Der Ballett von P.I. Tschaikowski “Nussknacker”, das auf dem Märchen von E.T.A. Hoffmann “Nussknacker und der Mausekönig” (1816) basiert, ist ein einzigartiger kultureller Mantel, in dem der ursprüngliche Text mehrfach neu geschrieben und neu interpretiert wurde. Der Bruch zwischen der düsteren, ironischen, psychologisch komplexen Novelle Hoffmanns und dem hellen, festlichen, fast didaktischen Ballett, das es in das kollektive Bewusstsein des 20. und 21. Jahrhunderts gebracht hat, zeigt Mechanismen kultureller Anpassung, Zensur und Mythologisierung. Die Analyse dieser Transformation erfordert einen interdisziplinären Ansatz, der Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft, Ballettgeschichte und Kunstsoziologie umfasst.
Die ursprüngliche Geschichte Hoffmanns ist ein komplexes Werk mit mehreren Bedeutungsebenen:
Verletzung und ihre Überwindung: Der Plot basiert auf der wahren Geschichte der Nichte Hoffmanns, Marie, die im Kindesalter von einem Wickeltisch gefallen ist und eine Kopfverletzung erlitten hat. In der Geschichte spiegelt sich dies im Motiv der Wunde des Nussknackers wider, die nur nach dem Sieg über den Mausekönig heilt. Die Geschichte wird zur Metapher für die Heilung der kindlichen Verletzung durch Liebe und Treue.
Doppelgänger und Wahnsinn: Hoffmann, ein Jurist im Beruf, untersucht fein die Grenze zwischen Realität und Wahnsinn. Onkel Drosselmeier ist nicht ein guter Zauberer, sondern ein dunkler, demiurgischer Charakter mit einem „großen gelben Gesicht“ und einem schwarzen Pflaster über dem Auge, der gleichzeitig schöne Spielzeuge und gefährliche Automaten schafft. Der Konflikt zwischen Welten (Puppenwelt/lebendige Welt, Kindheit/Erwachsenheit) schafft eine beunruhigende, surrealistische Atmosphäre.
Grusel und gesellschaftliche Satire: Das Reich der Puppen ist nicht nur ein Ort der Wunder, sondern auch eine Parodie auf das bürgerliche Gesellschaft mit seinen Konventionen. Die Geschichte vom harten Nussknacker und der Prinzessin Pirlipat ist eine Satire auf Kastenzugehörigkeit, äußere Schönheit und Puritanismus.
Interessantes Detail: Im Original hieß der Hauptcharakter Marie, nicht Clara. Clara ist ihre Puppe. Diese Substitution in der Ballettversion beseitigt einen wichtigen Nuance: Marie assoziiert sich mit der Puppe, was die Motivation der Auflösung der Identitätsgrenzen verstärkt.
Das Libretto von Marius Petipa, das auf der französischen Adaption von Alexander Dumas père basiert, wurde der erste und entscheidende Filter, der den Hoffmann-Text abmilderte.
Abmildern des Psychologismus: Motive der Angst, des Wahnsinns und des Doppelgängers verschwanden. Die Geschichte wurde zu einer linearen Märchengeschichte vom Guten, das das Böse besiegt. Drosselmeier wurde zu einem guten Onkel.
Stärkung des Weihnachts-/Neujahrskontexts: Der Ballett wurde von der Direktion der kaiserlichen Theater für Weihnachten 1892 in Auftrag gegeben. Petipa machte bewusst den Akzent auf das familiäre Fest und die kindlichen Freuden, das den Anforderungen des Publikums entsprach.
Der musikalische Genie Tschaikowskis als transzendentales Element: Die Musik Tschaikowskis, die genial ist, ging noch einen Schritt weiter auf dem Weg der „Reinigung“. Sie füllte die Geschichte mit Lyrik, Klarheit und Grandiosität. Themen wie der „Tanz der Feen-Dраже“ oder das Adagio aus dem Pa-de-de schufen einen emotionalen Landschaft, weit entfernt von der Hoffmannschen Ironie und dem Schrecken.
Aber und in der ursprünglichen Ballettversion (Choreografie Lew Ivanov) blieben Elemente des Merkwürdigen und Schrecklichen erhalten (z.B. eine dunklere Szene der Schlacht).
Ein entscheidender Schritt zur Transformation des “Nussknackers” in ein weihnachtliches Muss der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts.
Version von George Balanchine (1954, New York City Ballet): Balanchine, aufgewachsen im Mariinski-Theater, aber in den USA tätig, schuf ein etabliertes nicht-sowjetisches Modell für den Westen. Er hyperte die Festlichkeit, machte das Stück so hell, süß und zugänglich wie möglich. Der Ballett wurde zum zentralen familiären Weihnachtsevent in den USA, und seine Ästhetik beeinflusste alle folgenden Aufführungen.
Sowjetische Aufführungen (z.B. Grigorovich, 1966): In der Sowjetunion, wo Weihnachten unter Verbot stand, wurde “Nussknacker” zum Hauptneujahrsspektakel. Jurij Grigorovich distanzierte sich noch mehr von Hoffmann, machte das Stück zu einer philosophischen Allegorie über die ewige Auseinandersetzung zwischen Gutem und Bösen, wo Marie (ihren Namen gab man zurück) ein Symbol der reinen, rettenden Seele ist. Das Drehbuch wurde von „bourgeois“ Motiven bereinigt, der Akzent lag auf dem kollektiven Anfang und dem Sieg.
So wurde bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ein globaler „süßer“ Kanon geformt: das Ballett als schöne, friedliche Märchengeschichte über ein Mädchen, eine Puppe, den Sieg über die Mäuse und die Reise nach Konfekturburg. Hoffmann blieb im Schatten.
In den letzten 30 Jahren kehren Choreografen aktiv zu der Komplexität des ursprünglichen Textes zurück und unterziehen den Kanon der Dekonstruktion.
Psychoanalytischer Ansatz: Inszenierungen, die die Verletzung, das Wachstum und die Erotik betonen.
Mats Ek (Schwedischer Königlicher Ballett): Sein “Nussknacker” (1999) ist eine düstere, surrealistische Welt großer Kinder in Pijamas, wo die Erwachsenen karikaturhaft aussehen und die Süßigkeiten riesig und beunruhigend sind. Es ist eine Geschichte über den schmerzhaften Übergang vom Kindesalter in die Pubertät.
Jurij Posochow (Großer Theater): In seiner Version ist Clara ein Waisenkind in einem Waisenhaus, und die Magie entsteht in ihrem entzündeten Vorstellungsvermögen. Das Ballett wird zu einer Untersuchung der Psyche eines Kindes, das Einsamkeit erlebt.
Sozialkritischer Ansatz: Choreografen nutzen den Plot, um über die Gegenwart zu sprechen.
Michael Boriskin und Matthew Hart (Ballett San Francisco): Versetzen das Handlungsort in San Francisco von 1915, machen Drosselmeier zu einem Erfinder und die Reise zu einem Traum von einem neuen Welt.
Acram Khan (Königlicher Ballett Flandern): Setzt die Geschichte in den Kontext der Migration und des Verlustes des Heims. Die Familie Claras sind Flüchtlinge, die Mäuse sind Kräfte, die ihr Wohnen entnehmen.
Technologischer und multimedialer Ansatz: Mit der Verwendung von Projektionen, Videokunst und komplexen Dekorationen, die selbst zu Akteuren des Geschehens werden, um das Thema künstlich/real hervorzuheben (Verweis auf die Hoffmannschen Automaten).
Der Ballett hat lange den Rahmen des Theaters verlassen und ist Teil der globalen Festivitätenindustrie geworden:
Die musikalische Thema wird in Werbung, Film, mobilen Anwendungen verwendet.
Die Bilder des Nussknackers und des Mausekönigs werden in Form von Weihnachtsfiguren, Dekorationen, Designobjekten vervielfältigt.
Unzählige Verfilmungen (von Disneys “Fantasie” bis zum düsteren “Nussknacker und die vier Reiche”) vereinfachen und führen den Plot noch weiter vom Original ab.
Dieses Wandeln in einen kulturellen Markenartikel ist ein natürlicher Ausgangspunkt für seine „Veredelung“ und Reinigung von den dunklen Seiten.
Die Geschichte des “Nussknackers” ist die Geschichte einer ununterbrochenen kulturellen Schlacht zwischen Komplexität und Zugänglichkeit, zwischen Schrecken und Gemütlichkeit, zwischen erwachsenem Psychologismus und Kindermärchen.
Der ursprüngliche Hoffmann-Text bleibt ein unbequemes, provokatives Herausforderung, die zum Nachdenken über die Natur der Realität, der Verletzung und den dunklen Seiten der menschlichen Psyche einlädt. Der kanonische Ballett “Nussknacker” wurde zu einem universellen Sprachgebrauch des Festes, einem Ritual, das Familien vereint und die Werte des Guten und der Schönheit überträgt.
Moderna Inszenierungen versuchen, einen Ausgleich zu finden, das vergessene Inhalt in die bekannte Form zurückzubringen. Sie beweisen, dass “Nussknacker” kein versteinertes Denkmal ist, sondern ein lebender Organismus, der in der Lage ist, die Ängste und Fragen seiner Epoche widerzuspiegeln: von Identitätsproblemen und Einsamkeit bis hin zu sozialen Katastrophen und Migrationskrisen. In diesem dialektischen Bewegung zwischen Hoffmann und Tschaikowski, zwischen schrecklicher Märchengeschichte und süßem Traum, liegt die ewige Lebenskraft dieses Werks. Es klopft weiterhin hart auf die harte Schale der gewohnten Vorstellungen, bietet an, hereinzusehen – sei es das Kern des magischen Nussknackers oder die verborgenen Ecken der menschlichen Seele.
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