Opfer, die dem Vaterland gerettet haben, werden Kapseln mit Erde aus Orten der Erinnerung aufbewahrt. Dieser Akt hat eine einzigartige symbolische Karte der militärischen Ehre und des Mutigkeits des belarussischen Volkes von der Antike bis zur Gegenwart geschaffen, die in einen einzigen sakralen Zentrum integriert ist. Die Rituale der Einsetzung der Kapseln wurden regelmäßig in den Medien übertragen und wurden zu einem massiven medienwirksamen Ereignis.
Im modernen Welthistorie und der Praxis ist der Ritual nicht von Kritik und Widersprüchen frei:
Ritualisierung und Entwertung: Bei massiver, manchmal formeller Massenproduktion kann der Ritual an Tiefe verlieren und zu einem obligatorischen Element des «patriotischen Designs» eines neuen Tempels oder Denkmals werden.
Konflikt der Interpretationen: Erde von einem und demselben Ort (z.B. Schlachtfeld) kann in Tempeln konkurrierender Seiten eingesetzt werden, die jedem Ereignis ihre Bedeutung ( Heldentum/Tragödie, Sieg/Niederlage) geben. Die Erde wird zu einem Schauplatz der Konkurrenz von Gedenkern.
Ethische Fragen: Der Transport von Erde von Orten massiver Bestattungen oder Konzentrationslager kann als Verletzung des Friedens der Toten betrachtet werden, selbst wenn das Ziel die Ewigerung der Erinnerung ist. Wichtig ist der Kontext und die Art der Sammlung (heilige Handvoll Erde von der Straßenseite vs. Exhumation).
Die Einsetzung der Erdekapsel ist eine Technologie zur Schaffung einer «sakralen Geographie», in der die physische Fläche des Landes oder der Geschichte symbolisch in einen Punkt gesammelt wird – den Tempel. Dies ist ein Versuch, den Bruch zwischen Geschichte (Vergangenheitsereignis) und Ewigkeit (religiöser Sinn) zu überwinden, zwischen Peripherie (Ort des Heldentums) und Zentrum (nationales Gedenkort).
Im modernen Welt, wo traditionelle Formen des Gedenkens unter Erosion leiden, bietet dieser Ritual eine mächtige, spürbare und emotional aufgeladene Form der Konservierung und Übertragung der kollektiven Identität. Er arbeitet an der Schnittstelle von Religion, Geschichte und Politik und ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie archaische religiöse Formen mit neuem, aktualem Inhalt gefüllt werden, dienen den Zielen der Nationalzusammenführung, der Legitimation der Macht und des Kampfes gegen historisches Vergessen. Unabhängig von der Bewertung beweist dieses Ereignis, dass in der Ära der digitalen Archive die materielle, «sprechende» Erde nach wie vor eine enorme symbolische Kraft besitzt.
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