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Georges Bataille über Kunst: Sakrales, Opfer und Unmögliches

Georges Bataille (1897–1962), französischer Philosoph, Schriftsteller und Akademie-Marginal, vertrat eine radikale, «verfluchte» Kunsttheorie, die weit von der Ästhetik der Schönheit oder des Utilitarismus entfernt ist. Für Bataille ist Kunst nicht Harmonie, sondern Explosion, nicht die Schöpfung von Formen, sondern ihre Zerstörung, nicht die Versöhnung mit der Welt, sondern der Bruch zum Unmöglichen. Seine Gedanken, die von Anthropologie, Psychoanalyse und mystischem Erlebnis gespeist werden, sehen in der Kunst den Schlüssel zum Verständnis des Sakralen in der säkularen Epoche.

1. Kunst als Erfahrung des «inneren Erlebens» und Verletzung von Tabus

Bataille stellt das klassische Kunstverständnis als Mimesis (Nachahmung der Natur) und Schöpfung von schönen Illusionen seinem Konzept des «inneren Erlebens» (expérience intérieure) entgegen. Dies ist eine Erfahrung, die über das diskursive Denken hinausgeht, eine Erfahrung des Ekstases, Schreckens, Lachens, Eros und des Todes — alles, was die eigene Subjektivität in Frage stellt.

Kunst, die diesen Namen verdient, muss eine solche Erfahrung hervorrufen. Sie ist mit der Verletzung grundlegender Tabus verbunden, die, nach Bataille, die Grundlage der menschlichen Gesellschaft bilden: Tabus über den Tod, über Gewalt, über die körperliche Niedrigkeit (Exkremente, Verwesung). Die Aufgabe des Künstlers ist es nicht, diese Tabus unter dem Mantel der Schönheit zu verbergen, sondern sie zu enthüllen, die ursprüngliche, archaische Verbindung der Kunst mit dem Sakralen wiederherzustellen. Sakrales für Bataille ist nicht Güte, sondern eine ambivalente Kraft, gleichzeitig anziehend und abweisend, rein und unrein.

Beispiel: Der spanische Maler Francisco Goya. Seine späten «Schwarzen Bilder», insbesondere «Saturn, der seinen Sohn frisst» — keine Darstellung eines Mythos, sondern eine direkte Visualisierung des Schreckens, der Zerstörung der Form, des tierischen Gewalts. Hier gibt es keine ästhetische Distanz — es gibt ein direktes Stößt auf den heiligen Schrecken, das der battailistischen Idee der Kunst als Opfer entspricht (hier — des Opfers des Kanons und des Verstands).

2. «Verfluchte Schicksalsgöttin» der Kunst: Verschwendung, Überfluss und negative Ökonomie

In seinem wichtigsten ökonomisch-philosophischen Werk «Verfluchte Schicksalsgöttin» (1949) stellt Bataille die Idee einer allgemeinen Ökonomie vor, die nicht auf der Anhäufung und Produktion (positive Ökonomie) basiert, sondern auf der unentgeltlichen Verschwendung, dem Verbrauch (dépense) und dem Opfer. Kunst gehört genau zu diesem Bereich der «verfluchten Schicksalsgöttin» — sie ist nutzlos, unproduktiv, ein Akt reinen Verbrauchs von Energie, Zeit und Ressourcen.

Wahre Kunst, nach Bataille, ist ein «Potlatch» des Geistes (Anspielung auf den Ritus der nordamerikanischen Indianer, bei dem Häuptlinge im Zerstören ihres Besitzes wetteifern). Sie produziert nichts als den Moment des Ekstases. Dies ist ihr höchster Wert: Kunst steht dem utilitaristischen, grauen Logik des kapitalistischen Produktionen entgegen, erinnert an das souveräne, «verfluchte» Übermaß des Lebens.

Beispiel: Jackson Pollock und der abstrakte Expressionismus. Sein Verfahren der «Aktionismus» — nicht die Schöpfung eines Bildes, sondern ein körperlicher Akt des Verbrauchs: Sprühen, Schmieren von Farbe, direkte Investition körperlicher Energie in das Material. Das Bild wird nicht zum Objekt der Betrachtung, sondern zum Nachlass eines Verbrauchsakts, einer Arena, wo der Künstler sich ohne Rest verbraucht.

3. Loch, formless (formlos) und niedriger Materialismus

Bataille führt das Schlüsselkonzept «formlos» (informe) ein. Dies ist nicht einfach das Fehlen einer Form, sondern eine aktive Operation, die höhere, erhabene Begriffe «abwertet» und in Verbindung bringt mit dem Niederen, dem körperlichen, dem Materiellen. Die Aufgabe der Kunst ist es nicht, perfekte Formen zu schaffen, sondern sie zu zersetzen, die «Löcher» und «Risse» in der geordneten Realität zu enthüllen.

Verbunden mit diesem Konzept der «niedrigen Materialität» lehnt der Materialismus ab, sowohl der Idealismus als auch der klassische Materialismus. Bataille interessiert sich nicht für feste Körper, sondern für heterogene Materie: Leichen, faulig, exkretorisch, lachend — all das, was aus dem rationalen Welt ausgestoßen wird. Die Kunst muss sich mit dieser «verfluchten» Materialität befassen.

Beispiel: Die Skulptur von Alberto Giacometti. Seine dünnen, ausgemergelten, fast verwesten Figuren — keine Bilder von Menschen, sondern eine Visualisierung des intermittenaren Zustands zwischen Sein und Nichtsein, zwischen Form und ihrer Zerstörung. Dies ist keine Form, sondern ihre Auszehrung, ein «Loch» im Raum. Sein Kunstwerk zeigt nicht das Körper, sondern einen «Lichtstrahl» im Sein, was tief battailistisch ist.

Lachen, Eros und Tod: Kunst als Grenzerfahrung

Die höchsten Manifestationen des battailistischen Kunstwerks sind diejenigen, die den Subjekt auf die Kante des Verschwindens stellen: die Erfahrung des Lachens, des Eros und des Begegnens mit dem Tod. Lachen bei Bataille ist nicht Humor, sondern eine Konvulsion auf den Absurditäten des Seins, die Logik zerstört. Eros ist nicht Genuss, sondern die Verletzung der Grenzen der Individualität, ein kleines Sterben. Kunst sollte diese grenzüberschreitenden Zustände provozieren.

Beispiel: Der Marquis de Sade und die Literatur. Für Bataille ist de Sade eine Schlüsselfigur, denn seine Texte sind nicht Pornografie, sondern ein systematisches, fast wissenschaftliches Forschen über die Verletzung aller möglichen Tabus durch Gewalt und Eros. Dies ist ein literarischer Experiment, um die Souveränität (Verzicht auf alle sozialen Gesetze) bis zum absurden und schrecklichen Ende zu bringen.

Beispiel: Performances und Body-Art der 1960er bis 1970er Jahre. Die Aktionen von Gilbert und George oder die frühen Werke von Vito Acconci, wo das Körper des Künstlers Risiken und Erniedrigungen ausgesetzt wird, seine Grenzen erforscht werden — direkte Nachkommen der battailistischen Programm. Dies ist Kunst als Ritual ohne Glauben, wo das Opfer (des Künstlers) vollzogen wird, um zum «Unmöglichen» zu brechen.

Erbe und Einfluss: von «Documents» bis zur Gegenwart

Bataille war kein systematischer Kunsttheoretiker, aber seine Ideen, die in der Zeitschrift «Documents» (1929-1930) und anderen Arbeiten dargelegt wurden, haben den Postmodernismus, insbesondere die Denker Jacques Derrida (Konzept des «formlosen») und Jean-François Lyotard (Idee des Erhabenen), stark beeinflusst. Man kann ihn als Vorläufer der Antiästhetik, der Kunstpraktiken, die mit der Körperschaft, der Gewalt und den Tabus arbeiten (Pina Bausch, Mark Quinn, Damien Hirst), betrachten.

Schluss: Kunst als Opfer des Sinns
Für Georges Bataille ist Kunst ein sakraler Akt in einer Welt, die das Sakrale verloren hat. Seine Funktion ist nicht, zu trösten oder zu verschönern, sondern zu zerstören, wie ein Opfer, gewohnte Kategorien, den Zuschauer über sich selbst hinauszuführen, mit dem Erlebnis des formlosen, des Überflusses und des inneren Erlebens zu konfrontieren. Dies ist die Kunst der «verfluchten Schicksalsgöttin»: unproduktiv, verschwenderisch, gefährlich und notwendig. Sie erinnert daran, dass unter der dünnen Haut der Zivilisation und Rationalität eine heterogene, unzähmbare Leben brodelt, und nur durch ihre Anerkennung — durch Lachen, Eros und das Treffen mit dem Nichts — kann der Mensch einen flüchtigen, souveränen Erfahrung der Freiheit gewinnen. In der Ära der totalen Utilisierung und der Simulation klingt Batailles Aufruf zur Kunst als zum Explosion der Realität besonders aktuell.


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